Wie können wir Langzeitarbeitslose nachhaltig in Beschäftigung bringen? Diese Frage ist auch in Zeiten sinkender Arbeitslosigkeit wichtiges Thema in der CDA. Wir stellen den aktuellen Beschluss des CDA-Bundesvorstandes vor und haben uns in Oranienburg ein innovatives Vermittlungsprojekt angeschaut.

Schon die Klingelsuche zeigt, hier läuft einiges anders. SO-Fotografin und Redakteur sind auf der Suche nach den Räumen des Programms Integration und Aktivierung (InTakt) des Jobcenters Oranienburg. Aber sie stehen nicht, wie erwartet, vor einem großen Verwaltungsgebäude, sondern auf einer belebten Straße im Zentrum der brandenburgischen Stadt. Vor der Tür bietet ein Straßenverkäufer Thüringer Bratwurst an, im zweiten Stock sind Bankräume untergebracht und dann plötzlich betritt man die Jobcenter-Außenstelle: Helle Räume, ein Büro, ein kleiner Gruppenarbeitsraum und der Hauptraum mit Sitzgruppe in der Mitte sowie PC-Arbeitsplätzen an den Rändern. Die Wände hängen voller bunter Zettel und beschriebener A2-Blätter.

Gleich am Eingang haben ehemalige Teilnehmer ihre Erfolge bei der Arbeitssuche angepinnt: Mediengestalterin, Lagerarbeiter oder „Tourguide auf Kreta“ steht da. Manchmal auch mit dem Hinweis „selbst gesucht“. Jeder Zettel ist eine Erfolgsgeschichte, die neuen Teilnehmern Mut machen soll. Die Botschaft ist klar: Sieh her, ich habe es geschafft, dann kannst du es auch.

Denn darum geht es bei InTakt. Hier gibt es keine Fallmager, sondern Coaches. Keine straffe Struktur, sondern ein offenes Konzept. Wo die Teilnehmer selbst Handelnde sind, sich gegenseitig unterstützen und professionelle Begleitung in einem Coachingprozess erfahren. Es ist ein Labor für die Arbeitsvermittlung. Dazu gehört auch die räumliche Trennung vom Jobcenter.

Chancen bieten

InTakt ist als Pilotprojekt des Jobcenters im November 2016 gestartet, ein Jahr Vorbereitungszeit war nötig. Vorläufig für zwei Jahre kümmern sich drei Coaches um bis zu 24 Arbeitslose in zwei Gruppen. Die Schlagzahl ist hoch: 32 Drei-Stunden-Einheiten – über acht Wochen verteilt - sind vorgesehen.

Fehlzeiten werden nachgeholt. Der Initiator ist Dick Vink, ehemaliger niederländischer Arbeitsvermittler, der als Berater Impulse für einen innovativen Umgang mit der Arbeitsplatzsuche geben will: möglichkeitenorientiert, nicht problemorientiert; nicht auf sich alleingestellt, sondern in Gruppen, in enger Betreuung. Mit dem Ziel, schnell und möglichst selbstständig wieder eine Arbeit zu finden. Neue Kräfte wecken ist die Absicht. Der Landkreis Oberhavel hat sich darauf eingelassen und das Konzept an die eigenen Bedürfnisse und Erfahrungen angepasst.

Zuerst wendet sich InTakt an neue Antragssteller für Arbeitslosengeld II. Mittlerweile werden aber auch Langzeitarbeitslose einbezogen. Die Alleinerziehende, die wiedereinsteigen will, der ältere Ingenieur, der sich neu orientieren muss, und der Handwerker in Privatinsolvenz mit Suchtproblemen – sie alle kommen hier täglich zusammen.

„Gemeinschaft macht stark“

Diese Gemeinschaft ist wichtig, sagen die Coaches. Hier lernen die Teilnehmer viel über sich selbst: ihre Motive, ihre Ziele. Alle drei Coaches haben sich auf die Stellen beworben, zwei von ihnen kennen die Abläufe im Jobcenter aus langjähriger Berufserfahrung. Man spürt, wie motiviert sie sind. Alle schätzen die große Freiheit, die sie bei der Gestaltung des Alltags haben, die Zeit, die sie den Menschen widmen können, auch das große Vertrauen der Jobcenter-Leitung. Sie wissen, sie dürfen zum Wohle der Arbeitslosen auch mal ein Experiment wagen. Die einhellige Antwort auf die Frage, was sie sich für ihre Arbeit noch wünschen, ist kurz: „Nichts!“.

Keine Wunder erwarten

Über dreißig Prozent der Teilnehmer bewerben sich erfolgreich auf eine Arbeitsstelle, viele andere gehen gestärkt und verändert aus dem Prozess. Die Mitarbeiter sind realistisch: „Maßnahmen von externen Trägern sind bei guter Auswahl der Teilnehmer mitunter ähnlich erfolgreich“, sagt Anke Schaefer mit Blick auf die Erfolgsquote. Ihnen ist aber wichtig, nicht nur auf die Zahlen zu sehen. „Wir sind dicht dran an den Menschen. Sehen Probleme, die versteckt oder verdrängt werden“, sagt Henry Girard, einer der Betreuer. Das sieht auch der Leiter des Jobcenters Tim Weimer so: „Wichtiger als eine kurzfristig hohe Erfolgsquote sind mir nachhaltige Fortschritte.“

Viele Teilnehmer kommen mit der Erwartung, hier werde ihnen gesagt, wo es langgeht. Und sie sind überrascht, wie offen das Konzept ist, wieviel sie selber mitgestalten können, berichten die Coaches. Die Arbeitslosen kommen durch das offene Konzept schnell „raus aus dem Frustmodus“, sagt Henry Girard. Wie kreativ der Alltag gestaltet wird, davon zeugen die Wandbilder. Da sammeln die Teilnehmer auch schon mal die Möglichkeiten, wie man sich um die Aufnahme einer Arbeit drücken kann. Nicht zum Nachmachen, sondern als Hilfestellung zur Selbstreflektion. Was folgt, ist unter anderem die Erkenntnis der Teilnehmer: „Auch endloses Stellensuchen kann mich von einer Arbeit abhalten.“ Oder sie schreiben anonym Stärken anderer Teilnehmer auf. Die Ergebnisse machen Mut auf der Suche und stärken die Persönlichkeit.

Erfolge gibt es immer wieder zu feiern

Da ist Renate*, alleinerziehend mit drei Kindern, nicht mehr erwerbstätig seit 1990. Gegen alle Erwartung hat sie eine Stelle als Verkäuferin gefunden und jetzt sogar ihren Stundenumfang erhöht. Oder Danny*, Mitte 30, der es nicht glauben konnte, dass der gleichaltrige Richard* plötzlich nicht mehr in der Runde saß, weil er erfolgreich bei der Jobsuche war. In der Gruppe war er der Sonderling, dem die Teilnehmer wenig Chancen auf einen Job zutrauten. Jetzt hatte er es geschafft, sich eine Stelle zu suchen. Das gab den entscheidenden Impuls. Auch Danny schaute sich um und fand in wenigen Tagen eine Stelle „Wenn der es schafft, dann muss ich es auch schaffen“, dieser Effekt zeigt, wie wichtig die Gruppe ist, die hier in wenigen Wochen zusammenwächst.

Arbeitslosigkeit verringern

Diese Beispiele machen Mut, denn trotz der guten Arbeitsmarktsituation sind immer noch fast eine Million Menschen in Deutschland langzeitarbeitslos. Dieser Herausforderung hat sich auch die Politik angenommen. Die CDU hat in ihrem Wahlprogramm Vollbeschäftigung als Ziel ausgegeben und will auch weitere Anstrengungen im Kampf gegen die Langzeitarbeitslosigkeit unternehmen. Die CDA unterstützt und fördert diesen Kurs. Der CDA-Bundesvorstand hat deshalb auch konkrete Vorschläge (siehe Infokasten) erarbeitet, um Langzeitarbeitslose verstärkt in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. Dabei ist es nötig, an ganz verschiedenen Stellschrauben zu drehen. Denn die eine große Lösung wird es nicht geben, dafür sind die Gründe für die mangelnde Teilhabe am Arbeitsmarkt zu vielfältig. Eine fehlende Ausbildung, gesundheitliche oder psychische Probleme, mangelnde Deutschkenntnisse, Schulden oder Verantwortung für Kleinkinder erschweren Langzeitarbeitslosen den Weg in den ersten Arbeitsmarkt. Um diese sogenannten Vermittlungshemmnisse zu überwinden, müssen die bestehenden Angebote und Maßnahmen gezielt angepasst und erweitert werden.

Intensive Betreuung ist der Schlüssel

Einig sind sich die Sozialexperten der Union und die Praktiker in Oranienburg: Dafür braucht es ausreichend Personal. Es wird nicht ohne intensive Betreuung klappen, die sich nicht nur an starren Maßnahmen orientiert, sondern individuell auf die Menschen eingeht. Andersherum zeigen Ergebnisse aus verschiedenen Projekten: Die Erfolgsaussichten auf Vermittlung in Arbeit steigen immer dann, wenn Mittel gebündelt werden und gezielt betreut wird.

Die CDA fordert in ihrem Papier deshalb unter anderem, die Fortsetzung des bewährten Programms „Perspektive 50plus“ wieder aufzunehmen. Denn hier wurde das Prinzip der zielgruppenorientierten, nachhaltigen und arbeitsplatzbezogenen Qualifizierung vorbildlich und erfolgreich für ältere Arbeitslose umgesetzt. Solche gezielten Maßnahmen müssen für Jugendliche, Alleinerziehende und auch Flüchtlinge zur Verfügung stehen. Denn die Hindernisse sind ganz unterschiedlich: Mal ist es die schwierige Betreuungssituation des Kindes bei Krankheit, mal die mangelnden Sprachkenntnisse.

Bildungschancen verbessern

Wer die langfristigen Teilhabechancen erhöhen möchte, muss früh ansetzen. Junge Menschen können nur mit einer Ausbildung vor dem Kreislauf von Perspektiv- und Joblosigkeit bewahrt werden. Deshalb gehört für die CDA die Senkung der Schulabbrecherzahlen und der Anzahl der Menschen ohne Berufsabschluss zu den zentralen Zielen.

Mehr Freiheit für Jobcenter

Auch die Jobcenter brauchen bessere Rahmenbedingungen - etwa eine realistische und langfristige Finanzierung von Maßnahmen, eine sinnvolle Zielsteuerung und bessere Betreuungsschlüssel. Nicht jeder Arbeitssuchende wird so dauerhaft so gut betreut werden können wie die Teilnehmer an InTakt. Aber die Fallmanager sollten mehr Zeit für die Langzeitarbeitslosen bekommen, indem man ihnen lästige Bürokratie abnimmt. Praktiker fordern deshalb auch mehr Freiheiten für die Jobcenter und weniger Vorgaben aus Berlin und Nürnberg. Ein Punkt, den auch der CDA-Vorsitzende und NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann vehement unterstützt. „Jobcenter sind einmal eingerichtet worden, damit sie sich gezielt und ohne viel Verwaltungsaufwand um die Arbeitssuchenden kümmern können. Aber mit jedem Jahr sind neue bürokratische Fesseln dazugekommen, weil jemand fernab der Arbeitsvermittlung eine neue tolle Idee hatte“, stellt er ernüchtert fest. „Diese Entwicklung müssen wir wieder umkehren. Es kann doch nicht sein, dass jetzt externe Berater kommen müssen, um die Jobcenter an ihre eigentliche Aufgabe zu erinnern.“ Ziel ist also eine Rückkehr zur Ursprungsidee. Das Beispiel im Jobcenter in Oranienburg zeigt aber: Bis diese Trendwende geschafft ist, können Impulse von außen eine wichtige Brückenfunktion auf dem Weg in eine flexiblere Arbeitsvermittlung übernehmen.

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