Immer weniger Menschen wohnen in Dörfern und Kleinstädten. Und diejenigen, die dort leben, werden immer älter. Oft ist kein Hausarzt mehr vor Ort, schnelles Internet ist Mangelware, auch sonst hapert es bei der "Daseinsvorsorge". Viele Menschen in ländlichen Gebieten haben den Eindruck, abgehängt zu sein. Doch die Politik handelt.

Aldi, Lidl, Netto: Wer in Storkow, einer Kleinstadt zwischen Berlin und der polnischen Grenze, lebt, hat kein Problem, Milch, Brot und Gemüse einzukaufen. Er findet noch ein breites Angebot an Discountern. Immerhin hat die „Storchenstadt“ mit einem See, einer Burg und viel Grün auch touristisch einiges zu bieten. Doch das Café „Bohem 13“ am Markt hat schon dicht gemacht. Ein Schuhgeschäft schließt, weil die Konkurrenz des „A-10-Centers“, eines großen Einkaufzentrums direkt an der Autobahn, zu groß ist. Rund um den Storkower Marktplatz fndet man immer mehr Läden, an deren Schaufenstern „zu vermieten“- oder „zu verkaufen“-Schilder kleben. Wenn es denn überhaupt noch Scheiben in den Fenstern gibt. Denn einige Geschäftshäuser verfallen bereits.

Südlich von Storkow, im Spreewald, bietet die Gemeinde Schönwald einem Hausarzt eine freie Wohnung an, wenn er in dem Ort eine Praxis eröffnet. Doch bislang hat sich noch keiner gemeldet. Und in den Dörfern und Städten der Altmark in Sachsen-Anhalt müssen Serien-Junkies viel Geduld haben: Das Internet stottert immer wieder, wenn man Netflix streamt. Und nicht nur dort.

Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse

Seit der Bundestagswahl ist die Lebensqualität in den ländlichen Räumen in den Blick geraten – auch angesichts des Wahlergebnisses für die AfD. CDU und CSU hatten schon im Wahlprogramm eine „Offensive ländlicher Raum“ und eine Kommission „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“angekündigt. Auch die Unionsfraktion im Bundestag hatte die Politik für die Landstriche abseits der großen Städte schon in der vergangenen Wahlperiode zu einem ihrer Schwerpunkte gemacht. „Der Staat muss gewaltige Anstrengungen unternehmen, um das Leben auf dem Land lebenswert zu machen“, findet Fraktionschef Volker Kauder.

Kein Bus, kein Arzt, kein Lebensmittelladen: Das ist für viele Menschen Alltag. Ein Blick in den „Raumordnungsbericht der Bundesregierung“ aus dem Oktober dieses Jahres belegt das: In den Großstädten können neun von zehn Einwohnern zu Fuß zu einer Apotheke kommen – bundesweit sind es nur zwei von dreien. Mehr als neun Millionen Menschen können nicht fußläufig ein Angebot des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) erreichen. Und mehr als jeder vierte Mensch (28 Prozent) muss mehr als einen Kilometer bis zum nächsten Supermarkt gehen. Oft haben gerade alte Menschen keinen Lebensmittelmarkt mehr in der Nähe - die, die auch vielfach nicht mehr Auto fahren. Denn der Altersdurchschnitt steigt in den ländlichen Regionen deutlich stärker als in den Großstädten. Junge Leute wandern ab. Während die Großstadtregionen zwischen 2005 und 2015 ein Plus von 1,5 Millionen Einwohnern zu verzeichnen hatten, schrumpften im gleichen Zeitraum 37 Prozent der Mittelstädte und 52 Prozent der Kleinstädte. Bis 2035 wird jeder siebte Kreis in den alten Ländern und jeder zweite Kreis in den neuen Ländern dünn besiedelt sein. „Die Schrumpfungsprozesse von ländlichen Gemeinden sowie von Mittel- und Kleinstädten erfassen nach Ostdeutschland zunehmend auch Westdeutschland“, heißt es denn auch im Raumordnungsbericht.

Laumann für Landarztquote

Besonders dramatisch ist die ärztliche Versorgung. In den Landgemeinden haben derzeit nur knapp 20 Prozent der Bevölkerung einen Hausarzt in einer fußläufgen Erreichbarkeit. Viele Hausärzte gehen in Rente, nur wenige kommen nach. In Nordrhein-Westfalen sind allein im letzten Jahr 457 Ärzte in den Ruhestand gegangen, nur 219 kamen nach. „Die Überalterung der Hausärzte ist insbesondere auf dem Land stark fortgeschritten. Auf Dauer würde sich das zu einer medizinischen Versorgungskatastrophe entwickeln“, sagt Karl-Josef Laumann, CDA-Bundesvorsitzender und Gesundheitsminister in Nordrhein-Westfalen. In Westfalen-Lippe sind fast zwei Drittel der Hausärzte heute älter als 60 Jahre, fast ein Viertel arbeitet bereits über das 65. Lebensjahr hinaus.

Deshalb steuert Laumann gegen: Im NRW-Koalitionsvertrag ist eine „Landarztquote“ für das Medizinstudium festgeschrieben, das sind „reservierte“ Studienplätze für angehende Landärzte. Außerdem soll die Allgemeinmedizin auch in Forschung und Lehre aufgewertet werden. So wird in Ostwestfalen an der Universität Bielefeld eine neue medizinische Fakultät eingerichtet, bei der die Allgemeinmedizin eine besondere Bedeutung haben soll. Und wer in einer Gemeinde mit bis zu 25.000 Einwohnern eine Praxis eröffnet, bekommt dafür einen Zuschuss von bis zu 50.000 Euro.

Michael Wolter, Kreistagsabgeordneter im Dahme-Spreewald-Kreis südlich von Berlin, weist darauf hin, dass es auch bei der Versorgung bei der ambulanten Pflege Probleme gibt. Überlange Anfahrtswege, etwa im dünn besiedelten Spreewald, rechnen sich für die Pflegedienste nicht. CDA Bundesvorstandsmitglied Wolter kennt aus seinem Kreis noch weitere Probleme – zum Beispiel schlechten Handy-Empfang. Da wollten die schwarz-gelb-grünen Digitalpolitiker ansetzen. „Im Bereich des Mobilfunks wollen wir bestehende Funklöcher kurzfristig schließen“, schrieben sie in einem Papier für die Sondierungsverhandlungen. Sie hatten sich auch den Ausbau mit Gigabit-Netzen auf ihre Fahnen geschrieben – „flächendeckend“. Auch da sind die Unterschiede zwischen Stadt und Land groß. Neunzig Prozent der Menschen in den Großstädten waren 2015 an schnelles Internet (mit mindestens 50 Mbit pro Sekunde) angeschlossen – aber nur 31 Prozent in strukturschwachen ländlichen Räumen.

ÖPNV: 'Kleiner Kalle' im Kreis Lippe

Bernd Schulze-Waltrup arbeitet dafür, dass nicht nur der virtuelle Anschluss in ländlichen Regionen stimmt, sondern auch der mit Bussen und Bahnen. Der Diplom-Geograph ist Kreistagsabgeordneter im Kreis Paderborn und Verkehrsplaner. Er tritt dafür ein, den ÖPNV als Daseinsvorsorge zu betrachten wie den Straßenbau. „Nur wenn wir den Menschen in den Dörfern Mobilität ermöglichen, werden sie auch am Ort wohnen bleiben und nicht in die Städte ziehen“, sagt Schulze-Waltrup, der auch Mitglied im CDA-Bundesvorstand ist. Dabei müsse man Bus, Bahn, Fahrrad und Auto in den Blick nehmen – Stichwort „multimodal“: „Also mit dem Rad zur Haltestelle und weiter mit dem Bus, oder mit dem CarSharing-Auto zur Bahn und dann zum Termin....“ Ein schönes Beispiel dafür sei der 'Kleine Kalle' eine Buslinie im Kalletal im Kreis Lippe, die neben dem regulären Linienweg auch Bedarfshaltestellen anfährt, wenn der Kunde dies vorher telefonisch oder online anmeldet.

Ob Landarzt, schnelles Internet oder Busverbindungen: Gleichwertige Lebensverhältnisse im ganzen Land zu schaffen, ist eine Mammut-Aufgabe. Das muss einer der Schwerpunkte der neuen Bundesregierung sein.

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