Im Jahr 1891 veröffentlichte Papst Leo XIII. seine Enzyklika „Rerum Novarum“ (in der deutschen Übersetzung: „Geist der Neuerung“). Für viele stellt sie den Ursprung der katholischen Soziallehre und die Grundlage für unsere heutige Soziale Marktwirtschaft dar.

Im 19. Jahrhundert waren die Bedingungen für die Arbeiter in Europa alles andere als rosig: Die fortschreitende Industrialisierung trieb die immer schneller wachsende Bevölkerung vom Land in die Städte, wo sie in „Mietskasernen“ auf engstem Raum hausen musste und die Löhne in den Fabriken im besten Falle zum Überleben reichten. So etwas wie Arbeitsschutz gab es damals kaum, Kinderarbeit und Unfälle waren an der Tagesordnung – und wer nicht mehr mithalten konnte, der wurde eben entlassen. Als Folge litt ein Großteil der Menschen an Unter- und Mangelernährung, Krankheiten breiteten sich zu Epidemien aus und die Kriminalität wuchs. Ehemals angesehene Handwerker und Einzelhändler genau wie große Teile der Gesellschaft verarmten. Das Kapital und die Produktionsmittel hingegen befanden sich in der Hand einiger weniger Unternehmer.

Klare Fronten

Die unter dem Begriff der „sozialen Frage“ diskutierte Verelendung führte rasch zur Bildung einer Vielzahl von Gruppierungen, die für eine Verbesserung der Bedingungen kämpften, wie zum Beispiel Gewerkschaften und (neu gegründete) Genossenschaften. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts hatten sich zwei klare Fronten gebildet: Auf der einen Seite die Liberalisten, die die Rolle des Staates nur in der Sicherung und Herstellung von Recht und Ordnung sahen und ihm ein Einmischen in wirtschaftliche Prozesse untersagen wollten – und auf der anderen Seite die Sozialisten, die die Enteignung der Kapitalisten durch den Staat als einziges Mittel sahen, die soziale Frage zu lösen. Auf der einen Seite die Überhöhung der Freiheit des Individuums – und auf der anderen Seite die Missachtung des Individuums im Kollektiv.

„Der dritte Weg“

Genau zu dieser Zeit veröffentlicht Papst Leo XIII. seine Enzyklika „Rerum Novarum“. Darin beschreibt er seinen auch als „dritten Weg“ bezeichneten Lösungsansatz. Dabei lehnt er in der Schrift Enteignungen ab, da sie den Arbeiter um das Recht auf den Ertrag seiner Leistung brächten, welches er als von Natur aus gegeben betrachtet. Er kommt jedoch zu dem Schluss, dass die unregulierte Wirtschaft nicht mehr dem Allgemeinwohl und damit dem Menschen diene. Daher bräuchte es eine staatliche Wirtschaftsordnung und Sozialpolitik auf Grundlage der christlichen Werte. Zwischen den beiden Klassen der Arbeiter und Kapitalisten müsse Frieden herrschen, wobei dem Arbeiter im Gegenzug für seine erbrachte Leistung ein würdevoller Umgang und eine gerechte Entlohnung zustehe. Auch dürfe der Arbeiter nicht nur auf seine Aufgabe als Produktionsfaktor reduziert werden, sondern müsse als Mensch wahrgenommen werden, der schutzbedürftig ist. Es sei ungerecht, Leistung von den Arbeitern zu fordern, die zu ihrem Alter oder Geschlecht in Widerspruch stünden. Der Religion und der Kirche sprach Leo XIII. dabei eine führende Rolle bei der Bekämpfung sozialer Ungerechtigkeiten zu.

Wie sieht es heute aus?

Die Situation der Arbeitnehmer ist heute in unserer Sozialen Marktwirtschaft in der Regel eine ganz andere: Von einem durchschnittlichen Gehalt kann man sich eine anständige Wohnung leisten – an Unterernährung leidet keiner mehr. Es gibt umfangreiche Gesetze zum Arbeitsschutz, zur Mitbestimmung, zur Regelung von Urlaub und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall sowie einen Mindestlohn. Über sechs Millionen Menschen sind in einer DGB-Gewerkschaft organisiert. Die Bürger sind durch gesetzliche Kranken-, Unfall-, Renten-, Pflege- und Arbeitslosenversicherungen vor den schlimmsten Risiken geschützt. Ist also alles gut in unserer schönen neuen Welt? Was in Papst Leos Enzyklika ist auch heute, 125 Jahre später, in unserer schnellen, hochtechnisierten und immer digitaleren Arbeitswelt noch aktuell?

…so bleibt dennoch eine Forderung der natürlichen Gerechtigkeit bestehen, die nämlich, daß der Lohn nicht etwa so niedrig sei, daß er einem genügsamen, rechtschaffenen Arbeiter den Lebensunterhalt nicht abwirft.

Leider gilt die Feststellung, die Arbeitnehmer seien ausreichend abgesichert, nicht in vollem Umfang für alle. Scheinselbstständige haben keinen Anspruch auf den Mindestlohn, ebenso sind sie nicht in der gleichen Weise sozial abgesichert wie abhängig Beschäftigte. Und auch mit dem Mindestlohn reicht in vielen Haushalten das Geld ohne staatliche Hilfe nicht zum Leben. Der „Geist der Neuerung“ hat außerdem im Zuge der digitalen Revolution neue Formen der Arbeit hervorgebracht, mit denen die Gesetzgebung nun versucht Schritt zu halten. So halten sich viele Freiberufler und Selbstständige wie zum Beispiel Handwerker mit Aufträgen über Wasser, die auf Vermittlungsplattformen im Internet zu Dumpingpreisen verramscht werden. „Clickworker“ werden oftmals als billige Arbeitskraft ohne soziale Absicherung beim „Crowdsourcing“ ausgebeutet. Dabei werden Projekte wie beispielsweise Datenrecherche oder Übersetzung mit einer Vielzahl von Internetnutzern, die nicht beim Unternehmen angestellt sind, durchgeführt. In einigen Branchen wie im Design werden bei einer Crowdsourcing-Ausschreibung nur diejenigen bezahlt, die den Zuschlag erhalten. Arbeitsschutz sucht man hier vergebens, ebenso wie im (unter abhängig Beschäftigten) immer beliebteren Home Office.

Habet auch die gebührende Rücksicht auf das geistige Wohl und die religiösen Bedürfnisse der Besitzlosen; ihr Herren seid verpflichtet, ihnen Zeit zu lassen für ihre gottesdienstlichen Übungen.

In Deutschland ist der Schutz der Feiertage und des Sonntags im Gesetz festgeschrieben. Nur in ebenfalls gesetzlich geregelten Fällen darf gearbeitet werden. In den vergangenen Jahren wurde der Sonntagsschutz vor allem im Einzelhandel durch verkaufsoffene Sonntage immer weiter ausgehöhlt. Auch Handwerker halten sich oftmals nicht an das Verbot. Laut Statistischem Bundesamt arbeitete im Jahr 2014 über ein Viertel der Erwerbstätigen regelmäßig an Sonn- und Feiertagen – zwanzig Jahre früher war es noch ein Fünftel. Experten erklären den Trend vor allem mit dem Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft und der Digitalisierung.

…es ist ungerecht sie mit mehr Arbeit zu beschweren, als ihre Kräfte tragen können,…

Zwar liegt die durchschnittliche Zahl der Arbeitsstunden pro Woche heutzutage wesentlich unter dem Niveau des 19. Jahrhunderts, in den letzten Jahrzehnten stieg aber die Arbeitsintensität in vielen Berufen auf dramatische Weise an. Die in Zeiten von Smartphones von vielen Arbeitgebern geforderte ständige Erreichbarkeit hat zu einer weiteren Erhöhung der Arbeitsbelastung und damit zu steigenden Zahlen bei den Krankschreibungen und Frühverrentungen aufgrund psychischer Belastungen geführt.

Auch wenn heute vieles besser ist: So manche Aussage, die Papst Leo über die soziale Frage der damaligen Zeit macht, kann auf die Probleme unserer Arbeitswelt übertragen werden. Und so kann seine wegweisende Enzyklika heute nicht nur als Dokument eines wichtigen Teils der Geschichte der Christlich-Sozialen gelesen werden, sondern immer noch als Manifest für eine menschenwürdige Arbeitswelt abseits von Sozialismus und Ausbeutung.

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