Ein umfassender Blick auf die Arbeitsbedingungen hinter unserem Essen kann nicht an Landesgrenzen haltmachen. Denn viele unserer Nahrungsmittel stammen aus Ländern des globalen Südens. Was wir essen, hat auch Auswirkungen auf das Leben von Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern.

Eine Tasse mit duftendem Kaffee, ein Glas mit leckerem Orangensaft und ein dick mit Nuss-Nougat-Creme bestrichenes Brötchen, fertig ist das perfekte Wochenendfrühstück. Ohne die Globalisierung wäre dieser Genuss aber nicht möglich. Ob Apfelsinen, Kaffee oder Kakao: Nichts davon wächst in Deutschland. Diese und viele andere Nahrungsmittel, ohne die es auf unseren Tellern und in unseren Gläsern ziemlich öde aussehen würde, kommen meistens aus dem globalen Süden, aus sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländern.

Kaffee und Orangen werden vor allem aus Brasilien eingeführt, ein Großteil des Kakaos stammt aus Westafrika. Und es sind längst nicht mehr nur Luxus, sondern Alltagswaren, die hier produziert werden: Kaffee ist das beliebteste Getränk der Deutschen: Jeder und jede trinkt im Durchschnitt 162 Liter pro Jahr. Knapp drei Millionen Deutsche essen jeden Tag Nutella, Nudossi und Co., weitere 10 Millionen verzehren mehrmals pro Woche Nuss-Nougat-Creme. Und jeder Bundesbürger trinkt 7,5 Liter Orangensaft pro Jahr.

Kinderarbeit, Dumpinglöhne und fehlender Arbeitsschutz

Die Kleinbauern und Tagelöhner, die sie produzieren, leiden oft unter endlosen Arbeitszeiten, Dumpinglöhnen und Gesundheitsrisiken, weil sie etwa Pflanzen-schutzmitteln ausgesetzt sind. So müssen Menschen in Brasilien 1,5 Tonnen Orangen ernten, um auf einen Tageslohn von umgerechnet 10 Euro zu kommen. Trotz des Einsatzes von Giften bekommen viele Arbeiter keine Schutzkleidung, Wander-arbeiter müssen zusammengepfercht in winzigen Baracken übernachten. Einigen wurde Geld geliehen, das sie nun abarbeiten müssen – Schuldknechtschaft, moderne Sklaverei.

Besonders dramatisch sind die Arbeitsbedingungen im Anbau des Kakaos, des wichtigen Rohstoffs für Schokolade und Nuss-Nougat-Creme. Rund 60 Prozent des weltweit gehandelten Kakaos stammen aus der Elfenbeinküste und Ghana. Verschärft wird die Lage dort durch die Abhängigkeit von den Weltmarktpreisen. Die Kleinbauern mussten hier in den letzten Jahren massive Einkommensverluste hinnehmen – um 30 bis 40 Prozent, wie aus dem Ende April veröffentlichen „Kakao-Barometer“ mehrerer Nichtregierungsorganisationen hervorgeht.

Der Grund: Die Weltmarktpreise für Kakao sind ab September 2016 innerhalb weniger Monate verfallen: von rund 3.000 Euro auf 1.900 Euro pro Tonne. Und das liegt auch daran, dass immer mehr Kakaobohnen angebaut wurden – teilweise auch illegal. Inzwischen sind die Preise zwar wieder etwas gestiegen; aber sie reichen noch längst nicht, um von dem Einkommen sicher leben zu können. Rund zwei Millionen Kinder arbeiten mit auf Kakaofeldern in Westafrika, weil das Einkommen der Eltern nicht reicht und gleichzeitig Schulen fehlen. Große Schoko-Hersteller profitieren hingegen von niedrigen Rohstoffpreisen – zum Beispiel Mars (Snickers, Twix und andere) und Ferrero (Nutella, Kinderschokolade, Hanuta, etc.).

Klöckner für Kakao ohne Kinderarbeit

Immerhin: Das zunehmende öffentliche Interesse an den Zuständen auf den Plantagen hat auch die Produzenten einsehen lassen, dass es so nicht weiter geht. Im April trafen sie sich zur „Welt-Kakao-Konferenz“ in Berlin zusammen mit anderen „Stakeholdern“. In der „Berlin Declaration“ bekannten sie sich dazu, dass Kinderarbeit, ungleiche Behandlung von Frauen und Männern sowie Menschenrechtsverletzungen tägliche Realität in vielen Kakao-Regionen seien. Genau das wollen sie ändern. Ihr wichtigstes Ziel: „Living Income“, also Löhne, von denen man leben kann.

<code>Zertifizierter Kakao muss frei sein von Kinderarbeit!
</code>

forderte Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner auf der Konferenz.

Importiert Europa Ausbeutung?

Dass die Grenzen zwischen Europa und dem globalen Süden nicht immer zum positiven verschwimmen, zeigt sich gerade in Südeuropa. Hier kann man beobachten, wie durch Flucht und Migration „Erste“ und „Dritte“ Welt auch bei der Arbeitsausbeutung zusammenwachsen. So berichtete das Recherchezentrum correctiv.org Ende April über die Erdbeerernte in Huelva, einer Region in Spanien (Andalusien). Dort werden rumänische und marokkanische Wanderarbeiterinnen beleidigt, geschlagen und sexuell missbraucht. Es sind die Frauen, die viele der Erdbeeren pflücken, die auf deutschen Tischen landen. 80 Prozent der nach Deutschland importierten Erdbeeren stammen aus Huelva.

Und in Süditalien pflücken Afrikaner Tomaten – Geflüchtete, deren Situation von ihren Arbeitgebern ausgenutzt wird. Legal, halblegal. Schwarzarbeit oder zumindest Grauarbeit, wenn die Arbeiter für ein paar Stunden angemeldet sind, tatsächlich aber länger arbeiten. „Die fremden Landarbeiter bekommen für eine 300-Kilogramm-Kiste Tomaten im Schnitt 3,50 bis 4 Euro. Das sind pro Kilo zwischen 1,16 und 1,33 Cent“, schreibt der französische Journalist Jean-Baptiste Malet in seinem kürzlich erschienen Buch „Das Tomaten-Imperium“. Die Afrikaner ernten den Nachschub für billige Dosentomaten, Tomatenmark und Pizzasaucen auf der ganzen Welt.

Hier wie auch in den Anbaugebieten im globalen Süden ist es noch ein weiter Weg, bis allen Menschen starke Arbeitnehmerrechte in der Landwirtschaft zugebilligt werden. Die Bundesregierung und auch die Europäische Union sind aufgefordert, im globalen Süden darauf hinzuwirken, das internationale Arbeitsrechtsstandards eingeführt und durchgesetzt werden. Zuerst aber muss es natürlich im europäischen Rechtsraum ausreichend Kontrollen und eine robuste Durchsetzung europäischer Arbeitsrechtsnormen geben.

Wo Fairtrade draufsteht, steckt Gerechtigkeit drin

Wie aber können politische Lösungen aussehen? Oder ist es eine Frage der Verbraucher? Boykotte oder radikale Maßnahmen sind nicht immer angebracht. Trotzdem können die Verbraucher zu menschenwürdigen Arbeitsbedingungen beitragen: Ein Weg ist es, O-Saft, Schokolade und Kaffee als teurere Fairtrade-Produkte zu kaufen. Denn wo das Fairtrade-Siegel draufsteht, steckt mehr Gerechtigkeit drin: Kleinbauern erhalten Mindestpreise, für Plantagenarbeiter gelten die Arbeits-normen der Internationalen Arbeitsagentur. Auch deshalb hat Entwicklungshilfe-minister Gerd Müller von der CSU vorgeschlagen, für fair gehandelten Kaffee die „Genussmittelsteuer“, immerhin 2,19 Euro pro Kilogramm, zu streichen. Dann wäre fair gehandelter Kaffee sogar günstiger als konventioneller Kaffee.

Die Nachfrageseite allein zu verändern reicht aber nicht aus. Multinationale Unternehmen müssen in die Verantwortung für ihre Lieferketten genommen werden. Friedel Hütz-Adams vom Bonner Südwind-Institut pocht auf eine staatliche Regelung für den Kakaosektor. „Da der Sektor dies in vielen Jahren durch freiwillige Initiativen nicht geschafft hat, sollten Regierungen etwa die Einhaltung der Menschenrechte verpflichtend machen“, sagte er anlässlich der Welt-Kakao-Konferenz im April. Unternehmen, Politik, Verbraucher: Gemeinsam haben sie es in der Hand, gute Arbeit auch im Süden durchzusetzen und zu verhindern, dass ausbeuterische Praktiken auch in Europa weiter um sich greifen.

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