In Deutschland leben rund elf Millionen Kinder bis 14 Jahre. Ihre Geschichten und Hintergründe sind so vielfältig wie das Leben: Sie sind hier geboren, gerade zugewandert oder schon lange verwurzelt. Sie leben im Speckgürtel, auf Dörfern, im Plattenbau und in der Kleinstadt. Ihre Eltern sind Lehrer, Busfahrer und Ingenieure, sie sind Einkommensmillionäre, Durchschnittsverdiener und Harz-IV-Empfänger.

Egal wer sie sind oder woher sie kommen, Kinder sollen in Deutschland möglichst viele und gleiche Chancen haben. Die Soziale Ordnung hat nachgeforscht: Wie steht es um die Kinderchancen in unserem Land?

Im Jahr 2020 wurden in Deutschland 773.200 Kinder geboren. Auf sie wartet ein Leben in einem der reichsten Länder der Erde im Herzen Europas. In einem Land, das seit mehr als sieben Jahrzehnten im Frieden mit seinen Nachbarn lebt und weltweit für seine Wirtschaftskraft und Ingenieursleistungen bekannt ist. Die Lebenserwartung dieser Kinder beträgt unter heutigen Bedingungen 78,6 Jahre bei Jungen und 83,4 Jahre bei Mädchen. Grundsätzlich wartet auf sie ein Leben mit – im weltweiten Vergleich – extrem vielen Möglichkeiten: bei der der Bildungs- und Berufswahl, bei persönlichen und politischen Freiheiten.

Trotz dieser statistisch rosigen Aussichten sieht das Leben der Kinder oft ganz unterschiedlich aus. Das zeigen die Geschichten von Johanna, Mehmet und Omar. Ihre Leben machen schnell klar: Nicht allen Kindern gelingt es gleichermaßen, die guten Chancen in Deutschland auch wahrzunehmen. Grund sind selten die intellektuellen Fähigkeiten. Vielmehr beeinflusst das Umfeld, in dem sie aufwachsen, welche Chancen sie ergreifen können.

Johanna* ist zehn Jahre alt und lebt mit ihren zwei Geschwistern in der Nähe von Mannheim. Ihre Eltern haben beide einen akademischen Abschluss. Ihre Mutter kümmert sich seit über einem Jahrzehnt Vollzeit um die Kinder. Das Haushaltseinkommen ist dank des Leitenden Angestellten-Gehalts ihres Vaters trotzdem weit überdurchschnittlich. Weil die Familie zum Wohl der Kinder Prioritäten setzt, gehören zu ihrem Alltag nicht nur Unterstützung bei Hausaufgaben und schulischen Aktivitäten. Auch Musikunterricht und Sport im Verein sind für sie und ihre Geschwister möglich.

Mehmet* lebt in Berlin, er ist sieben Jahre alt. Seine Eltern sind getrennt. Er lebt bei seiner Mutter, die die Familie als ambulante Altenpflegerin versucht durchzubringen. Er hat Probleme in der Schule mitzukommen, denn der Sorgerechtsstreit zwischen seinen Eltern belastet ihn sehr. Er geht lange in den Hort und schafft es dort nicht immer seine Hausaufgaben zu bewältigen und sich ins soziale Gefüge mit anderen Kindern einzupassen. Er mag Kickboxen, für andere Freizeitaktivitäten ist kein Geld da.

Omar* kommt aus Syrien. Er ist neun Jahre alt und seit dreieinhalb Jahren wohnt er mit zwei Geschwistern und seinen Eltern in Potsdam. Erst kam die Familie in der Gemeinschaftsunterkunft unter, jetzt leben sie in einer eigenen Wohnung. Seine Eltern sind sehr bemüht, Anschluss und soziale Kontakte zu finden. In den Hort geht er nicht gern, hier gibt es oft Probleme mit anderen Kindern. Die Schule und die Hausaufgaben fallen ihm trotz der Bemühungen seiner Eltern sehr schwer. Das liegt vor allem an der Sprache. Anträge auf Nachhilfe und Sportangebote sind wegen versäumten Fristen, Sprachschwierigkeiten und zuletzt wegen Corona immer wieder gescheitert.

Johanna, Mehmet und Omar sind drei von insgesamt rund 10,65 Millionen ganz individuellen Geschichten von Kindern unter 14 Jahren in Deutschland, denn letztlich hat jedes seine eigene. Und von dieser individuellen Geschichte, von den Umständen, in die ein Kind hineingeboren wird, hängen seine Chancen ganz wesentlich ab, darin sind sich Familienexperten, Bildungsforscher und Sozialpraktiker einig. Geprägt werden Kinder vor allem von ihrer Herkunft. Es macht einen großen Unterschied, ob genug Geld da ist, welche Vorbilder es für Mädchen und Jungen gibt, welche Erwartungen und wieviel Energie Eltern in Erziehung und Ausbildung ihrer Kinder investieren können. Wenn Eltern ermutigen und sich selbst engagieren, haben Kinder nachweislich viel bessere Chancen auf Bildungserfolg. Wenn Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Süchte alle Hoffnung auf ein materiell selbstbestimmtes Leben aufgezehrt haben, bleibt auch in der Vorstellungswelt der Kinder oft nur der direkte Weg in Hartz-IV übrig.

Materielle Chancen
Geld ist nicht alles, aber ohne Geld geht vieles nicht. Natürlich fällt der Blick bei den Chancen von Kindern auch auf die Teilhabe von Familien am Wohlstand in Deutschland. Johannas Wünsche nach Klavierunterricht oder eine notwendige Nachhilfe in Mathe würden nie am Geld scheitern. Während Mehmets Mutter rechnen muss, wie sie die steigende Miete in Berlin zahlen kann, für Extrawünsche ist da kein Platz. Materielle Armut wird in Deutschland vor allem mit der Grundsicherung adressiert. Hier ist das sozio-kulturelle Existenzminimum festgelegt, das jedem zusteht. Es soll die kulturelle Teilhabe auch von Kindern sichern. In der Forschung werden Familien im Bezug von Hartz-IV und Haushalte in denen das Einkommen weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens beträgt, als armutsgefährdet eingestuft. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung hat beide Zählweisen kombiniert und festgestellt, dass rund 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in einer Armutsgefährdungslage aufwachsen – also jedes fünfte Kind.

Die wenigsten Kinder in diesen Familien müssen mit absoluter Armut in Form von Obdachlosigkeit oder Mangelernährung leben, aber von Einschränkungen sind sie alle betroffen. Ein fehlender Zugang zu digitalen Endgeräten und Internet betrifft rund ein Viertel dieser Familien. Auch Kinobesuche oder eine Woche Urlaub sind für viele nicht drin. Viele Eltern versuchen die fehlenden Finanzmittel, gerade wenn sie nicht dauerhaft auftreten, mit eigenem Verzicht zugunsten der Kinder auszugleichen. Trotzdem bleibt eine Lücke zwischen bessergestellten Familien und denen, die in Armutslagen oder Gefährdung leben. Und diese Lücke prägt mitunter ein Leben lang, denn sie bleibt nicht ohne Folgen für ihre Chancen auf Bildung und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben insgesamt.

Der Staat versucht seit Jahren mit materiellen Hilfen gegenzusteuern. Neben Kinderzuschlag und Wohngeld gibt es für Familien umfangreiche Maßnehmen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket. Neben kostenlosen Mittagessen in Kita und Schule, gehören dazu auch Zuschüsse zu Klassenfahrten, Lernmitteln und vieles mehr – 754,2 Millionen Euro wurden dafür 2019 ausgegeben. „Die Hilfen sind da“, sagt Marcus Weinberg, familienpolitischer Sprecher der Unionsfraktion und CDA-Kollege, „sie müssen nur auch bei den Betroffenen ankommen. Deshalb haben wir in dieser Legislaturperiode den Zugang zu Leistungen deutlich erleichtert und bürokratische Hindernisse abgebaut. Anträge für den Kinderzuschlag sind jetzt beispielsweise online möglich.“ Er erklärt:

Unsere Familienpolitik steht für zielgenaue und bedarfsorientierte Hilfe.

Damit grenzt er sich auch vom grünen Konzept der Kindergrundsicherung ab, die aus seiner Sicht für „Gießkannenpolitik“ stehe. Bettina Wiesmann, Vorsitzende des CDU-Bundesfachausschusses, will diesen Weg weiter gehen und den Antrag für alle wesentlichen Familienleistungen digital und gebündelt ermöglichen. „Dazu wollen wir Familienbüros einrichten, die Familien einen Ansprechpartner bieten, der sie über alle staatlichen Familienleistungen aufklärt und ihnen bei der Beantragung hilft.“

Immaterielle Hilfe
Es gibt aber auch Familien, bei denen noch mehr Unterstützung notwendig ist. Hier greift die Kinder- und Jugendhilfe. Mit Hilfe von Sozialarbeitern und dem Jugendamt soll die Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen und deren Eltern konkret verbessert werden. Das Beispiel von Sarah* aus Essen zeigt, wie verzahnt die Hilfen mitunter sein müssen, um Chancen zu eröffnen. Sarahs Mutter war alleinerziehend und trotz sehr guter akademischer Ausbildung aufgrund einer chronischen Krankheit von Transferleistungen abhängig. Als die Mutter stirbt, braucht Sarah intensive Hilfe, nicht nur bei der Trauerarbeit, sondern auch bei der Suche nach einer Unterbringung und dem Übergang zu einem Studium. Björn Enno Hermans leitet die Caritas Essen und betont, wie groß das Netzwerk sein musste, damit Sarah trotz dieses schweren Schicksalsschlages erfolgreich studieren konnte: „Von der flexiblen Hilfe der Caritas über das Jugendamt, Schulen, Arztpraxen, Heimeinrichtung bis zum Jobcenter und dem Sozialamt mussten hier die verschiedensten Rädchen ineinandergreifen, damit Sarah heute auf eigenen Beinen stehen kann.“

Um mehr solcher Erfolgsgeschichten zu ermöglichen, hat die Regierung Merkel 2021 noch eine Reform des achten Sozialgesetzbuches beschlossen. Ziel: Minderjährige aus einem belastenden Lebensumfeld, die in Heimen oder Pflegefamilien leben, sollen besser geschützt werden und mehr Chancen auf Teilhabe bekommen. Doch reicht das? Hermans berichtet aus der Praxis: „Natürlich können wir immer noch Sachen verbessern, insgesamt brauchen wir aber nicht mehr soziale Hilfsangebote.“ Er verweist auf eine andere entscheidende Frage: „Wie gelingt es uns, all diese Hilfen an die Frau und an den Mann zu bringen?“ Dafür müssten aus seiner Sicht mehr die übergreifenden Fragen in den Blick genommen werden. Kindern helfen, ohne die Eltern in den Blick zu nehmen, das funktioniere nicht. Deshalb sind für ihn die Chancen der Eltern auf dem Arbeitsmarkt ganz entscheidend. „Gebraucht zu werden, sich selbst versorgen zu können, das erhöht den Selbstwert und erleichtert auch die Chancen der Kinder erheblich.“ Nur so stiegen die Chancen auf echte Integration der Zugewanderten und nur so ließe sich die Resignation bei jahrzehntelangen Sozialhilfeempfängern bekämpfen.

Hermans weist noch auf eine andere Frage hin, die nicht nur im Ruhrgebiet ein echtes Hindernis für soziale Mobilität und Bildungserfolge ist: „Wir haben zu viele abgetrennte Milieus, ‚closed shops‘, wo Aufstieg oder Bildungserfolge gar nicht als wünschenswert angesehen werden, sondern eher für Unruhe sorgen, weil sie eben für die Öffnung der eigenen Gruppe sorgen. Wir brauchen Anschlussfähigkeit von allen sozialen Milieus an die Gesellschaft. Wenn jeder gern für sich ist, dann kann Gesellschaft nicht gelingen.“

Die Bildung der Eltern
Wenn Bildung der Schlüssel für Chancenreichtum ist, dann haben Kinder aus Elternhäusern mit geringeren Bildungsabschlüssen seltener den richtigen Schlüssel in der Hand. Denn je höher der allgemeinbildende oder berufliche Abschluss der Eltern ist, desto höher waren die Schüleranteile an Gymnasien. Hier lernen, das belegen die Zahlen des statistischen Bundesamtes, hauptsächlich Kinder, deren Eltern die Fachhochschul- oder Hochschulreife hatten – nämlich zwei Drittel. Und die allgemeine Hochschulreife ist statistisch der aussichtsreichste Weg zu einem sicheren und gut bezahlten Job. Dagegen wuchsen nur acht Prozent der Gymnasiasten in Familien auf, in denen die Eltern einen Hauptschulabschluss als höchsten Schulabschluss oder keinen allgemeinbildenden Schulabschluss besitzen. An den Hauptschulen sieht es dann genau umgekehrt aus: Nur 17 Prozent der Kinder, die hier lernen, kommen aus Elternhäusern mit mindestens Fachhochschulreife, während die Eltern von mehr als der Hälfte der Schüler maximal einen Hauptschulabschluss haben. Dass Johanna aufs Gymnasium geht, ist fast schon folgerichtig. Während Mehmet und Omar statistisch viel geringe Chancen haben, die Hochschulreife zu erlangen.

Gerade Bildungschancen von Kindern aus bildungsfernen Haushalten hängen stark mit einem guten Zugang zur Kita zusammen. Nur durch Interaktion mit Gleichaltrigen und gezielte Förderung können vorhandene Sprachbarrieren abgebaut oder kognitive Lücken frühzeitig verkleinert werden. Auch hier hat sich in den letzten Jahren viel getan. Neben dem Rechtsanspruch für die Betreuung von unter Dreijährigen wurde auch der Ganztagesunterricht an Schulen ausgebaut. Katharina Spieß ist Professorin für Bildungs- und Familienökonomie an der FU Berlin und betont in ihren Studien, dass in Westdeutschland heute schon mehr Kinder aus Transferempfängerhaushalten in Ganztagsschulen gingen als aus den Vergleichsgruppen. „Ob sich dadurch jetzt auch die Bildungschancen der Kinder real verbessern, hängt von der pädagogischen Qualität der Betreuung ab“, sagt Spieß. Die Schwierigkeiten von Omar, sich im Hort zurechtzufinden und unter sozialem Stress Betreuungshilfe anzunehmen, zeigen exemplarisch, dass allein das Angebot noch nichts über die tatsächliche Hilfe aussagt.

Mehr Aufsteiger als Absteiger
Die Bildungsexpertin Felise Maennig-Fortmann betont, dass in den vergangenen Jahren Erfolge bei der Bildungsgerechtigkeit zu verzeichnen waren. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung von 2016, die zeige, dass es in Deutschland mehr Bildungsaufsteiger als -absteiger gebe. In jüngster Zeit werde jedoch deutlich, dass der Zusammenhang zwischen sozioökonomischer Herkunft und Bildungserfolg wieder größer wird. Besonders die Corona-Pandemie könnte diese Entwicklung beschleunigen. „Wenn wir noch mehr Bildungschancen schaffen wollen, dann müssen wir möglichst frühzeitig in der Bildungskette ansetzen und mehr Geld in den Bereich Kita und Grundschule investieren, qualitativ hochwertige Ganztagesbetreuung anbieten und benachteiligte Gruppen gezielter fördern, z. B. durch Lernpatenschaften und Mentorenprogramme.“

Chancennachteil Migrationshintergrund?
Im Jahr 2018 hatten so wie Omar und Mehmet insgesamt 36 Prozent der Schülerinnen und Schüler einen Migrationshintergrund. Bei der Betrachtung der einzelnen Schularten sind dabei deutliche Unterschiede zu erkennen: An Hauptschulen war der Anteil der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund mit 57 Prozent fast doppelt so hoch wie an Gymnasien (30 Prozent). Dabei sind diese Chancennachteile für Migranten sehr unterschiedlich je nach Herkunftsregion. Während Migranten aus Asien ohne Länder des Mittleren und Nahen Ostens eine ebenso hohe Gymnasialbildung aufweisen wie Kinder ohne Migrationshintergrund – rund 45 Prozent, sieht dies bei den Kindern aus dem Mittleren und Nahen Osten anders aus. Von Ihnen gehen nur rund 27 Prozent aufs Gymnasium.

Ein Grund für diese Unterschiede liegt in der direkten Migrationserfahrung der Schüler. Wer hier bereits geboren ist, tut sich oft leichter. Wohingegen diejenigen, die selbst eine Migrationserfahrung haben, oft deutlich geringere formale Bildungserfolge aufweisen. Viele Familien wie die von Omar haben in Teilen oder als Ganzes traumatische Fluchterlebnisse gehabt, sie müssen nun nicht nur diese Erlebnisse verarbeiten, sondern auch die Sprachbarriere überwinden und die neue Kultur kennenlernen. Zusätzlich fehlt ihnen auch das Wissen um die Bildungsmöglichkeiten in Deutschland.

Viele Wege führen zum Abschluss
Grundschule, Hauptschule, Realschule, Gesamtschule, Gymnasium, Abendschule, Berufsschule, Fachhochschule, Universität die Stärke des deutschen Schulsystems ist seine Vielfalt. Es steht immer ein zweiter Bildungsweg offen. Wer nach der mittleren Reife eine Ausbildung abschließt, kann nach ein paar Jahren Berufstätigkeit die Fachhochschule besuchen und ein Studium beginnen, oder einen Meister dranhängen.

Es ist nahezu einmalig auf der Welt, dass in Deutschland ein nicht-akademischer Bildungsweg am Ende zu vergleichbar hohen Gehältern und vielfach sogar einem niedrigeren Arbeitslosigkeitsrisiko führt wie ein akademischer Abschluss. Die enge Verzahnung von Praxis und Theorie und die enge Anbindung an die Unternehmen sind nicht nur Grund für die mit sechs Prozent mit Abstand niedrigste Jugendarbeitslosenquote Europas. Sie war auch immer ein wichtiger Baustein für Bildungsaufstieg.

Doch wer das Wissen um diese Chancen nicht hat, der kann sie natürlich nur schwer nutzen. Wenn die Eltern selbst in Ländern aufgewachsen sind, in denen eine praktische Ausbildung nicht mehr als eine angelernte Hilfstätigkeit ist, dann werden sie ihr Kind meist nicht zu einer dualen Ausbildung ermutigen. Stattdessen wird auf Gedeih und Verderb ein Studium angestrebt – und das kann schnell zum Frust führen. Rund ein Drittel der Studenten, die aus einem Nichtakademiker-Elternhaus kommen, brechen ihr Studium wieder ab.

Kein Abschluss ohne Anschluss
Sackgassengefahr besteht bei Kindern, die das Schulsystem ohne einen Abschluss verlassen. 2019 betraf das über 50.000 Schüler oder rund 6,8 Prozent eines Jahrgangs. Ihnen ist der Weg in die duale Ausbildung meistens verbaut, denn im Wettbewerb mit anderen haben sie bei der Ausbildungsplatzsuche oft das Nachsehen. Eine Erwerbskarriere, die zwischen Aushilfsjobs um Mindestlohn und Arbeitslosigkeit hin und her pendelt, wird so sehr wahrscheinlich.

Wir müssen alle Kraft darauf verwenden Jugendliche mit berufsqualifizierenden Abschlüssen auszustatten, sonst hilft uns auch die duale Ausbildung nicht weiter,

betont Karl-Josef Laumann, der als Arbeitsminister in NRW das Programm „Kein Abschluss ohne Anschluss“ auf den Weg gebracht hat. Mit einer intensiven Berufseinstiegsbegleitung und Werkstattjahren werden hier junge Erwachsene für eine Ausbildung fit gemacht. Das Programm setzt auf berufliche Qualifizierung mit praktischer produktiver Arbeit. Das soll den Jugendlichen Selbstvertrauen geben, aber auch Kenntnisse und Fähigkeiten vermitteln. Dringend nötig, um eine Ausbildung zu beginnen – und erfolgreich abzuschließen.

Licht und Schatten bei geflüchteten Minderjährigen
Wer die Schule ohne Abschluss verlässt, hat es sehr schwer. Noch weiter unten auf der Chancenleiter stehen aber die Kinder der Flüchtlinge, die seit 2015 nach Deutschland gekommen sind. Das sagt der Essener Caritasleiter Enno Hermans. „Hier ist es für große Teile wieder nicht gelungen durch schnelle Qualifizierung und Beschäftigungsmöglichkeiten, die Menschen an die Gesellschaft anzuschließen. Deshalb ist es kein Wunder, dass auch ihre Kinder länger brauchen, um sich hier zurechtzufinden.“ Das Ergebnis sind erneut verfestigte Milieus, die mit der Begrenzung von Kinderchancen einhergehen. Gut gelaufen sei es dagegen dort, wo im persönlichen Kontakt Beziehungen und damit Vertrauen gewachsen sind. „Hier haben wir auch schnelle Erfolge gesehen, die zu mehr Integration und auch zu Arbeitsplätzen geführt haben.“

Seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können auch von genau solchen Erfolgen berichten. Etwa von Amin* und Karim*, zwei afghanischen Brüdern, die heute Anfang 20 sind. Nach der Flucht vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat sind sie nach vielen Jahren prekären Lebens im Iran über die Türkei nach Europa gekommen. Nach der Ankunft besuchten sie eine Integrationsklasse auf einem Berufskolleg. Heute können beide gut Deutsch und sind ehrgeizige Schüler. Der Jüngere plant Informatik zu studieren. Möglich war das vor allem durch die intensive Begleitung.

Vieles kann Geld nicht ersetzen oder aufwiegen. Ehrgeiz, Glück, die richtigen Menschen, die einem im richtigen Moment die Hand reichen. Grundsätzlich bietet das deutsche System viele Chancen. Es sind aber oft solche Anstöße, die das Schicksal von Kindern in die richtige Richtung lenken,

sagt Caritas Mann Hermanns, „Wenn wir einen Beitrag dazu leisten können, ist das umso schöner.“

Deutschland, ein Kinderchancenland
Johanna, Mehmet, Omar und all die anderen Kinder haben ganz unterschiedliche Voraussetzungen. Damit ihre Chancen möglichst groß sind, wird in Deutschland sehr viel in Bewegung gesetzt. Materielle Unterstützung für Kinder in Armutsgefährdung, Kinder- und Jugendhilfe für Familien, Krippen und Kindergartenangebote, Ganztagsschule und nicht zuletzt das persönliche Engagement vieler ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer. Ermutigende Beispiele wie das von Sarah, Amin und Karim zeigen, der Einsatz für jedes Kind, das nicht die nötige Unterstützung von seiner Familie bekommen kann, lohnt sich. „Wir müssen die Brücke für jedes Kind möglichst breit bauen“, sagt Karl Josef Laumann „darüber gehen muss irgendwann jedes selbst, das kann ihm letztlich niemand abnehmen. Das ist zutiefst christlich-demokratische Politik. Chancen ermöglichen und den Einzelnen befähigen, selbstständige Entscheidungen zu treffen.“

* Namen geändert

Kinderarmut auf der Welt

Während in Deutschland über Kinderchancen diskutiert wird, ist weltweit jedes dritte Kind von multidimensionaler Armut – also einem Mangel an Nahrung, Wasser oder Bildung – betroffen. Etwa 385 Millionen Kinder leben in extremer Armut und haben pro Tag weniger als 1,90 US-Dollar zum Leben. Weltweit stirbt alle zehn Sekunden ein Kind unter fünf Jahren durch Mangelernährung und schätzungsweise sind insgesamt 144 Millionen Kinder chronisch unterernährt oder ausgezehrt. 258 Millionen Kinder gehen nicht zur Schule und die UNESCO schätzt, dass 100 Millionen Kinder weltweit auf der Straße leben, die meisten in großen Metropolen. 152 Millionen Kinder zwischen fünf und 17 Jahren müssen laut der Internationalen Arbeitsorganisation arbeiten. Fast die Hälfte der arbeitenden Kinder, 73 Millionen, leidet unter gefährlichen oder ausbeuterischen Arbeitsbedingungen – zum Beispiel in Goldminen in Burkina Faso, auf den Baumwollfeldern in Indien oder auf Kakaoplantagen in der Elfenbeinküste.

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