Junge Menschen lernen für ihr Leben, wenn sie ein Jahr lang Dienst für die Gesellschaft leisten. Teile der CDU möchten daher ein verpflichtendes Soziales Jahr einführen. Aus Sicht der CDA braucht es für soziales Engagement Begeisterung statt Pflicht. Die CDA will deshalb lieber das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) attraktiver machen.

„Das hat fürs Leben geprägt“, bekräftigt unser Redakteur Philip Wenkel, heute, elf Jahre nach seiner Zeit als Zivildienstleistender. Direkt von der Schule ging es als Zivi ins Katholische Krankenhaus in Unna. Zunächst hieß das Bettenschieben und für die Patienten auf der Kardiologiestation da sein. Später kamen verantwortungsvollere Aufgaben hinzu – wie Blutdruckmessen oder Blutproben ins Labor bringen. „Die Urinflasche wechseln, dass wollte natürlich keiner machen. Aber man hat schnell gemerkt, wie sehr die Arbeit den Menschen hilft. Das vergisst man nicht“, erinnert er sich. Von der Schule zum Bund oder Zivildienst – das war für viele junge Männer der erste große Schritt im Leben. „Wir hatten unter den 14 Zivis eine tolle Gemeinschaft und auch ein wenig Narrenfreiheit. Unser Frühstück haben wir schon mal auf dem Krankenhausdach gegessen. Das war eine besondere Zeit“, resümiert der heutige CDA-Referent.

Wie ihm erging es knapp 90.000 bis 130.000 Zivildienstleistenden jedes Jahr in Deutschland. Wer den Kriegsdienst aus Gewissensgründen verweigerte, der leistete sozialen Dienst – im Krankenhaus, Jugendzentrum, Altenheim, im Rettungsdienst oder Naturschutz. Mit der Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2011 fand allerdings auch der Zivildienst sein Ende. Seitdem können sich junge Menschen im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes für die Gesellschaft engagieren.

Mit aktuell ca. 40.000 Bundesfreiwilligen ist die Anzahl der Dienstleistenden stark gesunken. In Zeiten eines zunehmenden gesellschaftlichen Leistungsdruckes , nehmen sich immer weniger junge Menschen die Zeit für ein Soziales Jahr. Dabei hat das Engagement nachweislich positive Effekte auf den sozialen Umgang mit Menschen und führt zu besseren Lernkompetenzen. Interessanterweise nehmen heute mehr Frauen als Männer am Freiwilligen Sozialen Jahr teil.

Gunda Ehmke (22) ging nach der Schule für ein Freiwilliges Soziales Jahr nach Rotterdam. In gleich fünf Projekten engagierte sie sich. Neben Kinderbetreuung gab sie Boxunterricht für Frauen und Kinder, begleitete ein Urban-Gardening Projekt und leitete Zumba-Kurse im Frauenhaus. „Ich wollte der Gesellschaft etwas zurückgeben. In der Zeit habe ich viel über das Ehrenamt und mich selbst gelernt“, resümiert sie heute.

Pflicht als gesellschaftliche Bereicherung?

Die Befürworter für ein verpflichtendes Soziales Jahr sehen in den positiven Effekten des Bundesfreiwilligendienstes die Grundlage für ihr Vorhaben. Die CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer hatte die Debatte in diesem Sommer angestoßen. Sie regt eine allgemeine Dienstpflicht für junge Männer und Frauen über 18 Jahren an. Der Dienst solle dann nicht nur für deutsche Staatsangehörige gelten, sondern auch für Flüchtlinge und Asylbewerber, die volljährig in Deutschland leben. Nach der Vorstellung Kramp-Karrenbauers könnte die allgemeine Dienstpflicht Eingang in das Unions-Programm für die nächste Bundestagswahl finden. „Ein Dienst an der Gesellschaft und am Vaterland könnte den Zusammenhalt stärken“, meint Kramp-Karrenbauer. Geplant ist nun zunächst, dem Thema eine wichtige Rolle in der Debatte um ein neues CDU-Grundsatzprogramm zu geben.

Attraktivität steigern

Die Idee klingt charmant, die Umsetzung ist schwierig. Ein Pflichtjahr für Männer und Frauen wäre ohne Verfassungsänderung vermutlich nicht möglich. Dafür braucht es eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Bundestag und Bundesrat. Zudem würden dem Staat Kosten von mehreren Milliarden Euro jährlich entstehen. Auch deshalb halten die CDA und ihr Bundesvorsitzender Karl-Josef Laumann ein verpflichtendes Jahr für den falschen Ansatz: „Wir müssen das Freiwillige Soziale Jahr stärken, um junge Menschen zu begeistern. Pflicht ist dafür der falsche Ansatz!“ Einen entsprechenden Beschluss fasste der CDA-Bundesausschuss im September.

Die CDA plädiert dafür, das FSJ in Ausbildungs- und Studienordnungen zu integrieren. Zudem soll Bundesfreiwilligen Vorrang bei der Bewerbung um Studienplätze oder Ausbildungsplätze im öffentlichen Dienst eingeräumt werden. „Das Freiwillige Soziale Jahr sollte Vorteile für junge Leute schaffen und keine Nachteile. Daher müssen wir entsprechende Anreize setzen. Wer sich engagiert, der soll bei Bewerbungen besser gestellt werden“, erläutert Christian Bäumler, erster stellvertretender CDA- Bundesvorsitzender und Initiator des Antrags. Arbeitgeber sollen die Chance nutzen, motivierte junge Menschen nach Beendigung des gesellschaftlichen Jahres als Auszubildende zu gewinnen.

FSJ als Berufsorientierung

Auch bei der Finanzierung des FSJ sieht die CDA Handlungsbedarf. Demnach sollten Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Sozialen Jahres elternunabhängig Bafög erhalten. „Jeder sollte sich das Freiwillige Soziale Jahr leisten können.
Wir sollten auch über Job-Tickets oder Aufwandspauschalen nachdenken. Klar ist: Wir wollen der jungen Generation Zeit zur Persönlichkeitsentwicklung ermöglichen und sie für soziale Berufe begeistern“, sagt Christian Bäumler. Eine Umfrage des Bundesfamilienministeriums zeigte, dass das FSJ sich auf die spätere Berufswahl erheblich auswirkt. Demnach wird durch den Freiwilligendienst insbesondere das Interesse an Sozialberufen geweckt.

Neben den Christlich-Sozialen sprechen sich auch mehrere Sozialverbände für eine Stärkung des Freiwilligendienstes aus. Die Diakonie warnt vor möglichen Kosten eines verpflichtenden Jahres. Bereits die heutige Verwaltung der Bundesfreiwilligendienstleistenden verschlinge pro Jahr einen dreistelligen Millionenbetrag. Der VdK fordert, die Freiwilligendienste attraktiver zu gestalten, indem sie durch Teilzeitangebote flexibler gemacht werden. Zur Anerkennung sozialen Einsatzes sollte es nach den Vorstellungen des VdK zudem Vergünstigungen im Nahverkehr geben.

Auch Gunda Ehmke könnte sich vorstellen, dass attraktivere Bedingungen die Bereitschaft für ein FSJ erhöhen würden. „Es gibt so viele Sozialprojekte, von denen kaum einer etwas weiß. Das Bewusstsein für das Ehrenamt muss stärker gefördert werden“, sagt die heutige Studentin. Sie hat die Sache selbst in die Hand genommen und informiert in Schulen über die Möglichkeiten des Freiwilligen Sozialen Jahres.

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