„Zwei Rettungssanitäter der Feuerwehr bei einem Einsatz mit einer Musikbox beworfen“ oder „Bespuckt und angebrüllt: Mann attackiert Polizisten“, wir haben uns an solche Nachrichten gewöhnt. Gewalt gegen Rettungskräfte, aber auch Übergriffe in Notaufnahmen, beim Sozialamt oder bei Parkkontrolleuren des Ordnungsamtes haben besorgniserregende Ausmaße erreicht.


Die polizeiliche Kriminalstatistik des Innenministeriums weist fast 12.000 tätliche Angriffe auf Vollstreckungsbeamte und gleichstehende Personen im Jahr 2018 aus. Für Feuerwehren und Sanitäter gibt es keine umfassenden Statistiken, aber gerade hier hat sich der Ton und das Aggressionspotential verschärft. Eine Annäherung an die Dimension des Problems bietet eine Umfrage des dbb Beamtenbundes und Tarifunion: Jeder zweite Staatsdiener wurde demnach bereits an seiner Tätigkeit behindert, beschimpft oder tätlich angegriffen.

Die Helfer werden immer öfter zu Opfern. Deshalb versuchen sie sich in der Gesellschaft Gehör zu verschaffen. Wie in Hessen: Bei einer Demonstration „Hände weg! Wir sind Eure Rettung“ forderten im Sommer 2018 in Frankfurt 250 Rettungskräfte mehr Respekt und Schutz für ihre Arbeit. In Hessen brachte ein körperlicher Übergriff das Fass zum Überlaufen. Als Rettungskräfte zu einem verunfallten Kind eilten, wurde der RTW-Fahrer sofort beim Eintreffen vom Vater des Kindes mit Schlägen attackiert, weil die Einsatzkräfte angeblich zu spät kamen. Das macht Erik Brumm, Personalrat der Branddirektion in Frankfurt am Main noch heute fassungslos. „Damit wurden die Kollegen, die wenige Minuten nach dem Notruf eintrafen, an ihrem Auftrag gehindert. Solche Situationen erleben wir leider immer öfter.“ Es sind aber nicht nur die immer noch seltenen Fälle extremer Gewalt, die die Retter schockiert.

Die Wertschätzung für die helfenden Hände insgesamt geht verloren. Es gibt keinen Respekt mehr für die Uniform

findet Brumm. „Die Menschen sind alle auf sich fokussiert. Keiner will mehr hinter einem Einsatzfahrzeug warten, aus dem Sanitäter springen. Lieber fährt man denen über die Füße.“ Brumm versichert auch, dass dieses Phänomen schichtübergreifend ist: „Egal ob Cayenne oder Polo, rücksichtslos sein können alle.“

Auch der DGB beschäftigt sich intensiv mit dem Thema. Die stellvertretende Vorsitzende des DGB und der CDA Elke Hannack fordert:

Der Kahlschlag im öffentlichen Dienst muss ein Ende haben. Wir brauchen deutlich mehr Personal und mehr Investitionen in Material und Weiterbildung. Absolute Sicherheit gibt es nicht, aber alles was möglich ist, müssen wir tun, um die Beschäftigten besser zu schützen.

Rajko Wengel, Leiter des Kommunalen Ordnungsdienstes im Kieler Bürger- und Ordnungsamt, berichtet, dass gerade im Bereich der Verkehrsüberwachung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter grobe Beleidigungen und Stinkefinger zum Alltag gehören. Hinzu kommen Drohungen: „Ich weiß wo du wohnst“, „Ich kenne deine Kinder“ und „Das wird ein Nachspiel haben“ sind Sätze, die auch erfahrene Kollegen nicht einfach abschütteln könnten, sagt er. Als Vorgesetzter sieht er sich in der Verantwortung, möglichst viele Hilfsmittel an die Hand zu geben: „Das beginnt mit der richtigen Ausrüstung und setzt sich bei verpflichtenden Deeskalations- und Kommunikationstrainings fort, damit die Kolleginnen und Kollegen in ganz Deutschland auf Extremsituationen vorbereitet sind.“ Mehr Schutz wünscht er sich vor allem von der Justiz. „Es frustriert die Kollegen in ganz Deutschland, wenn immer wieder Verfahren eingestellt werden, oder Richter finden, das Beleidigungen zum Berufsbild gehören, und die Übeltäter damit davonkommen lassen“, klagt er.

Auffällig ist, dass der Ruf nach strengeren Gesetzen unter den Beteiligten nicht im Vordergrund steht. Vielmehr wird immer wieder der Wunsch geäußert, dass in Familie und Schule mehr Rücksicht und Anteilnahme vermittelt werden müssen, damit die Kolleginnen und Kollegen von Erik Brumm wieder ohne Angst aus ihren Rettungswagen springen können, um das zu tun, wofür sie ausgebildet sind und wofür sie von ganzem Herzen arbeiten: Menschen in Not zu helfen.

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