Sie ist eine deutsche Erfolgsgeschichte. Sie steht für einen guten Ausgleich zwischen der Freiheit des Marktes und klaren Ordnungsregeln des Staates. Für die Balance zwischen Verantwortung des Einzelnen und der Solidarität der Gemeinschaft: Die Soziale Marktwirtschaft. Die CDU hat sich im Rahmen ihres Grundsatzprogramms aufgemacht, ihr Konzept der Sozialen Marktwirtschaft zu aktualisieren und an die Herausforderungen der Gegenwart anzupassen. Grund genug für die SO! genauer hinzusehen.

Die Soziale Marktwirtschaft hat bis heute viele Versprechen eingelöst und den Wohlstand in unserem Land nicht nur insgesamt vergrößert, sondern für die Menschen ganz konkret das Leben verbessert. Nahezu jeder kann sich heute darauf verlassen, dass er bei Krankheit, Arbeitslosigkeit, Pflegebedürftigkeit und im Alter angemessen versorgt wird.

Verbessert haben sich auch die Arbeitsbedingungen: Die Mehrheit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer profitieren heute von mehr Urlaubstagen, weniger Wochenarbeitsstunden und einem besseren Arbeitsschutz als noch vor 30 oder gar 70 Jahren. So gab es beispielsweise 1948 jährlich 3.958 tödliche Arbeitsunfälle. Im Jahr 2017 waren es nur 414. Die verbesserten Arbeitsbedingungen sind zu großen Teilen dem deutschen Modell der Sozialpartnerschaft zu verdanken – einem wesentlichen Bestandteil der Sozialen Marktwirtschaft. Der Wohlstandsgewinn lässt sich auch an der Kaufkraft messen: 1960 musste man beispielsweise mehr als 150 Stunden für einen neuen Kühlschrank arbeiten. Heute sind es nur noch weniger als 18 Stunden.

Spätestens im Nachgang zur Finanzkrise im Jahr 2008 wurde Deutschland international um das Modell der Sozialen Marktwirtschaft beneidet. Viele Mechanismen, wie das Kurzarbeitergeld der Arbeitslosenversicherung oder der bedachte Umgang der Gewerkschaften und Arbeitgeber mit der Krise, haben Deutschland vor Massenarbeitslosigkeit bewahrt.

Soziale Marktwirtschaft unsozial?

Fragt man jedoch die Bevölkerung nach ihrer Haltung zur Sozialen Marktwirtschaft, fällt die Bilanz wesentlich gespaltener aus. Umfragen des Allensbacher Instituts zeigen, dass 2006 knapp 30 Prozent der Befragten aus dem Westen Deutschlands unsere Marktwirtschaft als sozial bezeichneten. 60 Prozent fehlte es an sozialen Aspekten. In den neuen Bundesländern waren sogar rund 80 Prozent der Menschen der Meinung, das soziale Profil der Marktwirtschaft sei nur wenig ausgeprägt. Bis 2016 sank die Anzahl der Unzufriedenen zwar deutlich – auf 41 Prozent im Westen und 46 Prozent im Osten – trotzdem zeigen diese Werte eine große Skepsis gegenüber der Ausgestaltung unserer Wirtschaftsordnung. Das verdeutlicht auch eine weitere Umfrage des Allensbacher Instituts zur persönlichen Zuversicht. Obwohl 80 Prozent der 30- bis 59-Jährigen zufrieden mit ihrer eigenen Situation sind, haben gut die Hälfte der Befragten wenig Vertrauen in den Staat und in eine positive Entwicklung des Landes.

Woraus aber speist sich dieses Unbehagen, das sich an den allgemeinen wirtschaftspolitischen Daten nicht ablesen lässt? Die Gründe dafür sind vielfältig: Menschen vergleichen ihre Lebensumstände heute natürlich nicht mit denen von 1950. Die negative Berichterstattung in den Medien überlagert in Teilen die eigenen Erfolgsgeschichten. Aber es sind auch viele persönliche Erfahrungen von Ungerechtigkeit, Ohnmacht und Benachteiligung, die Menschen im Arbeits- und Wirtschaftsleben erleben und die ihr negatives Bild prägen.

Rund vier Millionen Menschen werden in unserem Land nach Mindestlohn bezahlt, darunter knapp zwei Millionen Menschen in Teil- oder Vollbeschäftigung. Hinzu kommen nochmals 2,2 Millionen Menschen in einem Minijob. Ein Stundenlohn von 9,19 Euro bedeutet ein Bruttoeinkommen von 1.470,40 Euro im Monat bei 40 Stunden Wochenarbeitszeit. Wer für diesen Lohn im Restaurant serviert, in der Fleischindustrie schlachtet oder Pakete austrägt, kann sich wenig Luxus leisten – geschweige denn Sparen oder ein Eigenheim erwerben. Viele dieser Menschen hängen in prekären Beschäftigungsverhältnissen fest, wissen dass mindestens ein Minijob neben der Rente sein muss, um den eigenen Lebensstandard auch nur annähernd zu sichern.

Wie aber umgehen mit diesem Spannungsbogen zwischen den Erfolgen der Sozialen Marktwirtschaft und den offensichtlichen Rissen in der Fassade? „Hier ist die Politik gefragt“, sagt Karl-Josef Laumann, Arbeitsminister in NRW und CDA-Bundesvorsitzender. Die Soziale Marktwirtschaft sei eine Erfolgsgeschichte – daran bestehe kein Zweifel. „Trotzdem gibt es berechtigte Kritik. Es ist Aufgabe der Union als Partei der Sozialen Marktwirtschaft, die Probleme zu benennen und zu beheben“, unterstreicht er.

Die Wurzeln des „Sozialen“ der Sozialen Marktwirtschaft

Wer wissen will, wo er falsch gen ist, sollte an den Anfang zurückgehen: Die Säulen der Sozialen Marktwirtschaft können uns Auskunft geben, wo Anpassungen nötig sind. Der Ordoliberalismus hat die Prinzipien der „Marktwirtschaft“ in der „Sozialen Marktwirtschaft“ definiert. Namentlich waren es die Ökonomen der Freiburger Schule und ihr unverkennbares politisches Gesicht, der Ökonom und Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard. Er stand für die freie Entwicklung der Preise, die Verhinderung von Wirtschaftskartellen aber auch für die Betonung der Eigenverantwortlichkeit des Einzelnen.

Das „Soziale“ der „Sozialen Marktwirtschaft“ hat die katholische Soziallehre geprägt. Ihre Leitbegriffe Personalität, Subsidiarität und Solidarität sind die Grundlage unseres spezifisch deutschen Sozialstaates, der wiederum eine unverzichtbare Komponente der Sozialen Marktwirtschaft ist. Im Mittelpunkt des Sozialstaates steht die Absicherung des Einzelnen vor grundsätzlichen Lebensrisiken, wie Krankheit, Arbeitslosigkeit sowie sinkender Arbeitskraft im Alter. Diese Sozialversicherungen regeln das, woran der Markt scheitern musste, weil auf Menschen und ihre Schicksale kein Preisschild geklebt werden kann. Sie organisieren den Bereich, der nicht in Eigenverantwortung des Einzelnen organisierbar ist, sondern das solidarische Miteinander braucht, um die Würde des Einzelnen zu sichern.

Die Beteiligung am wirtschaftlichen Wachstum über die Lohnentwicklung, der buchstäbliche „Wohlstand für alle“ und die starke soziale Absicherung sind die Grundlage für den Erfolg der Sozialen Marktwirtschaft – genauso wie Sozialpartnerschaft und Mitbestimmung. Arbeitgeber und Arbeitnehmer organisieren soweit als möglich die Arbeitswelt. Hier entsteht ein Interessenausgleich. Der Staat hält sich zurück und organisiert Mindeststandards – ganz im Sinne der Subsidiarität.

Für die Akzeptanz der Marktwirtschaft in unserer Gesellschaft ist entscheidend, dass diese Grundprinzipien auch in Zukunft für möglichst alle Menschen gelten. Kann man von seiner eigenen Arbeit leben und am gesellschaftlichen Leben teilhaben? Haben Arbeitnehmer ausreichend Mitspracherechte? Wird das „Soziale“ in der Sozialen Marktwirtschaft noch mit Recht groß geschrieben? Diesen Fragen wollen wir nachgehen.

Schöne deutsche Arbeitswelt?

Der Arbeitsmarkt hat sich in den letzten Jahren sehr gut entwickelt und bietet große Chancen. Noch nie waren so viele Menschen wie heute in sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung. In vielen Regionen Deutschlands haben wir längst Vollbeschäftigung erreicht. Einige Branchen und Berufsfelder suchen händeringend nach Personal und der Arbeitsmarkt hat sich vielfach von einem Arbeitgebermarkt zu einem Arbeitnehmermarkt gewandelt.

So verspricht auch das Jahr 2019 für die meisten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ein finanziell gutes Jahr zu werden: viele Angestellte können sich über starke Lohnsteigerungen freuen – insbesondere die tarifgebundene Arbeitnehmerschaft. In der Tarifrunde 2018 wurden von den DGB-Gewerkschaften für gut 11 Millionen Beschäftigte neue Tarifabschlüsse vereinbart. Für weitere 8,6 Millionen Beschäftigte traten im selben Jahr Erhöhungen in Kraft, die bereits 2017 oder früher vereinbart wurden. „Dank der guten Arbeit der Gewerkschaften, erhalten die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in diesem Jahr wesentlich mehr für ihre Leistung“, bekräftigt Verdi-Vorstandsmitglied und stellvertretende CDA-Vorsitzende Dagmar König. Insgesamt stiegen die Tariflöhne im Jahr 2018 um 3,1 Prozent. Bei einer Inflationsrate von 1,7 Prozent bedeutet das einen Reallohnanstieg von 1,4 Prozent.

Abgehängte Niedriglöhner

Doch es profitieren von dieser guten Entwicklung nicht alle Beschäftigte in Deutschland. 3,7 Millionen Menschen gehen mit einem Monatsgehalt von weniger als 2000 Euro brutto nach Hause, obwohl sie in Vollzeit arbeiten. Mit dramatischen Folgen für das Haushaltseinkommen und für die eigene Altersvorsorge. Für viele dieser Menschen sind zudem die Lohnerhöhungen so gering, dass ihr Einkommen real sogar sinkt. Zum Beispiel die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Transportsektor, die nicht tariflich gebunden sind: Dort sind die Löhne nur um 1,5 Prozent gestiegen. Aufgrund der Inflationsrate verdienten sie faktisch weniger als im Jahr davor. Hinzu kommen oft unbezahlte Überstunden.

Die dürftige Lohnentwicklung am unteren Ende der Verdienste zeichnet sich auch in den verfügbaren Einkommen ab. Die unteren 10 Prozent der Haushalte mussten deutliche Verluste hinnehmen, konnten sich 2015 also weniger leisten als 15 Jahre zuvor. Dazu gehören auch Menschen in schlecht bezahlten Jobs.

Mindestlohn gegen Ausbeutung

Und es gibt auch jene vier Millionen Menschen deren Löhne heute nicht mehr individuell oder durch die Tarifpartner verhandelt werden. Die Sozialpartner konnten seit Anfang des Jahrtausends dem Lohndumping in vielen Branchen aus eigener Kraft kein Ende setzen. Die Folge waren Stundenlöhne von unter 5 Euro, und der Mindestlohn war die politische Antwort auf diese Auswüchse. Seit seiner Einführung 2015 hat die Mindestlohnkommission den Mindestlohn von 8,50 Euro auf 9,19 Euro angehoben. Das bedeutet zwar einen Zuwachs um mehr als 8 Prozent, doch ein Monatsgehalt von 1.593 Euro reicht dennoch kaum zum Leben. Besonders in den neuen Bundesländern und bei alleinerziehenden Eltern sind diese niedrigen Einkommen stark verbreitet.

Und auch die Anzahl der atypisch Beschäftigten ist auf mittlerweile 22 Millionen gewachsen. Rund 40 Prozent der Beschäftigten in Deutschland arbeiten in Leiharbeit, in Minijobs, in Teilzeit oder haben befristete Arbeitsverträge. So wie Gisela Berger*, sie ist seit 29 Jahren Verkäuferin in einem großen Warenhaus und steht mit 63 vor der Rechnung einer langen Teilzeitarbeit. „Gewünscht war der Schritt in Vollzeit vom Arbeitgeber nicht“ sagt sie, hinzu kommen ausgesetzte Lohnerhöhungen, Einbußen beim Weihnachtsgeld und eine höhere Belastung wegen immer stärker ausgedünnten Belegschaften. Umstrukturierungen und der drohende Arbeitsplatzverlust haben verhindert, dass sie und viele Kolleginnen sich dagegen gewehrt haben. Woanders im Einzelhandel wird noch schlechter bezahlt, berichtet sie. Deshalb ist sie zähneknirschend ihrem Arbeitgeber treu geblieben.

Ohne Gewerkschaft, kein Betriebsrat und keine Beteiligung

Der Ausgleich der Interessen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern war immer ein Grundbestandteil der Sozialen Marktwirtschaft. Nicht immer ging es dabei friedlich zu. Große Arbeitskämpfe um mehr Mitbestimmung, mehr Arbeitssicherheit, niedrigere Arbeitszeiten und nicht zuletzt die Forderung nach höheren Löhnen prägten die Geschichte der Bundesrepublik. Aber auch die Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit und die dauerhafte Stärkung der deutschen Unternehmen waren, trotz schwieriger Wettbewerbsbedingungen in einer zunehmend globalisierten Welt, immer im Interesse der Gewerkschaften. Viel stärker als in anderen Ländern verstanden sie sich stets als Kooperationspartner und nicht als Gegner der Arbeitgeber.

Das Ergebnis dieser gemeinsam getragenen Verantwortung ist ein weltweit kaum erreichtes Maß an Mitbestimmungsmöglichkeiten der Arbeitnehmer im eigenen Betrieb. Ganz im Sinne der Soziallehre und des Ordoliberalismus greift der Staat nicht in die Tarifverhandlungen ein und gibt Arbeitgebern und Gewerkschaften weitreichende Befugnisse für die Ausgestaltung der Arbeitswelt. Aber die Voraussetzung für dieses Prinzip schwindet. Vor allem im Dienstleistungssektor. An kaum einer anderen Stelle zeigen sich die Erosionserscheinungen einer Säule der Sozialen Marktwirtschaft so deutlich wie hier. Der sinkende Organisationsgrad der Arbeitnehmer führt zu geringeren Löhnen, weniger Fortbildungsmöglichkeiten und schlechteren Arbeitsbedingungen. Keine Gewerkschaft, kein Betriebsrat, keine Mitsprache – so die traurige Kette. Genau das hat Gisela Berger erlebt. Die Kollegen trauen sich nicht sich zu wehren, die Druckmittel fehlten im Handel. Die Arbeitgeber nutzen das gerade im Einzelhandel gnadenlos aus. Die Tarifbindung liegt hier noch weit unter dem Durchschnitt: bei rund 40 Prozent im Westen und nur noch 29 Prozent im Osten Deutschlands, wo nur noch 15 Prozent aller Betriebe tariflich gebunden sind. Die Gründe sind vielschichtig. Einerseits gibt es in der Branche kaum Allgemeinverbindlichkeitserklärungen und der Großteil der Betriebe sind ohne Tarifvertrag Mitglied in Arbeitgeberverbänden.

Zugleich wächst durch den Onlinehandel der Wettbewerbsdruck in der Branche. Gerade beim großen Versandhaus Amazon gibt es keinen Tarifvertrag. Die Angestellten streiken daher seit geraumer Zeit. Während die Konkurrenz nach den Flächentarifverträgen des Einzel- und Versandhandels zahlt, gibt es diese Schutzfunktion bei Amazon nicht. Bis zu 6 Euro mehr pro Stunden können tarifgebundene Angestellte erhalten. Auch Real oder Kaufhof, die über Jahrzehnte vorbildliche Tarifverträge hatten, flüchten derzeit in Billig-Tarifverträge.

Der Grund für die geringe Tarifbindung liegt aber auch auf Seiten der Arbeitnehmerschaft. Im Großraum Berlin-Brandenburg liegt der Organisationsgrad gerade mal bei 8 Prozent. Nur 18.900 von potentiell 300.000 Angestellten sind gewerkschaftlich organisiert. Das liegt laut Verdi hauptsächlich an der hohen Teilzeitquote von 70 Prozent.

Als teilzeitbeschäftigter Regalauffüller ist Bernd Dauber* direkt von der Situation in der Branche betroffen. Tariferhöhungen, Weihnachts- oder Urlaubsgeld, das alles gibt es bei ihm nicht. Mit 9,85 Euro Stundenlohn bekommt er als Teamleiter etwas mehr als den Mindestlohn. „Die Situation ist unfair“, sagt er. Die Arbeit ist körperlich anstrengend und der Zeitdruck ist hoch. Wenn im Supermarkt die Regale nicht rechtzeitig befüllt sind, muss sein Team unbezahlte Überstunden leisten. Eine Arbeitnehmervertretung, die sich für die Angestellten einsetzt, gibt es nicht. Bernd Dauber bleibt trotzdem dabei, um sich eine Wohnung leisten zu können. Er sagt aber auch mit Blick auf die Kollegen: „Immer 100 Prozent geben, bei dem Lohn, das ist vielen jungen Leute zu anstrengend. Sie landen dann schnell beim Amt.“

Der Hebel zur Stärkung der Gewerkschaften liegt vor allem bei den Beschäftigten selbst. Nicht jeder für sich, sondern nur gemeinsam kann die Arbeitnehmerschaft bessere Bedingungen erwirken. Aber auch die Politik kann ihren Teil beitragen. Die CDA setzt sich dafür ein, die sinkende Tarifbindung zu stoppen. Dazu gehört zuerst die Ausweitung der Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen. Außerdem sollen, so hat es der Bundesausschuss der CDA 2018 beschlossen, alle neuen arbeitspolitischen Instrumente – etwa bei der Gestaltung flexiblerer Arbeitszeitbestimmungen – an das Vorhandensein von Tarifverträgen gekoppelt werden, um sie auf diese Weise auch attraktiver zu machen. „Ohne starke Gewerkschaften wird es keine starke Soziale Marktwirtschaft geben“ ist Elke Hannack, DGB-Vorständin und CDA-Vize, überzeugt.

Die Rentenfrage: Grundsicherung trotz Arbeit?

Für die Zufriedenheit der Bürgerinnen und Bürger mit Sozialstaat und Gesellschaftsordnung ist gerade die Alterssicherung von großer Bedeutung. Zu diesem Zeitpunkt kann man selbst seine Lage kaum noch verändern. Die große Bilanz zeigt, den meisten Rentnern geht es sehr gut. Zuletzt profitieren die ca. 21 Millionen Rentner von einer spürbaren Rentenerhöhung.

Von Altersarmut sind aktuell nur drei Prozent aller Senioren betroffen. Trotzdem ist die Unsicherheit groß. Eine wachsende Anzahl von Menschen realisieren, dass ihre Erwerbsbiografie nicht zu einer auskömmlichen Rente führen wird. Ganze 37 Prozent aller Deutschen Nicht-Rentner haben laut einer Umfrage von Institut Infratest Dimap Angst vor Altersarmut. Der Anteil bei den Frauen ist mit 44 Prozent nochmals deutlich höher, als bei Männern mit 29 Prozent. In den unteren Einkommensschichten (unter 1.500 Euro netto) fühlen sich sogar zwei Drittel aller Befragten von Altersarmut bedroht.

Kleine Löhne, keine Vollzeit, arm im Alter

Gisela Berger gehört dazu. „Die Rente wird nicht ausreichen“, sagt sie und rechnet schon heute damit, möglichst lange noch einem 450 Euro-Job als Verkäuferin nachzugehen, um die fehlende Rente auszugleichen. Auch Vollzeitkräfte kann dieses Schicksal treffen. Um nach 45 Beitragsjahren eine Rente über der Grundsicherung zu erhalten, wäre bei einem Vollzeitjob mit 38,5 Stunden ein Stundenlohn von 12,63 Euro notwendig. Eine Rente über Grundsicherung ist für Bernd Dauber jetzt schon unwahrscheinlich. Und dabei ist die Grundsicherung das Existenzminimum – weit entfernt von gutem Leben. Das wirft schwierige Fragen nach der Leistungsgerechtigkeit der Alterssicherung auf. Schwierig deshalb, weil die gesetzliche Rentenversicherung nach dem Äquivalenzprinzip funktioniert. Die Rente ist der Spiegel der Löhne: Wer weniger verdient hat, zahlt weniger ein und bekommt weniger raus. Doch dass Menschen, die Jahrzehnte in Teilzeit gearbeitet haben, am Ende dann denselben Betrag erhalten wie Grundsicherungsempfänger ohne eigene erworbene Leistungsansprüche, das ist schlicht ungerecht und unvermittelbar.

Deshalb will die CDA die Rentenversicherung an der Grenze zum Grundsicherungssystem wieder leistungsgerechter gestalten. Mit der Plus-Rente soll jemand, der gearbeitet und eingezahlt hat, am Ende spürbar mehr haben, als jemand, der nicht eingezahlt hat. Das Konzept sieht vor, Grundsicherungsempfängern 25 Prozent ihrer gesetzlichen Rentenansprüche zusätzlich zur Grundsicherung von der Gesetzlichen Rentenversicherung auszuzahlen. Das Äquivalenz-Prinzip der Rentenversicherung und die Leistungsgerechtigkeit gerade für kleine Renten soll dadurch gestärkt werden.

Eine starke Soziale Marktwirtschaft braucht einen starken Sozialstaat

Die Politik muss ein Auseinanderdriften unserer Gesellschaft in eine Gruppe der Gewinner und in eine kleinere Gruppe der Abgehängten verhindern. Wir brauchen Antworten auf kleine Löhne, kleine Renten und weniger Rechte, wenn die Soziale Marktwirtschaft weiterhin auf breite Akzeptanz stoßen soll. Und dabei drängt die Zeit, denn die aktuellen Megatrends könnten einige Entwicklungen weiter verschärfen. Digitalisierung und Globalisierung verschärfen den Druck auf die Soziale Marktwirtschaft. Länder, die weder eine freie Marktwirtschaft, noch soziale Mindeststandards bei Löhnen, Sicherheit am Arbeitsplatz und Umweltrichtlinien kennen, stehen in direkter Konkurrenz zu Deutschland. Eine auf Kooperation ausgerichtete Beziehung zwischen Unternehmen und Beschäftigten ist in vielen Volkswirtschaften unbekannt. Unsere Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung gerät unter Druck, von außen und innen. Die Politik muss deshalb dringend neue Akzente setzen.

CDU auf dem richtigen Weg

Aus Sicht von Karl-Josef Laumann ist die CDU bereit, diese neuen Akzente zu setzen: „Die Arbeit am Grundsatzprogramm zeigt doch, dass die Union die Herausforderung bereits angenommen hat.“ Die vormalige Generalsekretärin und jetzige Bundesvorsitzende der CDU hat schon zu Beginn des 2017 angestoßenen Grundsatzprogrammprozesses klargemacht, dass die Erneuerung der Sozialen Marktwirtschaft ein zentrales Thema sein wird. „Wir als CDU wollen mehr Marktwirtschaft. Wir wollen das Verhältnis von persönlicher Freiheit und staatlicher Verantwortung neu justieren“, sagt Annegret Kramp-Karrenbauer. Laumann fügt hinzu, dass der ein oder andere in der CDU aber auch begreifen müsse, dass die Erneuerung der Sozialen Marktwirtschaft nicht nur mehr Markt bedeuten dürfe. Der Ruf nach mehr Markt und mehr privater Vorsorge rufe bei vielen Menschen berechtigte Ängste hervor. Diese Bedenken aufzunehmen und zu einem ausgewogenen Ergebnis zu kommen, dafür sei die CDA verantwortlich und diese Herausforderung „nehmen wir gerne an“.

„Ohne starken Sozialstaat, keine Soziale Marktwirtschaft. Das ist der Kitt, der unsere Wirtschaftsordnung zusammenhält,“ betonte er. Und wenn dieser Kitt porös geworden sei, müsse man ihn eben wieder erneuern. Die Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft geben keine endgültigen Auskunft zu Rentenhöhe, gerechtem Lohn und Organisation der Arbeitswelt. Aber sie sind erfolgversprechende Leitlinien. Leitlinien, anhand derer wir die Soziale Marktwirtschaft im Sinne der Menschen weiterentwickeln können. Leitlinien, die zu einer Marktwirtschaft führen, in der „Soziale“ groß geschrieben wird.

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