In der aktuellen politischen Situation liebäugeln manche CDU-Mitglieder mit der AfD als Kooperationspartner. Der stellvertretende CDA-Vorsitzende Matthias Zimmer zeigt anhand der historischen Wurzeln der Christlich-Sozialen auf, warum dieser Gedanke ein fataler Fehler ist.

Am Ende machten die Nazis kurzen Prozess mit ihm. Bernhard Letterhaus war Abgeordneter der Zentrumspartei im Preußischen Landtag und hochrangiger Vertreter der Katholischen Arbeiterbewegung. Im November 1944 wurde er wegen seiner Beteiligung am 20. Juli vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und einen Tag später in Plötzensee hingerichtet. Zwei seiner Freunde und Mitverschwörer kamen davon. Johannes Albers, seit Oktober 1944 in Haft, wurde im März 1945 zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Jakob Kaiser überlebte den Krieg in einem Versteck in Babelsberg. Seine Frau und seine Tochter wurden in Sippenhaft genommen.

Nach dem Krieg starb seine Frau an den Spätfolgen der Haft. Nach dem Krieg gehörten beide nicht nur zu den Gründungsvätern der CDU, sie setzten sich auch für die Bildung einer Einheitsgewerkschaft ein. Und sie waren Gründer der CDA, mehr noch: Johannes Albers war der erste Bundesvorsitzende von 1947 bis 1949 und erneut von 1958 bis zu seinem Tod 1963; Jakob Kaiser leitete die CDA von 1949 bis 1958. Für die CDA wurde der Widerstand gegen Rechts zu einer gelebten Grundwahrheit. Dazu gehörte für Albers und Kaiser die Gründung der CDU als breite Union der Katholiken und Protestanten, gebunden in Verantwortung vor Gott. Dazu gehörte die Gründung einer Einheitsgewerkschaft, damit einer erneuten totalitären Versuchung eine geeinte und starke Vertretung der arbeitenden Menschen gegenüber stand. Und dazu gehörte auch der Versuch, sich mit den Sozialdemokraten auf einen antitotalitären Konsens zu einigen: Nie wieder durfte eine Demokratie an ihrer mangelnden Wehrhaftigkeit zugrunde gehen.

Jakob Kaiser hatte die Methoden kommunistischer Machtergreifung in der Sowjetischen Besatzungszone miterlebt und er dürfte Kurt Schumachers Diktum von den Kommunisten als rotlackierten Faschisten durchaus geteilt haben. Schwerer aber wog, dass der Nationalsozialismus einen Trümmerhaufen sittlicher Werte hinterlassen hatte – so der Berliner Gründungsaufruf der CDU von 1945. Und eine weitere Formulierung findet sich dort: „Wir geloben, alles bis zum Letzten auszutilgen was dieses ungeheure Blutopfer und dieses namenlose Elend verschuldet hat und nichts zu unterlassen, was die Menschheit künftig vor einer solchen Katastrophe bewahrt.“ Hier ist es, das „Nie wieder!“, der Schwur der Überlebenden, der zum Vermächtnis der CDU und der CDA geworden ist.

Zentrumspolitiker, christliche Gewerkschafter, katholische Verbandsfunktionäre: Sie haben einen hohen Blutzoll im Kampf gegen die Nationalsozialisten entrichtet. Als Gründungsgeneration von CDU und CDA haben sie uns verpflichtet, wachsam zu sein und wehrbereit. Das Leitbild unserer Demokratie ist deshalb die streitbare, die wehrhafte Demokratie. Unsere Gründer wussten aus eigener Erfahrung: Demokratien können untergehen und dem wahrhaft Bösen Platz machen. Sie waren sich bewusst, dass Deutschland monströse Schuld auf sich geladen hatte: Der Nationalsozialismus, so die Kölner Gründer, „bedeckte den deutschen Namen vor aller Welt mit Schmach und Schande.“ Entrüstet hätten sie alle die Vorstellung zurückgewiesen, der Nationalsozialismus sei nur ein „Vogelschiss“ der deutschen Geschichte. Nein, das war in der langen Geschichte Deutschlands ohne Beispiel, ein Abgrund an Lüge, Massenwahn und Massenverhetzung, eine Gesellschaft ohne Gott. Die Union von katholischen und evangelischen Christen, aber auch Juden, sollte für eine geistige Wiedergeburt sorgen, für die Herrschaft des Rechts und die Verantwortung vor Gott und den Menschen. Das war durch furchtbaren Blutzoll in den Kreisen der späteren Gründer bezeugt, durch Millionen von Opfern der Nazis zwingend erforderlich. „Wehret den Anfängen“ und „Nie wieder!“ bleibt in die Koordinaten der Union fest und dauerhaft verwebt. Und das gilt auch und gerade in dem Verhältnis zur AfD. Denn die Bedrohung sind weniger Nazis, die als Nazis daherkommen; sondern Nazis, die uns glauben machen wollen, sie seien Demokraten.

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