Corona hat eine ohnehin schon in einem rasanten Wandel befindliche Arbeitswelt noch einmal deutlich und spürbar verändert. Über die Frage, was sich tatsächlich seit März 2020 verändert hat und welche Herausforderungen das an Politik stellt, hat die Arbeitnehmergruppe mit hochrangigen Expertinnen und Experten diskutiert.

In einer Hauruck-Aktion hätten viele Arbeitnehmer ihre Tätigkeit nach Hause verlagert, um die Folgen der Pandemie für ihre Firmen abzufedern. Jetzt komme es darauf an, die Auswirkungen dieses Wandels genauer in den Blick zu nehmen, so der Vorsitzende der Arbeitnehmergruppe Uwe Schummer. Mit neuen Arbeitsumfeldern und Gefährdungen müssten nun alle Beschäftigte auch umgehen lernen. Dies gelte zum einen für die Beschäftigten im Homeoffice und zum anderen auch für die Arbeit deren, die Präsenz erfordert, so beispielsweise Pfleger, Polizisten oder Busfahrer. Die einen seien dann eher technischen und psychischen, die anderen eher infektologischen Risiken aufgrund ihrer häufigen Kontakte besonders zu anderen Menschen, ausgesetzt.

Arbeitsplatz ist in Pandemie-Zeiten ein sicherer Ort

Doch eines wurde auch herausgestellt: Insgesamt betrachtet ist der Arbeitsplatz, der eigentlich nicht unbedingt erwartungsgemäß einer der sichersten Orte ist mit Blick auf COVID-19 im Vergleich zu anderen Lebenswelten sehr sicher. Durchschnittlich sechs Prozent der Corona-Infektionen haben mit der Arbeitswelt zu tun, wie Prof. Dr. Sascha Stowasser vom Institut für angewandte Arbeitswissenschaft (ifaa) in der vom Arbeitsschutzexperten Peter Krauss-Hoffmann moderierten und konzeptionell unterstützten Veranstaltung befundreich darstellte.

Deutlich sind in den Verlaufskurven freilich auch Ausschläge zu erkennen, sie bilden z.B. die Masseninfektionen in den Schlachthöfen ab. Generell aber ist der erforderliche Arbeitsschutz in den Arbeitsstätten schnell und konsequent umgesetzt worden und hat sich bewährt, wie die Expertenrunde anerkennend feststellte. Das deute auf einen funktionierenden Arbeits- und Gesundheitsschutz hin und erfolgreiche Schutzkonzepte. Die gute Organisation der Betriebsstätten und die guten Bedingungen am Arbeitsplatz sind ein Herausstellungsmerkmal, wie auch der nordrhein-westfälische Arbeitsminister und CDA-Bundesvorsitzende Karl-Josef Laumann betonte. (Aber auch ein wichtiger Faktor für die Geschäftsfähigkeit der Unternehmen, so Prof. Dr. Stowasser). Das mit einem guten Arbeitsschutz, der besondere Risiken im Blick habe und damit auch Branchen, in den viele Risiken zusammenkommen, sei auch das Ziel in NRW dem auch Taten folgen: Mit 100 neue Stellen im Arbeitsschutz wird das Land Nordrhein-Westfalen daher seinen Beitrag für einen leistungsfähigen Arbeitsschutz in schwierigen Zeiten leisten, wie Minister Laumann ankündigte. Gleichzeitig appellierte der Minister auch an den Bundestag, dazu das Arbeitsschutzkontrollgesetz – auch mit den Regelungen zum Werkvertragsverbot einzelner Branchen, zu verabschieden.

Homeoffice wird für viele zum Alltag

Für viele, deren Arbeit nicht an eine Arbeitsstätte gebunden ist, stellt das Homeoffice oder das mobile Arbeiten die größte Veränderung im täglichen Arbeiten seit Beginn der Pandemie dar: 57 Prozent der Befragten in der vom Vorstandsvorsitzenden der DAK-Gesundheit, Andreas Storm, vorgestellten Studie gaben an, dass ihre Arbeitgeber digitale Möglichkeiten zum Arbeiten im Homeoffice sprunghaft ausgeweitet haben. Der Anteil der Arbeitnehmer, die regelmäßig im Homeoffice arbeiten, hat sich von 18 Prozent auf 39 Prozent mehr als verdoppelt. Er regte an, dies auch bei der Präventionsarbeit zu berücksichtigen. Hier ginge es nicht zuletzt um die Stärkung individueller Gesundheitskompetenz, z.B. zu den Themen Ernährung oder Bewegungsförderung. Das

Homeoffice sei aber auch eine Herausforderung für Unternehmen, insbesondere für Mittelständler, so Christian Schalter (BDA), denn die Umsetzung sei gerade für Mittelständler in diesen schwierigen wirtschaftlichen Zeiten sehr teuer. Dies gilt umso mehr, da der Anteil der Beschäftigten, die zumindest gelegentlich im Homeoffice gearbeitet haben, sich verdreifacht habe und im April 2020 anstieg, so Prof. Dr. Bellmann vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB). Seit Juli 2020, sank der Anteil aber wieder auf 28 Prozent. Die Zahlen zeigen aber auch: Homeoffice ist nicht nur Neuland und wurde ad hoc ohne klare Regularien eingeführt, denn 17 Prozent der Betriebe haben während der Krise bereits bestehende Telearbeit ausgeweitet, während 23 Prozent Telearbeit neu eingeführt haben.

Die Pandemie wirkte damit als Beschleuniger der digitalen Transformation: In 92 Prozent der von der Bertelsmann-Stiftung befragten Firmen war dies der Fall. Die verantwortliche Projektleiterin Dr. Alexandra Schmied will aber nicht von einem Digitalisierungsschub durch Corona reden. Vielmehr habe die Pandemie zu allererst Versäumnisse in der bereits möglichen Digitalisierung der Arbeitswelt offengelegt.

Neue Gegenwart muss gestaltet werden

Bemerkenswert einhellig die Feststellung, dass offenbar niemand in die weniger „mobile“ alte Arbeitswelt vor Corona zurückkehren will. Hierfür wurden sehr unterschiedliche Rahmenbedingungen genannt. Elke Hannack (DGB) forderte „klare Regelungen zu Homeoffice und mobiler Arbeit“. Dr. Volker Kregel (Landesamt für Arbeitsschutz Hamburg) nannte als Beispiele für solche Rahmenbedingungen einen angemessenen Arbeitsplatz, die Begrenzung von Arbeitszeit/Verfügbarkeit und die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen. Prof. Dr. Windemuth vom Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IAG) formulierte als zentrale Herausforderung, die Beschäftigungsfähigkeit (Employability) der Arbeitnehmer zu erhalten und dazu das Thema der – auch pandemiebedingten - psychischen Belastungen verstärkt in den Blick zu nehmen. Außerdem hob er – unabhängig von der Pandemie - die Notwendigkeit der Etablierung einer „Kultur der Prävention“ in den Köpfen der Akteure hervor.

Für den Zweiten dbb-Bundesvorsitzenden Friedhelm Schäfer sind folgende Voraussetzungen für die Arbeit im Homeoffice entscheidend: Arbeitsplatz und die Tätigkeit müssen diese Form der Arbeit ermöglichen, es gilt das Prinzip der Freiwilligkeit sowie der Einbindung in den Arbeitsablauf, die technische Ausstattung, also die Arbeitsmittel, müssen stimmen und selbstverständlich gilt es in der Tradition der Deutschen Sozialpartnerschaft, das alle ; mitbestimmungsrelevanten Regelungen berücksichtigt werden. Gerade auch die erfolgreiche Umsetzung des Arbeitsschutzes in den Betrieben in einer Krise wie der Corona-Pandemie zeigt für Schäfer, wie wichtig es ist, die bewährten Strukturen des Arbeitsschutzes am Arbeitsplatz auch beim mobilen Arbeiten zu Hause nutzbar zu machen. Die Verwaltung soll nach Vorstellung des dbb mit dem „Schwung der Krise“ digitalisiert und krisenresilient aufgestellt werden. Der DAK-Vorstandsvorsitzende Andreas Storm forderte, dass das Betriebliche Gesundheits-management (BGM) auch die im Homeoffice Arbeitenden im Blick halten muss und dazu neue – auch digitale Formate entwickelt oder verstärkt genutzt werden sollen.

Demgegenüber warnte Schalter (BDA), würden die Standards für Telearbeitsplätze übernommen, so schreckten die Unternehmen vor Homeoffice zurück. Der Zuspruch für mehr Homeoffice bei den Arbeitnehmern sei allerdings groß. Über 75 Prozent der Beschäftigten, die erst in der Corona-Krise regelmäßig im Homeoffice gearbeitet haben, möchten diese Arbeitsform – zumindest teilweise – fortführen. Der dbb verwies auf eine Studie, der zu folge 26 Prozent der Befragten zwei Tage in der

Woche im Homeoffice arbeiten wollen. Diesem Ansatz folgte auch wie Prof. Dr. Beermann von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Sie betonte, Studien zeigen, dass die mit Abstand am wenigsten zufriedenen Beschäftigten diejenigen sind, deren Wunsch vom Betrieb nicht erfüllt wird, im Homeoffice zumindest gelegentlich arbeiten zu können.

Generell wird, wie die Arbeitsschützerin erläuterte, von mehr als der Hälfte der Vollzeitbeschäftigten eine kürzere Wochenarbeitszeit gewünscht, zugleich steigen im betrieblichen Kontext die Wünsche der Beschäftigten nach individuellen Arbeitszeitmöglichkeiten. Inwieweit sich das mit der BDA-Forderung nach Ermöglichung längerer täglicher Arbeitszeiten und kürzeren Ruhezeiten in Einklang bringen lässt, wird zu klären sein. Bemerkenswert auch der Unterschied zwischen Beschäftigten- und Betriebsbefragungen: So zeige z.B. eine aktuelle Ifo-Befragung von Unternehmen, das nur in sechs Prozent der Fälle im Homeoffice die Produktivität gestiegen sei, währenddessen Arbeitnehmerbefragungen viel höhere Werten zeigen. Hier sieht die BDA noch Erkenntnisbedarf.

Homeoffice bringt auch Probleme mit sich

Neben den positiven Aspekten räumten die Sachverständigen auch den als negativ empfundenen Seiten des Homeoffice ausreichend breiten Raum ein und zeigten gleichzeitig auch Lösungsansätze auf, um besondere Risiken in den Griff zu bekommen: Prof. Dr. Stowasser sieht eine herausfordernde Situation der „Führung auf Distanz“ und eine ausbaufähige Unterweisung der Beschäftigten in Arbeits- und Gesundheitsschutz und Ergonomie. Nachholbedarf gebe es in diesem Zusammenhang auch bei der Kompetenz „Eigenverantwortung“ auf Seiten der Beschäftigten. Prof. Dr. Windemuth sprach in diesem Zusammenhang von Gesundheitskompetenz der Beschäftigten als Gegengewicht zur Gefahr der Selbstgefährdung. Dies darf nach Meinung einiger Experten aber nicht zur Verantwortungsverlagerung führen, denn beispielswiese 33 Prozent der Frauen mit Kindern unter zwölf Jahren haben, so Prof. Dr. Windemuth, Probleme mit der Work-Life-Balance. Elke Hannack vom DGB verwies in diesem Zusammenhang auf das Risiko eines Rückfalls in alte Rollenmuster. Wichtige Themen waren für verschiedene Sachverständige auch die große Bedeutung psychischer Anforderungen bzw. das Fehlen sozialer Kontakte und der Arbeit in Teams. Hier bietet die von Andreas Storm vorgestellte DAK-Studie wichtige Erkenntnisse: Danach sind die am Häufigsten genannte Nachteile von „Homeoffice“ der fehlende Kontakt zu Kollegen (75 Prozent) und das Fehlen einer klaren Trennung von Beruf und Privatleben (ca. 50 Prozent).

Einen innovativen Ansatz, wie der Vereinzelung begegnet und auch Arbeit jenseits des Betriebs als Gemeinschaftserlebnis wahrgenommen werden kann, brachte Dr. Alexandra Schmied ein. Sie schlug Coworking-Spaces vor, in denen Beschäftigte verschiedener Arbeitgeber insbesondere im ländlichen Raum wohnortnah an regionalen Anlaufpunkten zum mobilen Arbeiten zusammenkommen.

Die Vorzüge sozialpartnerschaftlicher Lösungen bei der Umsetzung und Begleitung der nicht nur pandemiebedingten erforderlichen Stärkung von Digitalisierungsprozessen hob Prof. Stowasser hervor. Die Sozialpartner könnten begleitende Betreuung, Unterstützung und Konfliktbewältigung in schwieriger Lage leisten und an Arbeitsschutzstandards in Unternehmen mitwirken. Das Beispiel der COVID-19-Arbeitsschutzstandards und den branchenspezifischen Regelungen und Hilfen für die Betriebe habe dies eindrucksvoll gezeigt. Sozialpartnerschaftliche Ansätze und Anstrengungen für eine höhere Tarifbindung forderte auch Elke Hannack für den DGB.

Die Würde des Menschen bleibt Richtschnur

Volker Ullrich, CSU-Abgeordneter und Vorsitzender der CSA, mahnte abschließend im Resümee der Veranstaltung an, dass bei allen betrieblichen Erfordernissen klar die Würde der Arbeit erhalten bleiben müsse. Die Arbeit diene schließlich nicht nur dem Broterwerb, sondern sei auch sinnstiftend.

Hier finden Sie alle Fachvorträge zum Download:

Fachbeitrag Dr. Kregel (Direktor des Landesamtes für Arbeitsschutz Hamburg, Länderausschuss für Arbeitsschutz und Sicherheitstechnik (LASI) - Arbeitsschutz)

Fachbeitrag Prof. Beermann (Fachbereichsleiterin „Grundsatzfragen und Programme“, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin - BAuA - Schwerpunkt: Arbeitszeit)

Fachbeitrag Prof. Bellmann (Leiter des Forschungsbereiches „Betriebe und Beschäftigung“ des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (iab) der BA - Empirische Erkenntnisse)

Fachbeitrag Schalter (Abteilungsleiter Strategie und Digitalisierung der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände - BDA - Herausforderungen an Wirtschaft und Arbeitsmarkt)

Fachbeitrag Storm (Vorstandsvorsitzender der DAK-Gesundheit - Homeoffice-Studie der DAK)

Fachbeitrag Prof. Windemuth (Direktor des Instituts für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung)

Fachbeitrag Prof. Stowasser (Direktor des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft (ifaa))

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