Auf Twitter erzählen gerade tausende junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von ihrem ganz persönlichen Werdegang an deutschen Universitäten. Die Geschichten handeln von Kettenbefristungen, Zukunftsängsten, Arbeitslosigkeit, aber auch einer tief verwurzelten Liebe zur Forschung. Der Hashtag #IchbinHanna wurde zum Ausgangspunkt für eine tiefgreifende Diskussion über die Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft.

Wissenschaftler zu werden war für Jonathan schon immer der Plan. „Eine Karriere in der Wissenschaft erlaubt mir nicht nur die Freiheit, meinen eigenen Interessen zu folgen, sondern schafft auch einen gesellschaftlichen Mehrwert. Beide Aspekte in einem Beruf vereint zu sehen, ist wie ein wahrgewordener Traum.“ Inzwischen hat der 33-Jährige seinen Doktor gemacht und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Soziologie einer mittelgroßen Universität. Doch mit seinem Traum könnte es bald zu Ende sein.

Während das deutsche Arbeitsrecht die Arbeitsbedingungen von rund 45 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern regelt, gilt für das wissenschaftliche Personal an staatlichen Hochschulen das Wissenschaftszeitvertragsgesetz. Es wurde 2007 eingeführt, um den „Besonderheiten der wissenschaftlichen Arbeitswelt Rechnung zu tragen“. So schreibt es vor, dass Wissenschaftler bis zu sechs Jahre vor und sechs Jahre nach der Promotion befristet beschäftigt werden dürfen. Damit soll mehr Menschen eine Karriere in der Wissenschaft ermöglicht werden. Für viele Wissenschaftler des akademischen Mittelbaus bedeutet es jedoch das vorzeitige Karriereende: „Eigentlich ist nächstes Jahr Schluss, wegen der Corona-Krise gibt es noch ein zusätzliches Jahr. Ohne Dauerstelle, die wie ein halber Lottogewinn wäre, muss ich die Wissenschaft bald für immer verlassen“, sagt Jonathan.

„Damit nicht eine Generation alle Stellen verstopft, dürfen Hochschulen und Forschungseinrichtungen befristete Verträge nach den besonderen Regeln des Wissenschaftszeitvertragsgesetz abschließen“, erklärt Hanna in einem Youtube-Video des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Anhand ihres fiktiven Lebenslaufs erläutert das Ministerium, warum das Sonderbefristungsrecht in der Wissenschaft eine gute Idee ist. Auf Twitter hatte das Video zu einem regelrechten Aufschrei unter jungen Wissenschaftlern geführt. Der Hashtag #IchbinHanna war zeitweise auf Platz 1 in den deutschen Twittertrends. Denn der Arbeitsalltag im akademischen Mittelbau ist geprägt von prekären Arbeitsbedingungen. Promovierende machen im Schnitt 13 (unbezahlte) Überstunden, bei den Postdocs sind es rund zehn. Laut Bundesbericht „Wissenschaftlicher Nachwuchs“ sind 92 Prozent der unter 45-Jährigen ohne Professur in der Wissenschaft befristet beschäftigt. Jonathan hatte allein seit 2017 sieben verschiedene befristete Arbeitsverhältnisse: „Der hohe Veröffentlichungsdruck, 50-Prozent-Stellen, die sich regelmäßig als Vollzeitjob entpuppen und sehr viel Bürokratie – das zeichnet einen großen Teil der wissenschaftlichen Arbeit aus. Zeit für die eigene Forschung bleibt da oft nur nach Feierabend.“

Um die Arbeitssituation von Jonathan und der vielen anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu verbessern, braucht es dringend eine Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetz“ sagt deshalb Uwe Boester. Gemeinsam mit Gabriel Rolfes koordiniert er das JCDA-Netzwerk Arbeitgeberin Universität und hatte den JCDA-Beschluss „Exzellente Wissenschaft braucht exzellente Arbeitsbedingungen“ initiiert. Zwei der Forderungen: Die Anpassung der Vertragslaufzeiten an die statistisch durchschnittliche Dauer der Promotionsphase und nach dieser Phase Daueraufgaben an Hochschulen auch mit Dauerstellen zu besetzen. Mit diesen Forderungen stehen die jungen Christlich-Sozialen nicht allein. Elke Hannack, CDA-Bundesvize und zuständig im DGB-Vorstand für Bildungspolitik, sieht ebenfalls Anlass für grundlegende Reformen: „Die Bedingungen am Arbeitsplatz Hochschule sind für viele Beschäftigte miserabel. Da beginnt für die Beschäftigten mit der Unterschrift unter den Arbeitsvertrag quasi schon die Suche nach der nächsten Stelle. Die Bundesregierung muss endlich eingreifen und das Wissenschaftszeitvertragsgesetz reformieren. Kettenbefristungen darf es nicht länger geben. Wir brauchen gute Arbeit und kein Prekariat in der Wissenschaft.“ Direkt nach der Bundestagswahl könnte sich das Zeitfenster für Reformen öffnen, denn dann steht die Novellierung des Gesetzes an. Die Christlich-Sozialen sind vorbereitet.

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