Soziale Ordnung: Herr Sternberg, heute gibt es etwa 23 Millionen Katholiken in Deutschland, 1990 waren es noch mehr als 28 Millionen. Wie nehmen Sie diesen Rückgang wahr?

Sternberg: Den nehme ich sehr kontinuierlich wahr. Wir haben uns in der alten Bundesrepublik darauf eingerichtet, dass es größtenteils Katholiken und Protestanten in Deutschland gibt. Als dann damals die Wiedervereinigung kam, sagte der erste und letzte frei gewählte Ministerpräsident der DDR, Lothar de Maiziére: Deutschland wird protestantischer werden. Deutschland wurde nicht protestantischer, es wurde säkularer. Mittlerweile haben wir mehr Nichtgläubige als katholische Kirchenmitglieder in Deutschland. Die Christen machen insgesamt etwa 60 Prozent aus.

Woran liegt das?
Der Rückgang hat zwei Faktoren. Es gibt einen Faktor, den man auch nicht beeinflussen kann, das ist der demographische Faktor. Wir haben einfach deutlich mehr Sterbefälle als Taufen. Und wir haben Zuzüge von Menschen mit anderen Konfessionen sowie Menschen, die nie etwas mit Religion zu tun gehabt haben. Dadurch werden wir anteilsmäßig weniger. Der zweite Faktor ist, dass wir eine erschreckende Menge an Austritten haben. Das hat auch hausgemachte Gründe durch die großen Skandale der letzten Jahre: Die Aufdeckung des Missbrauchsskandals 2010 oder der Finanzskandal um Bischof Tebartz-van Elst 2014. Das waren wichtige Punkte, bei denen wir an Glaubwürdigkeit verloren haben. Besonders aber die Aufdeckung der Menge an verheimlichtem Kindesmissbrauch von Geistlichen in früheren Jahrzehnten hat zu einem massiven Vertrauensverlust geführt. Das reicht bis in unsere Kerngemeinden, bis zu den Treuesten der Treuen.

Es ist aber auch so, dass viele junge Menschen im Alter zwischen 25 und 35 austreten, wenn sie erstmals richtig Geld verdienen und sich dann fragen: Habe ich eigentlich mit der Kirche noch so viel zu tun, dass die hohen Beiträge für die Kirchensteuer die Sache Wert sind? Dass jemand Knall auf Fall aus Protest austritt, ist dagegen seltener als man denkt.

Die Missbrauchsfälle haben viele Menschen erschüttert. Der Katholischen Kirche wird häufig vorgeworfen, dass sie die Aufarbeitung verschleppt. Wie sehen sie diese Vorwürfe?
Das kann ich nicht bestätigen. Es passiert sogar sehr viel. Wenn ich es richtig sehe, dann ist die Katholische Kirche die einzige Einrichtung in Deutschland, die von allen Mitarbeitern, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, eine Präventionsschulung verlangt. Das würde ich mir im Übrigen auch von anderen Großinstitutionen wünschen, wie zum Beispiel dem Sport oder Schulen. Wir werden die ganzen Fragen von Prävention und Umgang mit Kindern als Sexualobjekt viel öffentlicher diskutieren müssen. Nur das entbindet uns als Kirche nicht davon, uns ganz außerordentlich damit zu befassen. Denn die Tatsache, dass ausgerechnet Priester darin verwickelt sind, ist so schrecklich, dass wir unsere eigenen Probleme zu bearbeiten haben, ohne auf Andere zu zeigen.

Das ZdK hat die Aufgabe in politischen und gesellschaftlichen Themen kirchliche Positionen zu formulieren. Haben Sie den Eindruck, dass es schwieriger geworden ist, katholische Anliegen in die Politik zu tragen?
Das ist schwer zu sagen. Einerseits sagen uns einige Politiker ganz aktiv, aufgrund der Skandale möchten sie auf Distanz gehen. Da zeigt sich, dass die Glaubwürdigkeit der Institution gelitten hat. Andererseits gibt es viele Frauen und Männer unter den Politikern, die uns auffordern, uns zu Themen zu äußern. Da nehme ich eine Sorge um den Verlust von Orientierungsinstanzen in der Gesellschaft wahr, also um Einrichtungen, deren Aussagen aufgrund ihrer Kompetenz ernst genommen werden. Ich glaube, dass die Kirchen – evangelisch und katholisch gemeinsam! – da wichtig sind und bleiben.

Bei welchen Themen kann die Katholische Kirche heute Akzente setzen?
Das sind natürlich besonders ethische Fragen, bei denen es um Gerechtigkeit, Lebensschutz, Solidarität und Nachhaltigkeit geht. Wir haben uns beispielsweise intensiv mit der Pflege oder der Altersarmut beschäftigt, aber auch mit der Organspende oder der Fortpflanzungsmedizin. Was zudem eine große Rolle für uns spielt, ist die internationale soziale Frage, also die nach globaler Gerechtigkeit. Ich glaube, das gehört zu den wichtigsten Fragen, die wir alle behandeln müssen.

Sie sprechen die gesellschaftliche Gerechtigkeit an. Wie sehen Sie den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft heute?
Mir macht es Sorge, dass öffentliche Diskurse häufig auf einem abgehobenen Level geführt werden. Da bestätigen sich Menschen selbst, die nichts mit den normalen Bürgern zu tun haben. Insofern hängt für mich ein Auseinanderbrechen der Gesellschaft nicht in erster Linie mit Finanzen zusammen, sondern mit der Beteiligung oder dem zumindest gefühlten Ausschluss an den öffentlichen Debatten.

Wie geht die katholische Gemeinde damit um?
Wir sind natürlich mitten in diesen Prozessen. Auch kirchlich haben wir das Problem, dass wir uns abheben. Wir gebrauchen beispielsweise schwere Wörter, die nur einer versteht, der seit 40, 50 Jahren Kirchenmitglied ist. Diese Entfernung von den Menschen ist für uns ein großes Problem, weil es die Tendenz darstellt, sich nur auf die Kerngemeinde zu konzentrieren. Wir müssen aber die Menschen erreichen, die am Rande stehen, die wenig mit uns zu tun haben. Früher hat man auf die geschimpft, die nur zu Weihnachten in die Kirche gehen. Man kann das auch umgekehrt sehen: Einmal im Jahr ist auch regelmäßig. Da lässt doch offensichtlich jemand Kontakte nicht ganz abbrechen und bleibt ansprechbar.

Mit Weihnachten sprechen Sie ein wichtiges gesellschaftliches Ritual an. Wir beobachten, dass heute immer mehr Ehen oder Patenschaften außerhalb der Kirche geschlossen werden. Hat die Kirche hier den Anschluss verloren?
Die Katholische Kirche hat diesen Bereich sträflich vernachlässigt. Das zeigt sich etwa bei einer Beerdigung. Nahe- zu alles, von der Zeitabsprache mit der Kirche bis zur Todesanzeige, wird heute von einem Bestattungsunternehmen gemacht. Da frage ich mich, weshalb haben wir keine Formen, um in diesen ganz tief gehenden Situationen die Abläufe kirchlich zu organisieren? An diesen Stellen, an den Punkten der Lebenswenden, da bricht Religiöses auf. Da fragt man sich: Wie hast du gelebt, wie bist du erzogen worden, wie sollen die eigenen Kinder groß werden, wie möchtest du alt werden? Die Frage nach Gott ist für niemanden erledigt.

Das zeigt uns aber auch, dass die Nachfrage nach Spiritualität und Glaube in unserer Gesellschaft weiterhin groß ist. Wie kann die Kirche diese Eigenschaften stärker vermitteln?
Es gibt so etwas wie ein religiöses Bedürfnis. Aber ich warne davor: Das kann man als Christ nicht glatt befriedigen. Denn das Christentum hat einen entscheidenden Unterschied zu anderen Religionen. Im Evangelium lesen wir: „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut.“ Es stellt eine ethische Forderung. Christ sein heißt auch sozial handeln. Das ist immer die unbequeme Botschaft des Christentums gewesen. Aber es war auch ihr Erfolg. Das heißt, wir müssen auf das Bedürfnis nach Spiritualität eingehen, aber nicht als Wellnessangebot.

Wie nehmen Sie die CDA in diesem Zusammenhang war?
Ich bin immer sehr froh über die CDA gewesen. Weil die CDA wichtige Positionen vertritt. Das ZdK war mal bis Ende der 70er Jahr im Grunde eine CDU-Vereinigung. Bei der die CDA eine riesige Rolle spielte. Damals gab es mit Georg Leber nur einen SPD-Politiker in unseren Reihen. Da sind wir heute ganz weit von weg. Heute sind wir parteipolitisch viel bunter geworden. Entsprechend spielen alle sozial orientierten Gruppen eine wichtige Rolle für uns.

Sie sprechen die unterschiedlichen Parteien an. Christ sein und AfD wählen, wie geht das für Sie zusammen?
Wir haben immer eine sehr klare Abgrenzung zur AfD gemacht. Und die Entwicklung der AfD der letzten Jahre und Monate bestätigt mich darin. Mit der AfD ist eine unerträgliche Tonlage in die Politik gekommen. Menschenfeindlichkeit, Fremdenfeindlichkeit, Ausgrenzung und Nationalismus, das geht katholisch nicht. Wer statt den barmherzigen Gott zu verkünden, Hass auf Fremde predigt, hat in der Kirche keinen Platz.

Zum Abschluss: Haben Sie noch einen Wunsch an die CDA?
Was mir wirklich sehr zu schaffen macht, ist, dass in den öffentlichen Sozialdebatten die geringen Einkommensgruppen zu wenig vorkommen. Ich gebe mal ein Beispiel, das auch erhebliche Auswirkungen auf die Altersrenten hat: Früher wurden bei Tarifabschlüssen fast immer die unteren Lohngruppen mit einem Sockelbeitrag abgefunden. Das geschieht heute kaum noch. Inner- halb einer Tarifgruppe werden so die Gehaltsunterschiede langfristig immer größer. Wir müssen wieder zu einer besseren Bezahlung der unteren Einkommensbereichen kommen. Denn ich habe den Eindruck, da ist etwas aus dem Ruder geraten. In den 60er Jahren konnte ein Briefträger gut seine Frau und zwei Kinder versorgen, nicht üppig, aber sie kriegten es hin. Fragen sie heute mal einen DHL- oder UPS-Austräger ob er seine Familie davon versorgen könnte. Wer kümmert sich um diese Leute und die Durchsetzung von Tarifabschlüssen? Auch dafür braucht es die CDA.

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