Sie ist frauenpolitische Pionierin. Als eingefleischte Demokratin und Einheitsgewerkschafterin prägte sie im komplizierten Spagat zwischen CDA, CDU und DGB das öffentliche Meinungsbild. Immer mit dem Ziel vor Augen, die Gleichberechtigung der Geschlechter nicht nur auf dem Papier, sondern auch im wahren Leben zu erreichen.

Am 18. Juli feiert Irmgard Blätter ihren 90. Geburtstag. Ingrid Sehrbrock gratuliert. „Gleichberechtigung, das steht ja schon in der Verfassung“, so oder so ähnlich denken viele junge Frauen. Dass Gleichberechtigung auf dem Papier nur wenig mit der Realität zu tun hat, das haben viele Frauen meiner Generation in jungen Jahren von Irmgard Blättel gelernt: Irmgard Blättel, Mitglied im Geschäftsführenden DGB-Bundesvorstand 1980-90, 1973-85 stellv. Bundesvorsitzende der CDA.

Sie öffnete uns die Augen für die schlechten Bedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf; für die tief klaffende Lohnlücke zwischen den Geschlechtern und den nicht in Frage gestellten „Eckrenter“ als Maß aller Dinge. In der Gesellschaft galt die arbeitende Frau, die nach der Geburt mindestens zeitweise aus der Erwerbsarbeit ausscheiden musste, eher als Störfall in einer am Normalfall Mann ausgerichteten Arbeitswelt. In der CDA wollten Männer die Definitionsmacht nicht aus der Hand geben, wie „richtige“ Frauen sein sollten. Norbert Blüm wurde nicht müde, die (gute) Mutterarbeit gegen die (verwerfliche) Selbstverwirklichung der Frau in der Erwerbsarbeit zu setzen („Die sanfte Macht der Familie“). Diese schwarz-weiß-Malerei ging für viele junge, emanzipierte, aber auch viele ältere Frauen an der Realität vorbei.

Die CDA-Frauen stellten sich unter Führung ihrer Vorsitzenden Irmgard Blättel gegen diese Glorifizierung des Mutterbildes und problematisierten u.a. die ständig aushäusigen Väter. Auch beim DGB zeigte Irmgard Blättel klare Kante. Im Konflikt um die Haltung zum § 218 folgte sie Ihrem Gewissen gegen die Mehrheit der DGB-Frauen – und das als ihre Vorsitzende. Im DGB verschaffte ihr das Respekt und ihre Wiederwahl in den geschäftsführenden Vorstand. Die CDA hingegen nahm ihr übel, die Behandlung des Themas nicht ganz verhindert zu haben. Auf der Bundestagung in Hamburg 1987 wurde Blättel nicht mehr in den Bundesvorstand der CDA gewählt.

Keine leichte Erfahrung im eigenen „Verein“. Blättel hatte sich auch der Frauenförderung selbst verschrieben. Gemeinsam mit Trude Rau und Kristel Krienen öffnete sie jungen Frauen Türen und schubste sie mit dem nötigen Rüstzeug in die Politik und weiter nach vorne. Wir Frauen verdanken Irmgard Blättel viel. Ihr eigener Weg war alles andere als geplant. Sie stieg nach Lehre und Hochschulstudium im DGB als Rechtssekretärin ein. Dass sie später DGB Vorstandsmitglied werden würde, ihr internationales Engagement und ihre langjährige Arbeit als Vorsitzende des Deutschen Frauenrats – das war nicht vorgezeichnet. „Als ich in die Gewerkschaften hineingerochen und deren gesellschaftspolitische Bedeutung kapiert hatte, war das meine Welt“, so Irmgard Blättel im Interview mit Sybille Plogstedt 2009.

Sie war hartnäckig. Sie konnte und musste wegstecken. Sie vertrat die richtige Sache, aber die meist männlichen Mitstreiter waren noch nicht so weit oder saßen gar im Bremserhäuschen. Und das, so sagt sie heute, hat sie die meiste Kraft gekostet. „Trotzdem, die Mitwirkung an der Meinungsbildung gehört mit zum Wichtigsten, was mir die Berufstätigkeit im Laufe meines Lebens gab.“Wer kann das gerade heute noch sagen? Eingefleischte Demokratinnen und Einheitsgewerkschafterinnen: Wir stehen auf Irmgard Blättels Schultern. Danke.

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