Wir kennen es alle von Konzerten, dem Theater und anderen Aufführungen: am Ende steht der Applaus. Es ist unser Ausdruck von Anerkennung und Wertschätzung gegenüber den Künstlerinnen und Künstlern; der eigentliche Lohn, der diese auf die Bühne zieht, wie viele sagen.

Die Wahrheit ist aber auch, viel zu oft beginnt mit dem Ende des Applauses wieder unser Alltag. Manchmal klingt das Erlebte noch nach, aber auch das verebbt mit der Zeit – so ist es zumindest bei mir, aber vielleicht bin ich auch nur ein Kulturbanause.

Während der Corona-Krise sind die Theater geschlossen, Konzerte bis auf weiteres abgesagt. Also klatschen wir von unseren Balkonen – nicht für Künstlerinnen und Künstler, sondern für die Menschen, die mit ihrer Arbeit unser Land am Laufen halten, während das SARS-CoV-2-Virus unser Leben auf den Kopf stellt. Die aktuelle Wertschätzung und Anerkennung für die Beschäftigten in systemrelevanten Berufen – im Einzelhandel, in der Pflege, bei Polizei und Feuerwehr, der Logistik und Gebäudereinigung – ist überwältigend. Aber was kommt nach dem Applaus?

Seien wir ehrlich: der Applaus in Krisenzeiten ist eine schöne Geste – nur wirklich nutzen, tut er den Beschäftigten langfristig nicht. Weder kann man sich davon was kaufen, noch werden die Arbeitsbedingungen verbessert.
Was folgt daraus, wenn wir alle nach der Zwangspause und den wirtschaftlichen Einschnitten die sehr vielen Menschen in unserem Land gerade er- und durchleben, wieder in so eine Art Alltag eintreten?

Bliebe es lediglich bei dem Applaus, dann wäre er nicht mehr als ein kollektiver, feuchter Händedruck – Danke, war super, dass ich weiter Toilettenpapier und Nudeln kaufen konnte, meine Online-Shop Bestellungen pünktlich erhalten habe, Oma und Opa gepflegt wurden und Tante Helge die beste Betreuung im Krankenhaus bekam – und jetzt zurück an die Arbeit.

1500€ - so viel ist der Applaus in Euro umgerechnet wert.

Politikerinnen und Politiker sind sich unterdessen einig: Nach der Krise, müssen wir für diese Berufe etwas tun, müssen wir die Wertschätzung auch ummünzen – und das wortwörtlich.

Schnell war die Idee einer Bonuszahlung geboren: Discounter und Supermärkte kündigten für ihre Mitarbeiter Warengutscheine oder Sonderzahlungen zwischen 100€ und 250€ an. Auch in der Logistikbranche und von einigen Krankenhäusern wurden solche Boni angekündigt. Damit das Geld auch tatsächlich bei den Beschäftigten ankommt, hat das Bundesfinanzministerium per Verordnung solche Zahlungen bis 1500€ für das Jahr 2020 steuerfrei gestellt. Auch in der Altenpflege soll es einen Bonus von 1500€ geben, das hat diese Woche das Bundeskabinett beschlossen – auch wenn hier noch Uneinigkeit darüber herrscht, wer das am Ende zahlen soll und sich neue Gerechtigkeitsfragen ergeben.

Im Vergleich zum Durchschnittsverdienst vieler systemrelevanter Berufe, lässt sich die Summe durchaus sehen: Der Durchschnittsverdienst einer Fachkraft in der Altenpflege liegt bei 3116€ brutto im Monat, 2624€ brutto erhalten durchschnittlich Berufskraftfahrer, Fachkräfte im Lebensmitteleinzelhandel kommen auf 2186€/Monat, Erzieherinnen und Erzieher auf 2710€/Monat und Beschäftigte in der Gebäudereinigung im Durchschnitt auf 2700€/Monat.

Ich finde Bonuszahlungen sind – so wie der Applaus – eine verdiente Form der Anerkennung und Wertschätzung der Leistungen der Beschäftigten während der Corona-Krise. Leider sind beide gänzlich ungeeignet, diese auch langfristig Ausdrucke zu verleihen – und gerade darum soll es doch gehen. So wie am Ende der Applaus verebbt und sich jeder seinem Alltag widmet, so ist auch irgendwann die Einmalzahlung ausgegeben und wir haben uns längst anderen Dingen zugewandt.

Tarifvertrag statt Einmalzahlung

Die Antwort auf die Frage, wie ein langfristiger Ausdruck der Wertschätzung in den systemrelevanten Berufen aussehen kann, ist – vor allem am 1. Mai – so klar und altbekannt, dass ich bis hier hin euch und mir wahrscheinlich einfach nur Lebenszeit gestohlen habe. Sie lautet: faire Löhne und gute Arbeitsbedingungen - oder anders gesagt: Tarifverträge!

Es ist eigentlich paradox, dass es gerade in vielen der systemrelevanten Berufe – vor allem im Einzelhandel und der Pflege – so schlecht um die Tarifbindung steht. Dabei wäre der positive Effekt von Tarifverträgen allein auf die Lohnentwicklung ein überzeugendes Argument dafür. Hinzu kommen zahlreiche weitere Regelungen, die für bessere Arbeitsbedingungen, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, soziale Absicherung und Altersvorsorge sorgen würden.

Natürlich ist die Forderung nach Tarifverträgen für so manche unbequem. Es ist deutlich einfacher, einen einmaligen Bonus zu zahlen, anstatt sich zukünftig in zähen Verhandlungen mit lästigen Arbeitnehmervertretern um höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen zu streiten. Vielleicht müssen sich die Gewerkschaften aber auch fragen lassen, warum sie nicht mehr alle Beschäftigten – vor allem in den häufig unterdurchschnittlich bezahlten Berufen – gleichermaßen erreichen können? Ich kann darüber nur mutmaßen.

Sozialpartnerschaft ist konstituierender Bestandteil der Sozialen Marktwirtschaft – ohne sie muss sich Politik um Dinge kümmern, die nur schwer mit einem Gesetz geregelt werden können und die nicht ohne Grund in die Verantwortung der Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände gelegt wurden. Wer sich ihr entzieht, schwächt langfristig auch unser Wirtschaftssystem. Von einer funktionierenden Sozialpartnerschaft profitieren alle - nicht nur Arbeitnehmer. Es gibt Untersuchungen die zeigen, dass Unternehmen mit Mitbestimmung resilienter sind und besser durch Krisen kommen , was sich am Ende positiv auf die gesamte Wirtschaft auswirkt. Eine Beobachtung, die zuletzt in der Finanzkrise bestätigt wurde und die sich hoffentlich bald auch nach der Corona-Krise wiedereinstellt.

Bleibt abzuwarten, ob die Gewerkschaften die Krisen aktiv nutzen, um für sich zu werben. Und ob Beschäftigte im Einzelhandel, der Pflege die Situation nutzen, sich zu organisieren und gemeinsam für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen einzusetzen. Den gesamtgesellschaftlichen Rückenwind haben sie – jetzt geht es nur noch darum, aus dem kurzfristigen Applaus, einen langfristigen Nutzen zu generieren.

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