Vor zwei Jahren wurde dazu ein Paradigmenwechsel eingeleitet und die Einwanderung
in den Arbeitsmarkt deutlich erleichtert. Weiter Nachholbedarf sehen Christlich-Soziale aber bei den Rahmenbedingungen für diejenigen, die schon hier sind

Längst sind es nicht mehr nur bestimmte Regionen oder Branchen, in denen Unternehmen Probleme haben, offene Stellen mit geeigneten Fachkräften zu besetzen. Gesucht wird eigentlich alles: Die klassische IT-Fachkraft, der Gas-Wasserinstallateur, die Hotelfachfrau, der Buchhalter. In das Klagelied der schlechten Bewerberlage stimmen Personaler aus allen Unternehmen ein. Laut einer Konjunkturumfrage des Deutschen Industrie- und
Handelskammertags aus dem Herbst 2019 sehen mehr als 50 Prozent der
Unternehmen im Fachkräftemangel die größte Gefahr für ihre Geschäftsentwicklung. Neun
Jahre zuvor waren es noch 16 Prozent.

Das Thema ist nicht neu, aber es verschärft sich, denn aus dem Fachkräftemangel wird immer mehr ein genereller Arbeitskräftemangel. Die Bevölkerung wird älter und schrumpft. Laut Vorausberechnungen des statistischen Bundesamts wird die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter ohne Zuwanderung allein zwischen 2020 und 2030 von 51,8 Millionen auf 46,9 Millionen Menschen sinken. Die Bundesagentur für Arbeit rechnet deshalb mit einem Fachkräftebedarf von jährlich 400.000 Arbeitskräften, der nur durch Migration kompensiert werden könne. Die Corona-Krise hat dabei noch einmal für zusätzliche Dynamik gesorgt. „ Die Pflege und auch die IT bleiben ganz wichtig. Und auch vor Corona hatten wir großen Bedarf in der Gastronomie, doch mittlerweile mangelt es auch an Küchenhelfern und Paketzustellerinnen – und die große Verrentungswelle ist noch gar nicht auf dem Arbeitsmarkt angekommen“, berichtet Daniel Terzenbach, BA-Vorstand für Regionen in Nürnberg.

Um die Unternehmen bei der weltweiten Fachkräftesuche zu unterstützen, gibt es seit 2012 das Onlineportal „Make it in Germany“, eine Art weltweite Jobbörse. In Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit können hier Unternehmen ihre Stellenangebote inserieren und weltweit nach Personal suchen.

Seither ist die Zahl der Inserate von Jahr zu Jahr zwar nur moderat gestiegen, aber die Nachfrage konnte durch das Angebot nicht gedeckt werden. Um das zu ändern, vereinfachte die ehemalige Bundesregierung mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz die Fachkräftezuwanderung aus Drittstaaten. Bis dahin war die Fachkräfteeinwanderung ausschließlich in sogenannten Mangelberufen und auch nur nach einer Vorrangprüfung durch die Bundesagentur für Arbeit möglich. Dies ist nun anders: Neben einer anerkannten Qualifikation und Deutschkenntnissen im Sprach-Niveau B1 reicht seither ein Arbeitsvertrag
über eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung mit mindestens 35 Wochenarbeitsstunden, um eine Aufenthaltserlaubnis zu erhalten. Peter Altmaier, der damalige Wirtschaftsminister, nannte das Gesetz einen „Meilenstein für den Standort Deutschland“.

Auf der Plattform „Make it in Germany“ zeigte das Gesetz Wirkung. Mittlerweile sind dort mehr als 27.000 offene Stellen über alle Branchen hinweg inseriert. Und auch bei den bewilligten Visumsanträgen zeigen die Zahlen nach oben. Trotz der aufgrund der Pandemie schwierigen Bedingungen – Botschaften wurden geschlossen, Einreisebestimmungen verschärft, Visumsanträge wurden verzögert – hat das Auswärtige Amt 2020 knapp 30.000 Visumsanträgen stattgegeben. In der ersten Jahreshälfte 2021 waren es genauso viele wie im gesamten Vorjahreszeitraum. Fast 2.400 Arbeitsvisa gingen dabei an Bewerberinnen und Bewerber aus der Türkei, auf die damit der größte Anteil entfiel. Dahinter folgen Serbien, Indien, die Philippinen und Albanien.

Der Trend zeigt zwar nach oben, der von der BA errechnete Bedarf von 400.000 Fachkräften kann so jedoch nicht gedeckt werden. Auch setzen laut einer aktuellen Umfrage im Auftrag der Bertelsmann Stiftung nur 16 Prozent der befragten Unternehmen überhaupt auf die Rekrutierung von Fachkräften aus dem Ausland.

„Aufgrund des hohen Aufwands und der Unsicherheit scheuen viele Unternehmen die Suche nach Arbeitskräften im Ausland“, sagt auch die stellvertretende CDA-Bundesvorsitzende Dagmar König. „Deswegen wird es Zeit, stärker darüber nachzudenken, wie wir das Potential der bereits hier in Deutschland lebenden Migranten besser nutzen können". Seit 2015 wurde der Arbeitsmarktzugang für Geflüchtete deutlich vereinfacht. Grundsätzlich dürfen Asylbewerber nach drei Monaten Aufenthalt eine Arbeit in Deutschland aufnehmen. Auch bei Duldung – also nach einem abgelehnten Asylantrag bei ausgesetzter Abschiebung – darf mit Erlaubnis der Ausländerbehörde eine Arbeit aufgenommen werden. Trotzdem ist aktuell nur knapp die Hälfte der zwischen 2013 und 2016 nach Deutschland Geflüchteten im erwerbsfähigen Alter tatsächlich erwerbstätig. Ein Grund ist die unsichere Bleibeperspektive.„Selbst wenn ein Arbeitsplatz gefunden oder sogar eine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen wurde, bleibt das Risiko einer Abschiebung. Diese Hürde ist eine große Unsicherheit auch für die Arbeitgebenden", sagt Dagmar König. Dieses Problem hat das Fachkräfteeinwanderungsgesetz versucht zu adressieren. Erstmals wurde für ausreisepflichtige Asylbewerber eine Möglichkeit geschaffen, unter strengen Voraussetzungen eine sogenannte „Beschäftigungsduldung“ für zwei Jahre oder eine „Ausbildungsduldung“ zu erhalten. 2020 arbeiteten aber lediglich 686 Menschen mit Beschäftigungsduldung und 1.674 mit Ausbildungsduldung in Deutschland.

„Diese Möglichkeit zu schaffen, war ein richtiger Schritt, aber wir schöpfen bei Weitem nicht das vorhandene Potential aus“, urteilt Christian Bäumler, erster stellvertretender Vorsitzender der CDA. „Wer hier gut integriert ist, einer qualifizierten sozialversicherten Tätigkeit nachgeht, seinen Lebensunterhalt selbst verdient und nicht mit dem Gesetz in Konflikt gekommen ist, dem können und sollten wir mehr bieten als eine zweijährige Sicherheit. Das sind Fachkräfte, die schon hier sind und als solche sollten wir sie auch behandeln“, so Bäumler.

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