Die ehemalige stellvertretende DGB-Bundesvorsitzende Ingrid Sehrbrock erinnert in der SO! daran, dass die Nazis vor 80 Jahren die Gewerkschaftshäuser besetzt und die freien Gewerkschaften verboten haben.

Am 2. Mai 1933 besetzen SA-Kommandos die Gewerkschaftshäuser in ganz Deutschland. Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter werden verhaftet, verprügelt, verschleppt. Die Nazis verwüsten Büros und Wohnungen. Die Gewerkschaften werden zerschlagen. Dieser Tag ist zweifellos einer der schwärzesten Tage in der jüngeren Geschichte der deutschen Gewerkschaften. Wer ihnen heute vorwirft, sie hätten damals nicht den Mut zur Selbstauflösung gehabt, muss wissen, was das für die Mitglieder bedeutet hätte: Im Juli 1932 waren 44 Prozent der in den freien Gewerkschaften Organisierten arbeitslos, 22 standen in Kurzarbeit. Sollten sich unter diesen Bedingungen Gewerkschaften auflösen?

Am 15. April 1933 begrüßt noch der Bundesvorstand des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB), dass die neue Reichsregierung den 1. Mai „zum gesetzlichen Feiertag der nationalen Arbeit, zum deutschen Volksfeiertag“ erklärt habe, und verbreitet einen Aufruf an die Mitglieder, sich an den national-sozialistischen Maifeiern zu beteiligen. Theodor Leipart, Vorsitzender des ADGB, bewertet die Lage so: „Die sozialen Aufgaben der Gewerkschaften müssen erfüllt werden, gleichviel welcher Art das Staatsregime ist“.

Einen Tag nach der „gelungenen“ Inszenierung des 1. Mai durch die Nationalsozialisten hoffen manche Gewerkschafter darauf, dass sie ihren anerkannten Platz im neuen Staat gefunden haben. Doch die Realität der Diktatur holt sie ein. Nach dem 2. Mai 1933 formieren sich gewerkschaftliche Widerstandsgruppen. Vorbereitet war man nicht auf illegale und konspirative Tätigkeit. Für viele Gewerkschaftsfunktionäre und ihre Familien beginnen Jahre des Schreckens und Leidens. In vier Wellen werden zahllose von ihnen verhaftet: von Februar bis April 1933, dann Anfang Mai 1933, eine dritte Welle folgt zu Beginn des Krieges.

Die Zahl der verfolgten, der inhaftierten, der in die Emigration gezwungenen Gewerkschafter geht in die Tausende.

Die vierte Verhaftungswelle beginnt nach dem 20. Juli 1944, sind doch an dessen Vorbereitung Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter beteiligt. Einige sollen nach der Beseitigung des Hitler-Regimes wichtige Funktionen übernehmen. Wilhelm Leuschner, stellvertretender Vorsitzender des ADGB, ist als Vizekanzler vorgesehen; Josef Wirmer, ehemals Rechtsberater des christlichen Gewerkschaftsbundes, soll Justizminister werden; Bernhard Letterhaus, Vorstandsmitglied des christlichen Textilarbeiterverbandes, ist für das Amt des Arbeitsministers vorgesehen. Dazu kommt es nicht. Wilhelm Leuschner und Josef Wirmer werden Anfang und Ende September hingerichtet, Bernhard Letterhaus am 14. November.

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