Das Internet verbindet Millionen Menschen auf der ganzen Welt miteinander. Es war noch nie so einfach, mit Freunden aus ganz Deutschland in Kontakt zu bleiben, sich mit völlig Fremden über gemeinsame Interessen auszutauschen, oder Aktionen zu organisieren, um sich Gehör zu verschaffen.

Doch das Internet hat unsere Art zu kommunizieren nicht nur verbessert. Der Ton untereinander ist auch rauer geworden. Die Sozialen Medien sind gerade bei politischen Themen ein Ort für Hass und Ausgrenzung. Doch verleiten Plattformen wie Facebook und Twitter zu mehr Aggression? Und welche Konsequenzen sollte die Politik aus dieser Entwicklung ziehen?

Soziale Medien sind spätestens seit dem Aufstieg von Facebook nicht mehr aus unserer Gesellschaft weg zu denken. Allein in Deutschland hat die Plattform 32 Millionen Nutzer – weltweit 2,7 Milliarden. Kommunikation ist dank Facebook und Co. grenzenloser und auch vielfältiger geworden. Doch immer mehr Menschen spüren auch die Schattenseiten der grenzenlosen Kommunikation. In einer Studie des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft gaben ein Drittel der Befragten an, im Internet bereits beleidigt worden zu sein. 13 Prozent berichten sogar, ihnen sei im Netz Gewalt angedroht worden. Ebenso viele geben an, ihre Familien seien beleidigt oder bedroht worden.

Das Netz vergisst nicht
Einmal kommentiert, vergisst das Netz nichts. In den Sozialen Netzen kann eine Beleidigung zudem hundertfach oder tausendfach geteilt werden. Andere Nutzer springen auf den Zug auf und in Windeseile wird das Verhalten fremder Menschen kommentiert. Es ist diese Reichweite, die Social Media so erfolgreich macht.

Es gibt eine Internetgeschichte, die eindrucksvoll zeigt, welche Wirkung der Hass im Netz entfachen kann: Im Dezember 2013 schrieb die U.S. Amerikanerin Justine Sacco kurz vor einem Flug von New York nach Kapstadt eine Twitter Nachricht an ihre 170 Follower: „Auf dem Weg nach Afrika. Hoffentlich bekomme ich kein Aids. Nur Spaß. Ich bin weiß!“ Es sollte als Scherz über die weiße Überheblichkeit gemeint sein. Nur wurde es von vielen Internet-Nutzern nicht als solcher aufgefasst. Während Justine Sacco im Flugzeug über dem Atlantik schlief, wurde ihr Beitrag von zahllosen fremden Personen kommentiert und geteilt. Eine virtuelle Hetzjagd begann, an der sich Millionen
von Menschen weltweit beteiligten. Sie wurde beleidigt, ihr Arbeitgeber wurde informiert und ihrer Familie wurde offen mit Mord gedroht. Als der Flieger in Kapstadt landete, stand Justine Sacco vor den Trümmern ihrer Existenz. Ihr Arbeitgeber hatte ihr im Zuge des öffentlichen Drucks gekündigt und sie war auf einen Schlag eine der meistgehassten Personen der Welt.

Digitale Erziehung
Wie kommt es zu so einem (a)sozialen Verhalten im Internet? Es sind Algorithmen, die diesen Effekt unterstützen. Ein Beitrag, der viel kommentiert wird und entsprechend kontrovers ist, erzielt eine höhere Reichweite und wird von mehr Menschen gesehen. Studien aus dem Silicon Valley belegen, dass Extrempositionen die höchsten Interaktionsraten auf allen Social-Media-Kanälen erzeugen. Facebook und Co. beeinflussen damit unsere Kommunikation und Sprache, weil es jeden Nutzer konditioniert, die maximale Resonanz zu erreichen. Die Algorithmen verleiten die Nutzer polarisierende Debatten anzuheizen, anstatt sachliche Beiträge zu posten. Das erzeugt schließlich Likes und Reichweite. Gewinner des Systems sind die großen Plattform-Betreiber, die durch hohe Interaktionsraten Geld durch Werbung verdienen und zugleich unsere Daten sammeln.

Welche Sprengkraft dieses System der Social-Media Plattformen auch für das politische System in Deutschland hat, lässt sich spätestens seit dem Flüchtlingszustrom 2015 erkennen. Der Ton in den Debatten hatte sich merklich verschärft. Herabsetzende Bilder von Spitzenpolitikern werden produziert und verbreitet. Sehr oft mit extrem verkürzten aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten oder gleich mit gelogenen Behauptungen. Der Bundestagsabgeordnete Matthias Zimmer kennt die Situation und hat den Eindruck, dass insbesondere „social bots“, also Programme, die eigenständig Kommentare schreiben, das Problem weiter verschärfen: „Entweder werden sie von vielen Nutzern nicht als solche erkannt oder die Echtheit von Profilen wird erst gar nicht hinterfragt. So fühlen sich Nutzer oftmals durch den rauen Ton dieser „bots“ ermutigt oder bestärkt darin, ähnlich lautende Hasskommentare abzusetzen.“

Kommunikation als Waffe
Insbesondere im radikalen rechten und linken Spektrum etablierte sich eine starke Netz basierte Anfeindungs- und Ausgrenzungskultur, die gezielt Hass sät. Jeder sieht sich auf der richtigen Seite und bekämpft die Gegenseite mit allen verbalen MItteln. Die ARD-Dokumentation „Lösch Dich! So organisiert ist der Hate im Netz“ zeigt den mittlerweile hohen Organisationsgrad der rechtsorientierten Netz-Szene auf. Gezielt verabreden sich dort hunderte Nutzer, um Bürger und Institutionen zu diffamieren und gegen sie Stimmung zu machen. Angegriffen werden vorwiegend Anders-Denkende und gesellschaftliche Minderheiten. Das Internet dient als Schlachtfeld für eine andere Gesellschaft. Beleidigungen und Hasskommentare sind die modernen Waffen gegen sachliche Diskussionen und andere Meinungen im Internet. Dass dabei eine kleine aber gut vernetzte Gruppe viel Wirbel macht, fand das Institut für Strategischen Dialog heraus. Die Forscher werteten rund 3.000 Veröffentlichungen und 18.000 Kommentare im Internet aus. Dabei waren nur fünf Prozent der Accounts für 50 Prozent der Likes bei Hasskommentaren verantwortlich. Das Ergebnis: In den Diskussionen entsteht ein verzerrtes Bild über die Mehrheitsmeinungen. Dabei besteht die Gefahr, dass andere Nutzer und Politiker sowie Medienmacher glauben, die Kommentarspalten seien repräsentativ für die Stimmung in der Bevölkerung.

Die Bundesregierung hat 2017 auf das Problem mit dem Netzwerkdurchsuchungsgesetz (NetzDG) reagiert. Es verpflichtet die Betreiber von Social-Media Plattformen offensichtlich strafbare Inhalte binnen 24 Stunden nach Eingang einer Beschwerde zu löschen. Dabei werden 21 unterschiedliche Straftatbestände berücksichtigt: Von Beleidigung und Verleumdung über Bedrohung bis zu Volksverhetzung und der Aufforderung zu Straftaten. Anstatt zu bestrafen, soll kurzerhand gelöscht werden.

Die Deutungshoheit liegt damit bei den Plattformbetreibern und nicht bei rechtsstaatlichen Stellen. Eine erste Bilanz fiel nüchtern aus. Innerhalb des ersten Jahres wurden bei Facebook nur 862 Beiträge nach dem NetzDG gelöscht. Dagegen wurden bei der Videoplattform Youtube 112.941 Beiträge gelöscht. Das zeigt, die Plattformen gehen sehr unterschiedlich mit den Vorgaben des NetzDG um.

Ob dem Hass im Netz auf diese Weise überhaupt beizukommen ist, bleibt fraglich. Vor allem solange eine schweigende lesende Mehrheit, einer pöbelnden Minderheit das Feld überlässt. Der Ton im Netz wird dann menschlicher und höflicher, wenn wir immer wieder in charmantem und sachlichen Ton mit eigenen Kommentaren klar machen: Diskussion ja – gern auch kontrovers, aber immer mit dem nötigen Anstand.

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