Der monatelange Lockdown war für uns ein Riesenproblem“, sagt Laura Kempf, Inhaberin eines kleinen Cafés im Berliner Stadtteil Wedding. „Durch die Schließung des Lokals und die Kurzarbeit haben wir einige Angestellte verloren, die sich anderorts Jobs gesucht haben. Das rächt sich nun. Neues Personal ist nur sehr schwer zu finden.“ Wie Laura Kempf geht es aktuell vielen Gastronomen. Die Beschäftigungszahlen sind bisher deutlich geringer im Vergleich zur vor Corona-Zeit. Hochrechnungen der Bundesagentur für Arbeit zeigen: Im Juli 2021 waren im Gastgewerbe 15,6 Prozent weniger Menschen beschäftigt als im Vergleichsmonat vor der Pandemie, im Juli 2019. Konkret sind das 272.812 Arbeitskräfte weniger. Laut Angaben des Dachverbands des Gastgewerbes sind den Wirtsleuten und Hoteliers während der Pandemie mehr als 325.000 Mitarbeiter abhandengekommen. Gleichzeitig zeigen Auswertungen der Jobbörse StepStone, dass die Zahl der neu ausgeschriebenen Stellen in den Hotel- und Gastronomiebranche nach dem Lockdown um 62 Prozent gestiegen ist. Kurzum: Das verlorene Personal hat der Branche den Rücken gekehrt.

Alexander Preuss* ist einer jener Angestellten, die sich einen neuen Beruf gesucht haben.

Irgendwann reichte es. Statt weiter von Kurzarbeit zu leben und auf Arbeit zu warten, habe ich mir etwas Neues gesucht.

Eine Zeitlang habe ich in einem Corona-Testzentrum gearbeitet. Statt nachts am Tresen zu stehen, hatte ich dort einen stressfreien Arbeitsalltag mit besserer Bezahlung und abends frei. Eine Rückkehr zu meinem alten Job kann ich mir aktuell nicht vorstellen.“ Doch woran liegt das konkret? Geregelte Arbeitszeiten, mehr Freizeit, mehr Geld, mehr Anerkennung – das sind Aspekte, die für Wechsler vielfach für ihre Entscheidung ausschlaggebend sind. Neben den konkreten Arbeitsbedingungen wird das sehr niedrige Kurzarbeitergeld für viele Wechsler zudem eine starke Rolle gespielt haben.

Laut Auswertungen des Statistischen Bundesamts verdienten Vollzeitangestellte in der Gastronomie im Durchschnitt monatlich 2.047 Euro brutto, im Beherbergungsgewerbe 2.054 Euro brutto. Branchenübergreifend liegt der Durchschnittsverdienst bei 3.975 Euro. Bei dem geringen Gehalt fiel das Kurzarbeitergeld bei den Beschäftigten im Gastgewerbe entsprechend knapp aus. Anders in Branchen mit starken Tarifverträgen, wie beispielsweise der Automobilbranche: Hier wurde flächendeckend ein höheres Kurzarbeitergeld für die Beschäftigten ausgehandelt.

Ein wirksames Mittel, um die Mitarbeiter zu halten – auch in der Gastronomie. Das haben dort ausgerechnet die Arbeitgeber der Fast-Food-Restaurants erkannt. Burger King, McDonald’s und andere haben statt den gesetzlichen 60 Prozent 90 Prozent Kurzarbeitergeld an ihre Beschäftigten ausgezahlt. Mit Erfolg: Sie konnten viele Mitarbeiter halten, zumindest wenn sie vorher sozialversichert beschäftigt waren.

Anders sah das bei den Minijobbern aus. Ihre Situation war besonders prekär. Knapp eine Million Minijobber waren vor der Pandemie in der Branche beschäftigt. Mit dem Lockdown brach ihr Einkommen komplett weg. Statt Kurzarbeitergeld blieb nur Erspartes oder die Sozialhilfe als Alternative. Deshalb waren sie gezwungen, sich nach einem neuen Job umzuschauen. Im Juli 2021 gab es wohl auch deshalb laut Hochrechnungen der Bundesagentur für Arbeit 25 Prozent weniger sogenannte Minijobs im Gastgewerbe als im Juli vor der Pandemie.

Der Weggang der Mitarbeiter rächt sich nun für die Betreiber im Gastgewerbe. Es ist zugleich aber auch eine Möglichkeit für bessere Arbeitsbedingungen in der Branche. Wenn die Konkurrenz um die Arbeitskräfte steigt, nimmt klassischerweise auch der Lohndruck zu. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gast-stätten will die Situation entsprechend nutzen, um bessere Tarifverträge in der Branche zu verhandeln. In den Berliner Tarifverhandlungen konnten so bereits erste Erfolge erzielt werden. Hier wurden Lohnerhöhungen von bis zu 13,6 Prozent ab Januar 2022 und nochmal sechs Prozent ab Oktober 2022 vereinbart. Für den NGG-Bundesvorsitzen Guido Zeitler ist dies allerdings nur ein erster Schritt: „Perspektivisch wollen wir einen Facharbeiterlohn von 3.000 Euro. Wir dürfen den niedrigen Schnitzelpreis nicht durch Niedriglohn quersubventionieren.“

* Namen von der Redaktion geändert

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