Nach zehn Jahren Wirtschaftswachstum sehen viele Kommentatoren dunkle Wolken über Deutschland aufziehen. Der SPIEGEL titelte 'Die fetten Jahre sind vorbei' und zeichnet ein düsteres Bild der Wettbewerbschancen der deutschen Wirtschaft im internationalen Vergleich. Gleichzeitig ändern sich die internationalen Rahmenbedingungen. Der nationale Protektionismus (Trump, Brexit, Handelskrieg) erlebt gegenwärtig eine Renaissance. Aber welchen Zustand hat unsere Industrie in Deutschland?

Schon eine Zugfahrt aus der Bundeshauptstadt ins Ruhrgebiet kann hier einigen Aufschluss geben. Unsere Fahrt beginnt in Berlin, der wohl angesagtesten Metropole Deutschlands. Die Stadt ist nicht nur bei Touristen beliebt, sie ist auch einer der Standorte für Startups in Europa. Sie sind Hoffnungsträger und sollen zukünftig neben oder an die Stelle der erfolgreichen deutschen Mittelständler und Konzerne treten. Eines dieser Unternehmen ist Siemens. Der Konzern betreibt in Berlin seine Kraftwerksparte. In der Hauptstadt werden riesige Gasturbinen entwickelt und gebaut und in die ganze Welt exportiert. Auch bei Siemens sucht man Anschluss an die Zukunft, aber unter völlig anderen Vorzeichen. Der traditionsreiche Industriebetrieb will die ganze Sparte verkaufen und geht damit einen weiteren Schritt in Richtung eines digitalen Industriekonzerns.

Renaissance der Industriepolitik
Es sind Beispiele wie dieses, die die Aufmerksamkeit wieder auf die Industriepolitik in Deutschland gelenkt haben. Den sichtbaren Wandel will Wirtschaftsminister Peter Altmaier mit einer Industriestrategie begleiten, die sicherstellt, dass Deutschland und die europäischen Nachbarstaaten auch 2030 noch wichtige Industriestandorte mit wettbewerbsfähigen Unternehmen in Zukunftstechnologien sind. Von den Gewerkschaften kommt Unterstützung. Für die Haltung, auch international konkurrenzfähige europäische Großkonzerne zuzulassen und aktiv Schlüsselbranchen zu unterstützen, kommt etwa Lob vom IG-Metall-Vorsitzenden Jörg Hofmann. Die Kritik aus der Wirtschaft fiel unterdessen deutlich aus: Zu wenig Fokus auf den Mittelstand, keine Lösungsansätze zu drängenden Problemen wie steigende Energiepreise, Mängel in der Infrastruktur oder zu viel Bürokratie.

Automobilindustrie im Wandel
Während unser Zugfahrt erreicht der ICE bereits nach einer Stunde die Autostadt Wolfsburg mit den unübersehbaren historischen Backsteinbauten des VW-Konzerns. Ein industrieller Gigant, der 2018 ganze 10,8 Millionen Autos ausgeliefert hat und bei einem Umsatz von 236 Milliarden Euro über 12 Milliarden Euro verdient hat. Trotz oder gerade wegen dieser Zahlen ist VW zum Symbol für den Umbruch in der Automobilbranche geworden. Ein gewaltiger Imageschaden durch den Betrug bei der Dieseltechnologie und zahlreiche Prozesse kosten die deutschen Automobilkonzerne – allen voran VW – Milliardensummen. Viel wichtiger ist aber der technologische Wettbewerb um zukünftige Antriebstechnologie. Hier erkennt man bereits jetzt deutliche Unterschiede in den Geschäftsmodellen. Während manche Autobauer und Zulieferer versuchen, vom sparsamen Verbrenner, über Wasserstoffantrieb, bis zum Elektrofahrzeug alle Optionen im Blick zu halten, hat VW zum radikalen Schnitt angesetzt: Der Konzern setzt komplett auf den technologischen Wandel hin zum E-Auto. Bis 2050 soll die ganze Flotte des heute Absatzstärksten Autokonzerns der Welt mit Null CO2 Verbrauch fahren. Was sagen die Beschäftigen zu diesem Schwenk? Gerhard Schrader, CDA-Vorsitzender im Landesverband Hannover und Betriebsrat bei VW, ist skeptisch. Es sei ein gefährliches Spiel voll umzuschwenken, eine Zwischenlösung wäre seiner Sicht nach besser gewesen.

Herausforderung Digitalisierung
Mit hohem Tempo geht die Reise auf Schienen weiter, gelegentlich huscht ein Sendemast vorbei, die Netzabdeckung an Bord verbessert das nur kurzfristig. Telefonieren beginnt in der Regel mit der Aussage: „Du, ich bin im Zug. Ich weiß nicht wie lange ich Empfang habe …“, stabiles W-LAN bietet nicht mal der ICE. Die Netzabdeckung ist eine kleine Herausforderung in dem Megathema Digitalisierung. Sie fordert nahezu jedes industrielle Feld heraus. Gerade die Maschinen- und Anlagenbauer, die Stützen unserer Exportwirtschaft, müssen die Fabriken von morgen entwerfen und sehen sich immer stärkerer Konkurrenz aus Asien gegenüber. Die großen Unternehmen sind dabei nur die sichtbarsten Zeichen der Veränderung, auch die mittelständischen Unternehmen sind stark vom Wandel betroffen. Welches Geschäftsmodell übrig bleibt und wer sich erfolgreich behaupten kann, ist völlig offen. Hinzu kommt, dass gerade in digitalen Themen wenig deutsche Unternehmensgründungen existieren, die den technologischen Fortschritt aus Deutschland heraus vorantreiben.

Europäische Champions als Lösung?
Die Fahrt endet in Essen, mitten im Ruhrgebiet. Hier hat ThyssenKrupp seinen Stammsitz, der einst so große Stahlkonzern befindet sich einmal wieder mitten im Umbruch. Billiger Stahl aus China, steigender Wettbewerb und gescheiterte Zukäufe haben den Konzern ins Schlingern gebracht. Am Beispiel von Konzernen wie ThyssenKrupp wird aktuell intensiv gestritten, ob solche Unternehmen aus nationalem Interesse geschützt und unterstützt werden müssten. Auch das Ansinnen Deutschlands und Frankreichs, die – letztlich von der EU-Kommission verbotene – wettbewerbstechnisch heikle Fusion der größten Eisenbahnbauer in Europa Siemens und Alstom unbedingt umzusetzen, hat den Streit um die Bildung europäischer Champions weiter befeuert.

Die wenigen Beispiele zeigen, dass Deutschlands Industrie sich wandelt: Technologisch bedingt, politisch induziert, marktabhängig. Wie aber soll sich die Politik dazu verhalten? Darüber denkt auch der nordrhein-westfälische Arbeitsminister und CDA-Vorsitzende Karl-Josef Laumann nach. „Wir Christlich-Sozialen glauben nicht, dass der Staat die Industrie schützen kann vor der Digitalisierung, oder Firmen mit besseren Geschäftsmodellen“ betont Laumann. „Aber die Politik muss wachsam sein, wo staatlich gelenkte Unternehmen bevorzugt werden. Dann gilt es einzugreifen und gegenzuhalten, deshalb ist es so wichtig, dass wir in Europa mit einer Stimme sprechen.“ Besonders wichtig sei es, die Arbeitnehmer mitzunehmen, ist er überzeugt: „Mit der Mitbestimmung ist Deutschland hier gut aufgestellt.“

In der Tat müssen Unternehmer und Beschäftigte, Politik und Verwaltung gemeinsam die Herausforderungen bewältigen. Es braucht unternehmerischen Mut, die Tatkraft der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aber auch gute staatliche Rahmenbedingungen, damit auch in Zukunft entlang der Bahnstrecken im Land zukunftsfähige Industriebetriebe zu besichtigen sind.

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