467.500 junge Menschen begannen mitten im Corona-Jahr 2020 eine Ausbildung. Das sind nicht nur gut 11 Prozent weniger als im Vorjahr, es ist auch vielerorts eine Ausbildung unter erschwerten Bedingungen. Was heißt es unter Corona- Umständen einen Beruf zu erlernen? Und was muss getan werden, um die Zukunft der Ausbildung zu sichern?


Für Anna S. begann das erste Ausbildungsjahr ernüchternd. Keine Praxisbesuche, kaum Aufgaben, ausfallender Lehrunterricht: Alles Dinge, die sie sich als angehende Verwaltungsfachangestellte in einem Jugendamt anders vorgestellt hat. Damit ist sie kein Einzelfall. Durch die Corona-Pandemie haben sich die Bedingungen für die Duale Ausbildung grundlegend verändert. Die angehende Tischlerin im Homeoffice statt an der Werkbank, der Koch-Lehrling ohne Gäste – die konkreten Auswirkungen für die Azubis sind unterschiedlich, doch was fast alle eint: Die Qualität ihrer Ausbildung leidet.

Gernot Nahrung, Vorsitzender der Jungen CDA, schaut daher mit Sorge auf den Zustand der Dualen Ausbildung. „Viele Jugendliche haben bereits jetzt gut die Hälfte ihrer Ausbildung im Ausnahmezustand verbracht. Bei einer Ausbildungsdauer von drei oder dreieinhalb Jahren, ist dieser Verlust an Erfahrungen nur schwer aufzuholen.“

Lücken in der Ausbildung
Wie gravierend der Zustand ist, belegt eine aktuelle Randstad-Ifo-Personalleiterbefragung. Demnach sind in 72 Prozent der Unternehmen, die durch Corona von betrieblichen Einschränkungen betroffen waren, Lücken in der Wissensvermittlung für Auszubildende entstanden. Neben der fehlenden Praxis gehört zu den Ursachen auch die verschleppte Digitalisierung der Berufsschulen. Für die Auszubildende Anna S. ist beispielsweise noch unklar, ob der Distanzunterricht diesen Sommer überhaupt stattfindet. Vielerorts mangelte es an technischer Ausstattung oder an gezielter Betreuung.

Gernot Nahrung sieht die Landesregierungen in der Verantwortung: „Die Bundesländer müssen dringend in die Berufsschulen investieren. Hier werden aktuell viele Inhalte nicht oder nur unzureichend vermittelt. Jetzt rächt es sich, dass Investitionen in den vergangenen Jahren verschlafen wurden.“

Rückgang an Stellen
Für Elke Hannack, stellvertretende CDA- und DGB- Vorsitzende, besteht aber nicht nur bei der Qualität der Ausbildung dringender Handlungsbedarf: „Die Corona-Krise hat den Ausbildungsmarkt voll erwischt.“ Durch Corona fiel auch die Anzahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge historisch niedrig aus. Mit 467.000 ist ihre Anzahl erstmals seit der Deutschen Einheit unter die 500.000er-Marke gesunken. Und die Zeichen stehen nicht auf Entspannung.

Erste Rückmeldungen aus den Branchen zeigen, dass die Zahl der Ausbildungsverträge 2021 abermals sinken könnte. Das System der dualen Berufsaus-bildung schrumpft – mit dramatischen Folgen: Denn die Jugendlichen, die heute nicht ausgebildet werden, fehlen in drei Jahren als Fachkräfte. Auch Gernot Nahrung betont: „Wichtig ist jetzt, dass die Unternehmen in der Krise nicht kurzfristig handeln und die Zahl der Ausbildungsplätze kürzen. Denn nach der Pandemie und wenn die Wirtschaft sich erholt hat, werden aus-gebildete Kräfte dringend gesucht.“

Die Bundesregierung hat darauf reagiert und das Programm „Ausbildungsplätze sichern“ gestartet. Es beinhaltet Zuschüsse zur Weiterführung der Ausbildungsprogramme sowie zur Übernahme weiterer Auszubildenden. Mit den ausgezahlten Prämien zwischen August 2020 und Januar 2021 konnten immerhin 29.500 Ausbildungsstellen gesichert werden.


Elke Hannack denkt daher bereits über eine Ausweitung des Programms nach. „Hier muss auch im kommenden Jahr eine Förderung der Vergütung der Azubis möglich sein. Und: Es ist auch unter Aus-bildungsbetrieben eine Insolvenzwelle nicht ausgeschlossen, wenn die Insolvenzantragspflicht wieder greift. Deshalb sollte weiterhin eine Prämie gezahlt werden, wenn Betriebe Azubis aus insolventen Unternehmen übernehmen.“

Schwierige Vermittlung
Gleichzeitig wird es zunehmend schwieriger, das Ausbildungsangebot der Betriebe und die Nachfrage der jungen Menschen zusammenzuführen. Im Oktober 2020 waren gut 12 Prozent der Ausbildungsstellen unbesetzt und zugleich 14,3 Prozent noch auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Ein Grund: Viele Jugendliche finden aufgrund mangelnder Qualifikationen nur schwer eine Ausbildungsstelle und für Abiturienten ist das Studium oft attraktiver.

Dieses Ungleichgewicht wächst seit einigen Jahren am Ausbildungsmarkt. Corona hat das Problem nun noch verschärft. Berufsorientierungen in Form von Praktika oder Ausbildungsmessen fallen momentan komplett weg. Die Junge CDA fordert daher gemeinsam mit der Jungen Union, die digitale Berufsberatung auszuweiten. „Hier sind kurzfristig vor allem kreative Lösungen der Unternehmen gefragt, um den Kontakt zwischen jungen Menschen und Betrieben herzustellen. Zudem braucht es moderne Inhalte und auch eine zielgruppengerechte Ansprache, um die Ausbildung attraktiver zu machen“, sagt Gernot Nahrung. Aber auch generell müsse der Berufsorientierung in allen Schulformen ein höherer Stellenwert eingeräumt werden.

Wir müssen jetzt investieren und Berufsorientierung anbieten.

Wie moderne Berufsorientierung funktionieren kann, macht das junge Unternehmen MEIN MUTIGER WEG vor. Der Bildungsträger zeigt Schülerinnen und Schüler Berufsmöglichkeiten auf, ohne auf dröge Wissensvermittlung zu setzen. Die Schüler sollen über emotionale und motivierende Methoden Zugang zur Berufswahl finden. „Es geht darum, die Schüler emotional abzuholen, ihnen die Angst vor der Zukunft zu nehmen und sie auf Augenhöhe anzusprechen“, sagt Frederic Keller von MEIN MUTIGER WEG. Dabei sollen sie nicht nur ihre Stärken ausloten, sondern auch ihre Berufswünsche entwickeln und Selbstvertrauen aufbauen. Über die digitale Plattform „Traumjob Campus“ wird zudem über einzelne Berufsfelder informiert und Kontakt zu örtlichen Unternehmen hergestellt. Gernot Nahrung sieht viel Potential in solchen Angeboten: „Schüler brauchen moderne und digitale Angebote, statt verstaubter Overhead-Folien. Das muss auch von den jeweiligen Landesregierungen gefördert werden.“

Frustrierte Jugend
Dass schnelles Handeln notwendig ist, zeigt eine aktuelle Jugendbefragung der Bertelsmann-Stiftung. Mehr als 1,3 Millionen junge Menschen im Alter von 20 bis 29 Jahren blieben in den vergangenen Jahren ohne abgeschlossene Ausbildung. Bei ihnen ist der Frust gegenüber der Politik groß. Rund 80 Prozent der Jugendlichen mit Hauptschul- bzw. mittlerem Schulabschluss gaben an, dass sich die Politik zu wenig bis gar nicht um ihre Ausbildungschancen kümmere.

Für Elke Hannack ist es ein deutlicher Hilferuf: „Es ist Gift für unsere Demokratie, wenn die Betriebe lauthals über einen vermeintlichen Azubi-Mangel klagen und gleichzeitig einer großen Zahl Jugendlicher eine Ausbildung verwehrt bleibt.“

CDA fordert Werkstattjahr
Noch schwieriger ist die Lage für junge Menschen ohne einen Schulabschluss. Sie haben kaum eine Chance auf ein gutes Berufsleben. Im Wettbewerb mit anderen finden sie nur selten einen Ausbildungsplatz. In Nordrhein-Westfalen wurde daher 2018 auf Initiative von Arbeitsminister Karl-Josef Laumann die Initiative „Kein Abschluss ohne Anschluss“ ins Leben gerufen. Das Ziel: Junge Menschen ohne Schulabschluss mit einem Werkstattjahr schrittweise an das Ziel einer Integration in den Arbeitsmarkt heran-zuführen, im Idealfall über die Herstellung der Ausbildungsreife und die anschließende Aufnahme einer Berufsausbildung.

„Der beste Schutz vor Arbeits- und Perspektivlosigkeit ist eine gute Ausbildung. Mit dem Werkstattjahr wollen wir mehr jungen Menschen als bisher den Weg in Ausbildung ebnen“, beschreibt Karl-Josef Laumann die Initiative. Die CDA möchte das Programm nun in ganz Deutschland einführen und schlägt dafür ein bundesweites Förderprogramm vor. Mit Blick auf die weiteren Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Arbeitsmarkt könnte so eine frühe Arbeitslosigkeit bei vielen jungen Menschen verhindert werden.

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