Vor 75 Jahren wurde die CDU gegründet. Und setzte programmatisch das christliche Menschenbild gegen die Diktatur. Es waren aufregende Zeiten. Elmar Brok, Präsident der Europäischen CDA, blickt zurück.

In diesen Tagen des Juni vor 75 Jahren, wenige Wochen nach dem Ende des Krieges, machten sich Männer und Frauen in den Trümmern ihrer Städte auf, eine völlig neue Partei zu gründen.

Es geschah ohne zentrale Regie an vielen Orten wie Berlin, Wuppertal, Dortmund, Hamburg, Frankfurt und Paderborn. Die prägendste Kraft ging von den Treffen im Kölner Kolpinghaus und im Kloster Walberberg, bei dem „Kölner Leitsätze“ als Entwurf für ein Programm einer CDU Deutschlands, die allerdings als Bundespartei erst 1950 in Goslar unter dem Vorsitz Adenauers, der da schon Bundeskanzler war, zusammenfand.

Es ist aus heutiger Sicht erstaunlich, wie gleichzeitig in kürzester Zeit örtliche und regionale Gründungen erfolgte. Die Zielsetzung und das Motiv war überall gleich. In der Wirtschafts- und Sozialpolitik gab es Unterschiede insbesondere zwischen den katholischen und protestantischen Regionen.

Vor allem ging es darum, dass die beiden großen christlichen Konfessionen in einer Partei zusammenfinden. Die Schande der katholischen Zentrumpartei und der liberalen, bürgerlichen Parteien, die 1933 dem Ermächtigungsgesetz Hitlers zugestimmt hatten, sollte eine völlig neue Partei, die dem christlichen Menschenbildverpflichtet ist und „dessen Grundgesetz die Achtung menschlicher Würde“ ist, entgegengesetzt werden.

Der Größenwahn des Nationalsozialismus „habe den deutschen Namen vor aller Welt mit Schmach und Schande“ bedeckt, getrieben von „habgierigem Materialismus“, „Rassenhochmut und einem nationalistischen Machtrausch“. Das klingt angesichts von neuem Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus auch heute sehr modern.

Die Kölner Gründer wie die anderen auch setzen die selbstverantwortliche Person, die nicht „bloßer Teil der Gemeinschaft“, dem totalen Machtanspruch diktatorischer Regime entgegen.
Die eigenständigen Rechte der Familie und der Eltern als „Grundlage der sozialen Lebensordnung“, die Kultur- und Medienfreiheit, die unabhängige Rechtsstaatlichkeit werden genauso wie die Ablehnung eines nationalen Zentralismus gegen einen übermächtigen Staat aus Erfahrung der Nazi-Zeit gesehen.

„Alle Formen des öffentlichen Gemeinschaftslebens kommen aus der Demokratie“, heißt es in den Leitsätzen. Der Missbrauch der Demokratie, vor allem zu nicht-demokratischen Zwecken, werde nicht geduldet. Das ist eine klare Ansage – aus Erfahrung von 1933 - dass Demokratiefeinde sich nicht erfolgreich auf Demokratie berufen dürfen. Die Begründung, die AfD sei doch gewählt, ist falsch und nachlässig. Die Höckes – wie in Thüringen versucht – dürfen nicht Nutznießer der Demokratie, die sie zerstören wollen, werden.
Dies alles liest sich wie ein erster Entwurf für das Grundgesetz, dessen Kern die Grundrechte und -werte, der demokratische und soziale Rechtsstaat sowie die föderale Ordnung sind.
Die soziale Gerechtigkeit, die menschliche Arbeit als „sittliche Leistung, nicht aber als bloße Ware“ sind hochmoderne Fragen in Zeiten von zunehmend überbordenden Werkverträgen und Leiharbeit. Ist es nicht schrecklich, dass heute der Begriff Humankapital unreflektiert zum allgemeinen Sprachgebrauch gehört?

Die junge CDU will – außer bei Energie und Kohle – das Recht auf Eigentum, das aber gerecht und gemeinwohlorientiert gestaltet werden muss, garantieren. Während die „Mittel- und Kleinbetriebe … gefördert und vermehrt“ werden sollen, soll die Macht der Kapitalgesellschaften, die einer sozialen Lohngestaltung“ gemeinsam mit freien Gewerkschaften verpflichtet seien, „gebrochen“ werden. Das ist der Beginn der später von Erhard ausgestalteten Wettbewerbsordnung gegen zu viel Macht in einzelnen Händen, sei es aus politischen, sei es aus Wettbewerbsgründen.

Konrad Adenauer, der im Spätsommer zu der Kölner Gruppe stieß und im Januar 1946 in Herford den Vorsitz der CDU der britischen Zone übernahm, hat das in seiner noch heute modernen, lesenswerten Rede am 24. März 1946 untermauert. Er hat da übrigens die Beteiligung der Arbeitnehmer an den Entscheidungen der Kapitalgesellschaften vorgeschlagen. Beginn der sozialen Partnerschaft.

Die Berliner Gründer um Jakob Kaiser und Ernst Lemmer sprachen in ihrem Gründungsaufruf von einer alle Schichten der Bevölkerung umfassenden Partei. Heute nennt man das Volkspartei, die das Schlüsselwort für 75 Jahre Erfolg und für 50 Jahre Führung der Bundesregierung ist.

Die Werteunion, die auf die Rückkehr in die Vergangenheit setzt, hat nicht einmal diese Vergangenheit verstanden, noch die Notwendigkeit, heutigen Herausforderungen mit den hier dargestellten Werten zu begegnen.

Zur Außenpolitik sagen die Kölner: „Die Grundlage der deutschen Außenpolitik ist die Achtung fremden Volkstums und die treue Einhaltung der Verträge.“ In seiner Rede vom März 1946 sagte Adenauer, dass der beste Weg „die Vereinigten Staaten von Europa“ seien. Das Grundgesetz trug in seiner Präambel auf, die Einheit Deutschlands zu erreichen und dem Frieden der Welt in einem geeinten Europa zu dienen. Teil 1 ist unter Kanzler Kohl erfüllt worden, an Teil 2 muss bis heute gearbeitet werden.

Die Christlich-Sozialen, Liberalen und Konservativen, die sich 1945 als Antwort gegen Hitler und auch dem Kommunismus in der „Union“ fanden, sind erfolgreich diesen Weg gegangen. Die heutigen Krisen zeigen, dass der Auftrag noch nicht zu Ende ist.

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