Die Corona-Pandemie hat ihre Spuren hinterlassen. Mit Lockdown, Homeoffice und geschlossener Uni wurden die Infektionsketten unterbrochen. Unter dem Radar hat sich dabei eine andere, nicht neue Krankheit weiter ausgebreitet: Einsamkeit. Wer ist betroffen und braucht es politische Antworten?

Wenn wir das Wort Einsamkeit hören, haben wir meist ein bestimmtes Bild vor Augen: Die grauhaarige Dame, die den ganzen Tag vom Fenstersims die Straße beobachtet, oder der ältere Herr aus dem ersten Stock mit dem lauten Fernseher, der keinen Besuch bekommt. An wen wir aber nicht sofort denken, ist der junge Projektentwickler, der jeden Monat den Standort wechselt und nur selten Freunde und Familie in den Arm nehmen kann.

Neben den Senioren gehört die Generation der unter 30-Jährigen zur zweiten Gruppe, die in den letzten Jahren immer stärker von Einsamkeitsgefühlen geplagt wird. In einer Umfrage von YouGov aus Oktober 2020 gab rund die Hälfte der 18- bis 24-Jährigen an, sich sehr bzw. eher oft einsam zu fühlen. Bereits 2018 hat der Neurowissenschaftler und Bestsellerautor Manfred Spitzer Alarm geschlagen. Für ihn ist „der Mangel an Gemeinschaft eine Krankheit mit fatalen Folgen für die geistige und körperliche Gesundheit“. Während der Corona-Pandemie verschärfte sich das Problem. Das Deutsche Rote Kreuz spricht heute sogar von einer „Epidemie hinter der Pandemie“.

Die Gründe für die Einsamkeit in jungen Jahren sind vielschichtig. Zum einen hat es etwas mit der Lebens-situation zu tun. Immer mehr junge Menschen zieht es in die Städte. Die Studienanfängerquoten liegen in den letzten Jahren stabil über 50 Prozent. Im Gegensatz zum betrieblichen Ausbildungsplatz liegt die Uni oft nicht in Pendelnähe. Mit dem Umzug fehlt von jetzt auf gleich die enge Einbindung in Vereine, Freundeskreise und die Familie. Das begünstigt Einsamkeit.

Insgesamt ist die Mobilitätsbereitschaft hoch. Studium, Auslandssemester, erster Job, zweiter Job, dritter Job: Gerade gut Qualifizierte ziehen oft um. Was Arbeitgeber schätzen, hat jedoch Auswirkungen auf die Familiengründung. Das durchschnittliche Heiratsalter liegt bei Männern mittlerweile bei 34,6 Jahren, bei Frauen bei 32,1 Jahren. Dabei schützen feste Familienstrukturen besonders gut vor Einsamkeit.

Auf einen weiteren wichtigen Aspekt weist Diana Kinnert hin. Die CDAlerin hat ein viel zitiertes Buch über Einsamkeit geschrieben und analysiert: „Einsamkeit hat nicht immer etwas mit der Abwesenheit anderer zu tun, sondern mit der Qualität des sozialen Austausches. Wer oberflächliche, flüchtige, beliebige Kontakte hat, kann dennoch Vertrauen und Intimität vermissen.“ Studien zufolge verdreifacht die häufige Nutzung von sozialen Onlinemedien wie Facebook, Instagram und Twitter das Einsamkeitsrisiko. Statt des echten Austausches liegt der Fokus in den sozialen Medien oft auf der perfekten Inszenierung des eigenen Lebens. Schwächen und Niederlagen spielen kaum eine Rolle. Das führt nicht selten zum Gefühl, nicht mithalten zu können – und letztlich zum Rückzug aus der Gesellschaft und damit zu Einsamkeit.

Auch die Arbeitswelt von heute birgt ein hohes Selbstausbeutungspotenzial. Im letzten Jahr waren 34 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Neueinstellungen befristet. Für viele Jüngere bedeutet das Karrieredruck und Einzelkämpfertum direkt zum Start ins Berufsleben. Die Folge ist oft eine hohe Bereitschaft, alles zu geben. Darunter leiden Freundschaften, aber auch solidarische Verbindungen im Betrieb – wie auch die sinkenden Mitgliederzahlen bei den meisten Gewerkschaften zeigen.

Diese Entwicklung sieht auch Janna Melzer. Das CDA-Bundesvorstandsmitglied warnt: „Gerade bei jungen Berufstätigen sehen wir häufig eine Tendenz zur Selbstausbeutung und zur Entgrenzung von Arbeit und Freizeit. Wichtig sind deshalb klare Arbeitszeitregeln und sichere Arbeitsverträge schon beim Berufsstart.“

Einsamkeit zu überwinden ist eine Aufgabe, die wir nur miteinander schaffen“,

mahnte schon Richard von Weizsäcker. Da sind sich die Pandemie und die Epidemie hinter der Pandemie sehr ähnlich. „Aber auch politisch können wir viel tun. Arbeitsmarktpolitik, Bildungspolitik, Ehrenamt, Wohnungsbau – Lösungen gegen Einsamkeit sind in fast allen Politikfeldern zu finden. Wichtig ist deshalb, dass wir Einsamkeit immer mitdenken und eine Strategie entwickeln“, ist deshalb auch Arbeitsnehmergruppenchef Uwe Schummer überzeugt.

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