Landwirtschaft: Für viele ist das nur ein undurchsichtiger Prozess, an dessen Ende die Erdbeerkiste in der Obstabteilung oder das marinierte Steak im Kühlregal des Supermarktes stehen. Viele Verbraucher freuen sich über Schnäppchenpreise für Schnitzel und Gemüse. Doch für unser tägliches Brot arbeiten jeden Tag Hunderttausende Menschen hart – als selbständige Bauern und Saisonkräfte, auf Feldern und in Schlachthöfen.


Preisbewusstsein der Kunden und knallharte Verhandlungen der Supermärkte und Discounter drücken auf Löhne und Arbeitsbedingungen. Die Politik steuert gegen –auch dank des Einsatzes von CDA’lern in der Bundes und Landespolitik. Doch gute Gesetze wirken nur, wenn ihre Einhaltung auch kontrolliert wird. Und der König Kunde sollte wissen: Gutes Essen ist nur dann wirklich gut, wenn auch gute Arbeit drinsteckt. An einem heißen Tag im Mai schaufeln die Helfer die Erde auf den spitz zulaufenden Höckern zur Seite. Dann setzen sie das Stechwerkzeug an: Mit einer raschen Stoßbewegung ist die Stange Spargel geerntet und landet in einer Blechkiste. Dabei brauchen die Arbeiter im wahrsten Sinne des Wortes Fingerspitzengefühl. Denn einerseits dürfen sie nicht die Wurzel treffen, andererseits soll die Stange möglichst lang bleiben.

Saisonkräfte: Unverzichtbare Stütze der Landwirtschaft

Genau über dieses Fingerspitzengefühl verfügen die rund ein Dutzend Wanderarbeiter auf dem Gemüsehof Holtvogt in Nikolausdorf im Oldenburger Münsterland. Vorarbeiter Jan Wisotzky,der Älteste von ihnen, arbeitet schon viele Jahre für Familie Holtvogt. Seine Kolleginnen und Kollegen stammen fast alle aus seiner Verwandtschaft – aus Masuren, rund 40 Kilometer von Kaliningrad, dem früheren Königsberg, entfernt. Holtvogts sind für diese Mitarbeiter dankbar. „Im letzten Jahr ist der Spargel über Nacht geschossen – bevor die polnischen Erntehelfer hier waren. Da musste unsere ganze Familie mit anpacken – auch der achtzigjährige Opa“, sagt Martina Holtvogt, die Tochter des Chefs. Und so zügig wie ihre polnischen Mitarbeiter waren sie dabei längst nicht. Nach der Spargelernte ziehen die Helfer weiter: Zur Apfelernte. In diesen arbeitsintensiven Monaten verdienen sie genug Geld, um in Polen den Winter verbringen zu können.

Ob Spargel oder Erdbeeren, Eisbergsalat oder Blumenkohl: Ohne Saisonarbeitskräfte ist die Ernte nicht nur bei den Holtvogts undenkbar. Das Typische an der Obst- und Gemüseernte:Für eine vergleichsweise kurze Zeit werden viele Beschäftigte gebraucht. In wenigen Wochen zwischen April und Juni wurden im vergangenen Jahr allein 128.000 Tonnen Spargel geerntet. Mit Einheimischen ist das nicht zu schaffen. Die Nachfrage nach solchen Jobs tendiert hier gegen Null. Die Arbeitsbedingungen sind hart, die Erfahrung fehlt und für langwieriges Anlernen ist in der Ernte keine Zeit.

Wanderarbeiter kommen aus Osteuropa

Gerade Menschen aus Ländern mit einem niedrigeren Lohnniveau und geringeren Lebenshaltungskosten sehen daher eine Chance, hier in kurzer Zeit so viel Geld zu verdienen, dass sie damit in ihrer Heimat länger auskommen. Weil innerhalb der Europäischen Union Freizügigkeit gilt, kommen vor allem Wanderarbeiter aus osteuropäischen EU-Ländern.

2016 arbeiteten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 286.300 Saison-arbeitskräfte in der deutschen Landwirtschaft. Fast keiner von ihnen stammt aus dem eigenen Land: Nach Angaben des Gesamtverbandes der Deutschen land- und forstwirtschaftlichen Arbeitgeberverbände (GLFA) sind davon rund 95 Prozent nichtdeutscher Herkunft. Die Anzahl der Arbeitskräfte aus Polen ist in den letzten Jahren zurückgegangen, stattdessen kommen mehr Menschen aus Rumänien. Insgesamt gilt: Je besser die Wirtschaft sich in ihren Heimatländern entwickelt, desto weniger attraktiv ist es allerdings, für ein paar Wochen nach Deutschland zu kommen. So hatten in diesem Jahr bereits einige Obst und Gemüsebauern Probleme, genug Erntehelfer zu bekommen.

Während die Arbeitsmigranten Spargel stechen und Erdbeeren pflücken, leben sie hier – und brauchen ein Dach über dem Kopf. Wer bei Familie Holtvogt arbeitet, ist auf dem Bauernhof untergebracht. Jan sieht sich fast schon als Teil der Familie. Der große Gartenbaubetrieb Mählmann in Cappel, knapp 30 Kilometer südlich von Nikolausdorf, wirbt auf seiner Homepage sogar mit dem „Wohlfühlfaktor“ seiner unternehmenseigenen Wohnanlagen, in denen die Erntehelfer untergebracht werden. Wie moderne Studentenwohnheime wirken sie von außen. Mit Behelfs-Container-Unterkünften sind sie nicht mehr zu vergleichen. Mehrbettzimmer sind es trotzdem, die Helfer können und wollen sich nicht mehr leisten. Die veränderte Unterbringung ist ein Symbol für den Wandel, den es in den letzten Jahren gegeben hat. Zeitweise blieben in deutschen Erntegebieten die Helfer weg. Viele zogen weiter in die Niederlande oder nach Großbritannien. Die Löhne waren besser, die Lebensbedingungen auch. Die deutschen Bauern mussten nachziehen. Ausstattung und Bezahlung sind nun bei vielen besser.

Das ist die eine Seite der Geschichte. Es gibt auch noch eine zweite. Denn viele
Wanderarbeiter können vom „Wohlfühlfaktor“ ihrer Quartiere weiterhin nur träumen. Sie wohnen zusammengepfercht auf wenigen Quadratmetern – und müssen dafür unverhältnismäßig viel bezahlen. „Da stehen Doppelbetten, zwei pro Zimmer. Da leben dann zwei Ehepaare und jeder bezahlt diese Unterkunft. Die Preise wurden mit der Einführung des Mindestlohns verdoppelt“, berichtet ein Gewerkschafter von einem Gemüsebetrieb in der Region Weser-Ems. Auch für die Verpflegung müssen viele Wanderarbeiter hohe Abzüge in Kauf nehmen. Arbeitgeber dürfen für Kost und Logis zwar nur bestimmte Beträge – die sogenannten Sachbezugswerte – einbehalten: Insgesamt 246 Euro monatlich für Frühstück, Mittagessen und Abendbrot, 226 Euro für die Unterkunft. Doch manch einer umgeht diese Regelung durch separate Verträge, also durch einen eigenen Mietvertrag neben dem Arbeitsvertrag.

Neben der Entlohnung sind die hohen Abzüge für Unterkunft und Verpflegung das größte Problem.

sagt Ivan Ivanov, der im Rahmen des Projekts „Faire Mobilität Hessen“ Wanderarbeiter berät.

Einige tricksen beim Mindestlohn

Apropos Entlohnung: Seit Anfang dieses Jahres gilt der gesetzliche Mindestlohn von derzeit 8,84 Euro pro Stunde nach einer Übergangsfrist auch für die Landwirtschaft. Das ist ein Segen für die Saisonarbeiter. Doch nicht jeder von ihnen bekommt auch so viel, wie ihm rechtlich zusteht. Denn auch hier wird getrickst – zum Beispiel dadurch, dass Arbeiter pro Kiste Spargel und nicht pro Stunde entlohnt werden. Akkordlöhne sind zwar zulässig, doch der Mindest-Stundenlohn darf dadurch nicht unterschritten werden. Tatsächlich werden in manchen Betrieben Kilogramm in Stunden umgerechnet. Wie viel die Betroffenen tatsächlich gearbeitet haben, ist am Ende kaum noch nachzuvollziehen – und der Mindestlohn wird unterlaufen. Dabei sind die Erntehelfer ihren Lohn wert. Bis zu 20 Kilogramm Spargel stechen sie pro Stunde. „Der reine Lohnanteil pro Kilo Spargel beträgt gerade einmal 0,46 Euro. Das ist für diesen Knochenjob ganz sicher nicht zu viel“, findet Harald Schaum, der stellvertretende Vorsitzende der IG BAU, die auch die Beschäftigten in der Landwirtschaft organisiert.

Ein Knochenjob ist die Ernte allemal. „Die Landarbeiter buddeln oft mehr als zehn Stunden am Tag, haben keinen Samstag, manchmal keinen Sonntag und ruinieren sich so ihre Gesundheit. Manche werden richtig verheizt“, sagt Ralf-Peter Helwerth von der IG BAU in dem Werkstattbericht „Wanderarbeiter in der Landwirtschaft“. Der Rücken schmerzt, die heiße Sonne strahlt stundenlang auf die Haut – Tag für Tag. Viele Saisonarbeiter kennen ihre Rechte nicht. Und sie sprechen oft kaum Deutsch. Nicht gerade die besten Voraussetzungen dafür, auf die Einhaltung von Schutzvorschriften zu pochen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund hat daher vor einigen Jahren mit Unterstützung des Arbeitsministeriums und des Europäischen Sozialfonds das Projekt „Faire Mobilität“ gestartet. Es berät Beschäftigte aus Mittel- und Osteuropa. Auch die IG BAU ist aktiv. Gewerkschafter suchen die Erntehelfer auf den Feldern auf, klären sie über ihre Rechte auf und verteilen Flyer – zum Beispiel auf Polnisch, Rumänisch und Bulgarisch.

Kontrolle ist besser

Informationen sind das eine, Kontrollen das andere. Die Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS) des Zolls überwacht die Einhaltung des Mindestlohns und anderer Vorschriften. Im Jahr 2017 hat sie in der Landwirtschaft 606 Arbeitgeber geprüft und 2.884 Personen nach ihren Beschäftigungsverhältnissen befragt. Ergebnis: 528 Ermittlungsverfahren gegen Arbeitgeber und Arbeitnehmer (157 Ordnungswidrigkeiten- und 371 Strafverfahren). Aus einer Prüfung können mehrere
Strafverfahren hervorgehen. Da geht es nicht nur um Verstöße gegen den Mindestlohn, sondern auch um Sozialbeitragsbetrug und arbeitsgenehmigungs-/ aufenthaltsrechtlichen Verstöße. Bei einem erheblichen Teil der kontrollierten Bauern ist ein Ermittlungsverfahren die Folge. Würden mehr Betriebe geprüft, kämen auch mehr Verstöße zu Tage – und vor allem wäre die abschreckende Wirkung größer. Doch dafür braucht der Zoll mehr Personal.

Schutzvorschriften und Rechte für Saisonarbeiter gibt es also. Doch die Betroffenen müssen auch darüber informiert werden. Und den schwarzen Schafen muss durch engmaschige Kontrollen das Handwerk gelegt werden!

meint CDA Vizevorsitzender Christian Bäumler.

Landwirte heute – ein Berufsstand muss sich neu erfinden

Saisonarbeiter stellen eine wichtige Stütze für die Landwirtschaft dar. Die mit Abstand größte Gruppe sind allerdings selbständige Bauern und ihre Familienangehörigen: Knapp 450.000 sorgen für die Grundlagen unseres leiblichen Wohls. Auch sie arbeiten hart, meist sieben Tage pro Woche – und reich werden sie in der Regel nicht.

Ein Terrakotta-Schwein auf einem Holzstuhl begrüßt die Besucher, als sie bei strahlendem Sonnenschein die Terrasse des Bauernhofs der Familie Behrens in Emstek betreten. Landwirtin Maria Behrens, die den Hof mit ihrem Mann betreibt, bietet reichlich dick geschnittenen Schinken aus eigener Schlachtung zum Kaffee. Und sie zeigt den Gästen die Tiere, die den Schinken liefern. Tausende Schweine leben in riesigen Ställen, immer rund ein Dutzend in einer vielleicht 15 Quadratmeter großen Box. Wirklich lange bleiben die Tiere nicht auf dem Hof. Mit rund drei Monaten werden sie verkauft. 118 Kilogramm ist das ideale „Ausstallungsgewicht“, rund 92 Kilogramm davon sind Schlachtgewicht.

Mit ihrer Schweinemast tragen die Behrens dazu bei, den riesigen Hunger nach Fleisch zu stillen. 60 Kilogramm Fleisch aß jeder Deutsche im vorletzten Jahr im Durchschnitt. In anderen europäischen Ländern liegt der Pro-Kopf-Verzehr von Fleisch sogar noch deutlich höher: 73 Kilogramm in Frankreich und Italien, 85 Kilogramm in Spanien. Das Schwein ist das Tier, dessen Fleisch die Deutschen mit Abstand am liebsten essen. Von den 60 Kilogramm durchschnittlichem Fleischkonsum entfallen allein 35 Kilogramm auf Schweinefleisch – gefolgt von Geflügel (12,5 Kilogramm) und Rind/Kalb (10,1 Kilogramm). Trotz der großen Nachfrage: Lukrativ ist die Schweinemast für die Bauern zumindest derzeit nicht. Sie bekommen gerade einmal 1,40 Euro pro Kilogramm Schlachtgewicht. Das ist nicht einmal kostendeckend.

Im vergangenen Jahr betrugen die Vollkosten in der Schweinemast 1,50 Euro pro Kilogramm Schlachtgewicht, rechnete die Agrarmarkt Informationsgesellschaft (AMI) kürzlich vor. „Sobald die Tiere auf dem Viehanhänger sind, wird verdient“, klagt denn auch Maria Behrens. Ihr zweites Standbein, die Hähnchenmast, läuft im Augenblick besser und stabilisiert den Hof. Doch trotz der Probleme haben die Behrens‘ immerhin einen Nachfolger: Der 32-jährige Sohn Thomas wird den Hof übernehmen. Damit gehört Familie Behrens zu einer Minderheit:Nach Angaben der Landwirtschaftskammer haben zwei von drei Höfen in Niedersachsen keinen Nachfolger. Dieser Engpass erlaubt einen Blick auf den Beruf Landwirt: Preiskampf, dominierende Lebensmittelhändler, die wie auf dem Milchmarkt nahezu jeden Preis durchsetzen können. Die Einkommen schwanken, Arbeit darf auch am Wochenende nicht liegen bleiben, und die Partnerin oder der Partner muss selbstverständlich mit anpacken: Das ist für viele nicht mehr attraktiv.


Der Beruf Landwirt hat sich ohnehin gewandelt, kleine Höfe lösen sich immer öfter auf, zu geringe Hektarzahlen machen den Anbau und die Tierhaltung unrentabel. Großbetriebe können effizienter arbeiten – und besser mit Preisschwankungen umgehen. Die Digitalisierung beschleunigt die Verdrängung kleiner Höfe. Die Technik ist so teuer, dass sie sich oft nur Großbetriebe leisten können. Axel Knoerig, im Wirtschaftsausschuss des Bundestages zuständig für Landwirtschaft, fordert daher überbetriebliche technische Lösungen, die bezahlbar sind. Und der Beruf des „smarten Landwirts“ müsse neu definiert werden, meint der Abgeordnete, der auch dem CDA-Bundesvorstand angehört.

Auch darüber hinaus hat sich der Beruf verändert.

Landwirte sind Multitalente.

findet CDA‘ler Kerstin Vieregge, im Bundestag stellvertretendes Mitglied des Agrarausschusses. Technischer und verwaltungsintensiver ist es geworden. Heute bringen Landwirte auch mal tagelang mit neuen EU-Förderanträgen zu, weiß auch Kerstin Vieregge.

Wer trotzdem mit wenigen Hektar weiter machen will, muss sich eine Nische suchen: Wochenmarktverkauf von frischen Obst und Gemüse, das dann nur noch in Teilen aus eigenem Anbau kommt, oder der Betrieb von Biogasanlagen. Die kleinen Bauern müssen erfinderisch sein. Auch die Holtvogts aus Nikolausdorf verkaufen Teile ihres Spargels direkt auf dem Markt oder an Gaststätten in der Umgebung – sogar fertig geschält.

Bessere Arbeitsbedingungen auf Schlachthöfen

„Sobald die Tiere auf dem Viehanhänger sind, wird verdient“, hatte die Bäuerin aus Emstek gesagt. Doch nicht jeder, der dazu beiträgt, dass aus Schweinen Schnitzel werden, verdient wirklich gut. Da sind zum Beispiel die Beschäftigten auf Schlachthöfen. Die deutsche Fleischwirtschaft ist ohne Beschäftigte aus Osteuropa, vor allem Rumänien und Bulgarien, kaum zu denken. Und leider ist die Branche für ihre schlechten Arbeitsbedingungen bekannt: Werkvertragsund Subunternehmenskonstruktionen, unwürdige Gemeinschaftsunterkünfte, miese Bezahlung. Nicht ohne Grund gilt die Fleischindustrie als schwarzes Schaf in der Ernährungsbranche. Dass sich die Situation allmählich bessert, ist maßgeblich dem Einsatz von CDA-Politikern zu verdanken: Sie haben früh den Branchenmindestlohn in der Fleischwirtschaft unterstützt und den gesetzlichen Mindestlohn mit auf den Weg gebracht. Und als die Unternehmen trotz Mindestlohns mit der Lohndrückerei weiter gemacht haben – etwa durch Abzüge für Schutzkleidung und Arbeitsmittel – hat der Gesetzgeber ihnen auf Initiative von Karl Schiewerling die Daumenschrauben angelegt. Denn Schiewerling, bis Ende der vergangenen Wahlperiode sozialpolitischer Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, ist Vater des „Gesetzes zur Sicherung von Arbeitnehmerrechten in der Fleischwirtschaft“. Der Bundestag hat das Gesetz vor etwa einem Jahr beschlossen. Es sieht verschärfte Dokumentationspflichten bei der Arbeitszeit vor. Der Arbeitgeber muss für Subunternehmerketten haften und Arbeitsmittel kostenfrei zur Verfügung stellen.

Und hat es gewirkt? Die erste Bilanz ist positiv. Josef Holtvogt, CDA Sozialsekretär in Niedersachsen und Vorkämpfer gegen Dumpinglöhne in der Fleischwirtschaft, erkennt ein deutliches Umdenken bei vielen Unternehmen. „Die Anzahl der dokumentierten Verfehlungen hat spürbar abgenommen“, berichtet er aus der Praxis. Und weitere Initiativen folgen: So hat das Landesarbeitsministerium in NRW ein Projekt „Arbeitnehmerfreizügigkeit fair gestalten“ eingeführt, das die Arbeitssituation von Wanderarbeitern in ausbeuterischen Arbeitssituationen weiter verbessern soll. Eine Kernaufgabe des Projekts ist die Beratung in arbeits- und sozialrechtlichen Fragen in der jeweiligen Landessprache (etwa Rumänisch und
Bulgarisch).

Bio steht auch für bessere Arbeitsbedingungen

Dass es auch anders geht zeigt die Firma „Biofino“ in Emstek. Hier gibt es keine Werkvertragsbeschäftigten. Vom Mindestlohn ist man weit entfernt – die Bezahlung liegt deutlich darüber. Die Firma produziert Bio-Geflügelfleisch für den deutschen Lebensmitteleinzelhandel, Bio-Hersteller sowie zahlreiche Naturkostfachhandelsgeschäfte und die Gastronomie. Mitarbeiter in weißen Overalls und blauen Haarnetzen stehen an einem Fließband, auf denen ganze Hühner vorbeirauschen. Die Beschäftigten greifen sich die Tiere und zerlegen sie geschickt von Hand mit ihren scharfen Messern.

Bezahlt wird nach Einzelstückakkord. Der beste Mitarbeiter schafft bis zu 1.500 Tiere pro Tag. Einige Verarbeitungsschritte später rattern Putenbrustfilet und Schenkel in Plastikverpackungen über ein weiteres Band. In weniger als einer Sekunde wird das Nettogewicht des Fleischs ermittelt, ein Etikett erstellt und die Ware ausgezeichnet – von der Maschine. In dem Kühllager türmen sich Kisten mit Bio Fleisch mit den Logos der deutschen Supermärkte. Im Sommer erfreut sich Grillfleisch großer Beliebtheit – zum Beispiel Putenbrustfilet in einer leuchtend gelben Curry-Marinade. Auch für das Unternehmen ist mariniertes Fleisch ein gutes Geschäft – immerhin wird vor allem mit der „Veredelung“ Geld verdient, das gilt auch im Bio-Segment.

Hähnchen-Nuggets und Burger: „Convenience Food“

Auf der anderen Straßenseite, schräg gegenüber von „Biofino“, steht ein junger Mann in einer großen Küche und bestreicht Geflügel-Spieße mit einer
roten Sauce. Es bereitet eine Probe für einen Kunden vor – einen Lebensmitteldiscounter. Gemeinsam mit Kollegen entwickelt er in der Versuchsküche der Firma „SK Meat“ neue Produkte. Das Unternehmen stellt Hähnchen-Nuggets, Burger und anderes „Convenience Food“ her: also Essen, das der Verbraucher nur noch in den Backofen oder die Mikrowelle schieben muss. Auch für SK Meat ist es lukrativ, Nahrungsmittel zu „veredeln“. Und dazu gehört nicht nur, dass sich die Köche Rezepte für leckere Gerichte ausdenken.

Auch eine ansprechende Verpackung trägt zur Wertschöpfung bei. Die Kartons der „Meerjungfrau-Nuggets“ mit einer Nixe drauf, der „Milchreis-Bällchen“ mit einem Kuh-Konterfei oder der „Sourcream- Wraps“ mit der Freiheitsstatue zeugen davon. Um das Design kümmert sich ein eigener Unternehmensbereich – der inzwischen so erfolgreich ist, dass er auch für andere Firmen tätig ist.

Bei SK Meat setzt man vor allem auf festangestellte Beschäftigte. „Alle Werkverträge haben wir abgeschafft“, sagt Finanzchef Marco Weber. Natürlich dürfen die Beschäftigten ab und zu von neuen Produkten kosten. Um gute Leute zu bekommen, muss man etwas bieten – nicht nur beim Lohn. Das ist hier allen
klar.

Auch wenn Weiterverarbeitung und Veredelung attraktiv sind: Es ist kein Selbstläufer, als verarbeitender Betrieb gutes Geld zu verdienen. Denn die Kunden – Supermärkte und Discounter – sind knallharte Verhandler. Rewe, Edeka, Aldi und Lidl/Kaufland haben den Markt weitgehend unter sich aufgeteilt. Oft diktieren sie den Herstellern die Bedingungen. Hinzu kommt: Die Deutschen sparen beim Essen. 342 Euro gab jeder Haushalt im Jahr 2016 monatlich für Ernährung aus – nur sieben Euro mehr als fürs Auto- und Bahnfahren (335 Euro für den Bereich Verkehr). Und bei manch einem landet das Schnitzel für vier Euro pro Kilogramm auf dem 1.000-Euro-Grill.

Faire Arbeitgeber, gute Gesetze, wirksame Kontrollen – das alles bringt am Ende wenig, wenn „Geiz ist geil“ beim Lebensmitteleinkauf das Motto ist. Oder wenn den Kunden die bunten Packungen des Convenience-Foods mehr wert sind als das Fleisch, Gemüse und Obst selbst, das viele fleißige Hände Tag für Tag säen, ernten, aufziehen und verarbeiten – ob nun die Erntehelfer bei Familie Holtvogt oder die Landwirtin auf ihrem Hof in Emstek.
Guten Appetit!

Vorheriger Beitrag Nächster Beitrag