Eine Delegation des deutschen Bundestages machte 2019 eine viertägigen Delegationsreise nach Bangladesch. Mit dabei: Matthias Zimmer. Er berichtet hier von seinen Eindrücken und welche Schlüsse er daraus zieht.

Die 25-jährige Rifah zeigt uns voller Stolz ihre wenigen Habseligkeiten: Ein paar Hühner scharren in einem Vorgarten, in einem Stall finden wir zwei Ziegen. Das kleine Häuschen ist sehr provisorisch, eine fragile Konstruktion aus Brettern und Wellblech. Rifah hat ein kleines Kind, etwa drei Jahre alt. Sie macht einen fröhlichen, aufgeschlossenen Eindruck.

Dabei hat sie wenig Grund zur Freude. Vor vier Jahren musste sie ihre Heimat im Süden von Bangladesch verlassen. Steigende Wasserpegel hatten dazu geführt, dass ihr Dorf unbewohnbar wurde. Nun ist sie hier in Khulna, einer Stadt im Südwesten, und lebt in einem Slum am Rande der Stadt. Die hygienischen und sanitären Bedingungen sind schlecht, sauberes Wasser ist Mangelware.

Alleine in Khulna sollen knapp 400,000 Klimaflüchtlinge leben. In ganz Bangladesch sind es über sechs Millionen Menschen.

Und es können mehr werden. Der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber hat auf der Münchner Sicherheitskonferenz vorgetragen, was passiert, wenn die Polkappen komplett schmelzen: Für Bangladesch bedeutet dies den Verlust von 90 Prozent des Territoriums. Das Szenario ist keinesfalls unwahrscheinlich, so Schellnhuber, denn bereits heute sehen wir Veränderungen in dem Profil der Erde. Der Mensch ist selbst eine geologische Kraft geworden, so Schellnhuber; die Bezeichnung dafür ist „Anthropozän“. Rifah weiß nichts über das Anthropozän. Sie will nur drei Dinge: Ein eigenes Haus, sauberes Wasser, gute sanitäre Bedingungen.

Wenig später sind wir im Trainingszentrum für Landwirte; es geht um Ziegenzucht für Klimamigranten. Dort treffen wir Rifah wieder. Die Idee ist es, Ziegenzucht zu einer Nebeneinkunft zu machen. Sie werden in Grundlagen der Ziegenzucht unterrichtet. Der Klassenraum ist mit weiteren 30 Frauen gefüllt, alle mit dem gleichen Schicksal. Sie haben ihre Heimat verloren und müssen neu anfangen. Der Druck ist groß, denn immer neue Migranten erreichen Khulna.

Der Klimawandel ist für diese Migranten bereits zur Klimakatastrophe geworden.

Bangladesch ist weniger als halb so groß wie Deutschland, hat aber doppelt so viele Einwohner. Hinzu kommt: nur ein kleiner Teil des Landes ist bewohnbar. Man habe viele Maßnahmen ergriffen, um der Versalzung entgegen zu wirken, Maßnahmen, um die Widerstandskräfte zu stärken. Ob dies ausreicht? Wir bleiben skeptisch, denn die globale Erwärmung ist das Hauptproblem und entzieht sich einer rein nationalen Lösung.

Uns wird aber deutlich: Dieser Klimawandel ist als Klimakatastrophe eine Bedrohung der Sicherheit, nicht nur in Bangladesch. Was passiert, wenn die Wasserpegel steigen und in Bangladesch mehr und mehr Menschen auf immer weniger Raum zusammengedrängt werden? Der Schlüssel zur Lösung der Klimakatastrophe liegt in den Händen derjenigen Länder, die am meisten dazu beitragen, also auch in Deutschland.

Wir tun uns in Deutschland unendlich schwer mit der Erreichung unserer Klimaziele. Der Kohlekompromiss sieht vor, dass das letzte Kohlekraftwerk erst 2038 abgeschaltet wird. Die Umstellung auf klimaneutralen Verkehr geht nur schleppend voran. Immer wieder kommen kurz- und langfristige Ziele miteinander in Konflikt. Ja, wir wollen das Klima retten, aber nicht zu Lasten der Arbeitsplätze. Und in der Logik der Politik will man bei der nächsten Wahl wiedergewählt werden, nicht bei den Wahlen 2038.

Ich denke an Rifah und ihre Ziegen. Vielleicht werden es in 2038 ihre Kinder sein, die erneut wegen des Klimas flüchten müssen. Vielleicht wird es Bangladesch sein, das einen ersten Klimakrieg erlebt als ein Kampf ums Überleben auf einer immer kleiner werdenden Landfläche. Auf jeden Fall aber, so fürchte ich, werden es Rifahs Kinder sein, die erneut ein trauriges Lied über Bangladesch singen und uns dabei klagend ansehen.

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