Wenn im Dezember die letzten verbliebenen deutschen Steinkohle-Bergwerke – Prosper-Haniel in Bottrop und Ibbenbüren – ihren Betrieb einstellen, endet damit nicht nur die Förderung eines x-beliebigen Rohstoffs, sondern eine Epoche. Gleichzeitig diskutiert die Politik intensiv über den Zeitplan für den Braunkohleausstieg und die Folgen.

„Ich bedaure das natürlich schon ein wenig.“ Alfred Esch neigt nicht zu Pathos und gönnt sich keine große Sentimentalität. Aber Wehmut schwingt schon mit, wenn er über das Ende der Steinkohle-Zeche in Ibbenbüren spricht. 47 Jahre hat er dort gearbeitet – nach einem erfolgreich abgeschlossenen Fachschulstudium ein paar Jahre als Steiger-Ingenieur unter Tage und später, nach einem weiterem Studium, diesmal für das Lehramt, lange Zeit als Lehrer an der Bergberufsschule in Ibbenbüren. 1985 wurde er Schulleiter, zwei Jahre später zusätzlich Ausbildungsleiter.

Wenn die 51-jährige Sabine Meier* aus Kamp-Lintfort ein Junge geworden wäre, hätte sie vielleicht den Vorruhestand schon erreicht. „Mein Vater, ein Bergmann, hat immer zu meiner Schwester und mir gesagt: Als Jungs wärt ihr natürlich auch Bergleute geworden.“ So wie er selbst. Denn Kohle-Kumpel: Das bedeutete etwas im „Pott“. Damit war Stolz verbunden. So wie Herbert Grönemeyer es in seinem Lied „Bochum“ besingt: „Dein Grubengold hat uns wieder hochgeholt.“

Ende der Steinkohleförderung

Die große Zeit der Kohle kam im Zuge der Industrialisierung – als Schmierstoff für die Schwerindustrie, auch für die Rüstungsindustrie. Nach dem Ende des Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg war die Steinkohle als „Grubengold“ ein Symbol des Wiederaufbaus. Hunderttausende fanden in den Bergwerken Arbeit. Und die Kohle war auch Motor der Europäischen Einigung. Die 1951 gegründete „Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl“, die sogenannte Montanunion, ist eine Vorläuferin der heutigen EU. Kohle und Stahl sollten die einstigen Erbfeinde Deutschland und Frankreich, Italien und die Benelux-Staaten zusammenschweißen – und nicht mehr Munition für Kriege sein. Und fast zur gleichen Zeit trat das Montanmitbestimmungsgesetz in Kraft. „Das ist die einzige Mitbestimmungsregelung, die echte Parität zwischen Kapital- und Arbeitnehmerseite vorsieht – und damit bis heute ein Vorbild“, findet Elke Hannack, DGB- und CDA-Vize, die dem Aufsichtsrat der heutigen RAG angehört, die die verbliebenen Bergwerke betreibt.

Ende der Steinkohle

Doch irgendwann ließ die Strahlkraft des „Grubengolds“ nach. Importkohle wurde deutlich günstiger als die heimische, der Staat schießt seither zu. Die Subventionen für die Kohle gerieten in die Kritik, der „Kohlepfennig“ wurde in den neunziger Jahren sogar vom Bundesverfassungsgericht gekippt. Und so besiegelte die Politik vor gut zehn Jahren das Ende der Steinkohle bis Ende 2018. Bis dann dürfen Bund und Länder Geld zuschießen – länger lässt es die EU nicht zu, die eisern über Subventionen wacht. Nicht einmal mehr 5.000 Menschen arbeiteten im vergangenen Jahr im Bergbau. Bald sinkt die Zahl auf Null. „Das Gute ist: Kein Bergmann fällt ins Bergfreie“, sagt Alfred Esch. Dafür sorgt unter anderem ein Anpassungsgeld, das ausscheidenden Kumpels bis zu fünf Jahre vor Eintritt in die Rente gezahlt werden kann. Auch Elke Hannack nennt es „eine große gesellschaftspolitische Leistung“, dass die Steinkohle-Förderung sozialverträglich ausläuft.

Steinkohle, die in deutschen Kraftwerken verfeuert wird, um daraus Strom zu machen, stammt überwiegend aus dem Ausland – anders ist es bei dem Braunkohleanteil. Doch auch insgesamt spielt die Kohle im Energiemix eine immer kleinere Rolle. Im ersten Halbjahr 2017 trug Steinkohle zu 15,6 Prozent zur Stromerzeugung bei, in den ersten sechs Monaten dieses Jahres waren es nur noch 12,6 Prozent.

Kaum geändert hat sich der Prozentsatz der Braunkohle: 22,5 Prozent im ersten Halbjahr 2018 gegenüber 22,9 Prozent im Vorjahreszeitraum. Der Anteil an Windrädern, Sonnenmodulen und anderen erneuerbaren Energien stieg im gleichen Zeitraum von 32,5 auf 36,3 Prozent. Aus gutem Grund: Wird Kohle verbrannt, so wird Kohledioxid ausgestoßen – das Treibhausgas Nummer Eins. Und somit erlebt die deutsche Steinkohle ein Schicksal, das der Braunkohle und überhaupt den fossilen Energieträgern angesichts des Kampfes gegen den Klimawandel wohl noch bevorsteht. Noch ist es hier aber nicht soweit. In den Braunkohlerevieren im Rheinland, in der Lausitz in Mitteldeutschland wird noch kräftig gefördert.

Kampf um Braunkohleausstieg

Die meisten Akteure hier haben sich aber mit dem Ausstieg aus der Braunkohle abgefunden, jetzt geht es nur noch um den Ausstiegszeitraum – und um die Flankierung im Sinne der Beschäftigten. Und hier wird es hochpolitisch und emotional. Die einen blicken auf den Klimaschutz und wollen so schnell wie möglich weg von der „schmutzigen“ Kohle. IGBCE-Chef Michael Vassiliadis warnt dagegen vor einem überhasteten Ausstieg. „Ohne Kohle fehlt Deutschland sicherer Strom. Die Erneuerbaren sind kein Ersatz, solange wir ihren Strom nicht speichern oder in moderne Netze einspeisen können.“ Er weist außerdem auf die Folgen für die Standorte hin: „In den Revieren ist die Braunkohle der mit Abstand dominierende Arbeitgeber und Wirtschaftsfaktor. Ein vorschnelles Abschalten wirft diese Regionen beim Strukturwandel um Jahrzehnte zurück“. Diese widerstrebenden Interessen im gesamtgesellschaftlichen Konsens auszugleichen, ist ganz sicher nicht leicht. Je tiefer man in die betroffenen Regionen schaut, desto mehr geht der Blick weg vom weltweiten Klimaschutz hin zu ganz konkreten Sorgen vor Ort. Etwa im kleinsten Braunkohlerevier in Mitteldeutschland.

Südlich von Leipzig werden hier jährlich 18 Millionen Tonnen Braunkohle gefördert, etwa ein Zehntel des gesamten Fördervolumens der Bundesrepublik. Die Menschen, so beschreibt es der Geschäftsführer der MIBRAG – das Bergbauunternehmen der Region – Armin Eichholz, „haben Angst, nach den radikalen Umbrüchen von 1990 wieder Opfer eines starken Strukturbruchs zu sein und auch noch den Chemiestandort in der Nähe zu verlieren, der eng mit der Braunkohleenergieversorgung verbunden ist“. Für Eichholz ist die langfristige Planbarkeit des Strukturwandels wichtig: „Wir als Unternehmen und die Menschen in dieser Region brauchen Zeit, den Wandel zu gestalten“, sagt er. Damit der absehbare Strukturwandel sanft daherkommt und mit dem Verzicht auf den Energieträger Kohle nicht allein auf den Schultern der einzelnen Regionen landet, soll die sogenannte „Kohlekommission“ der Bundesregierung nicht nur einen Ausstiegstermin empfehlen, sondern bis Ende des Jahres auch Zukunftsperspektiven erarbeiten.

Auch wenn die Kohleförderung eingestellt wird, das Revier steckt immer noch im Wandel, trotz mancher Erfolge sind der Bergbau und die Schwerindustrie nicht leicht zu ersetzen.

Für Alfred Esch, der Jahrzehnte in Ibbenbüren „auf dem Pütt gearbeitet“ hat, gibt es angesichts des Strukturwandels zumindest einen kleinen Trost: Dass die Zeche in Ibbenbüren zu den beiden letzten gehört, bei denen das Licht ausgeht. Und Sabine Meier ist froh, dass sie nicht denselben Beruf wie ihr Vater erlernt hat. Sie ist Krankenschwester geworden. „Die braucht man immer“, sagt sie.

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