Die Klimawende ist das Megathema der nächsten Jahre. Deutschland hat sich verpflichtet, bis 2045 klimaneutral zu werden. Das betrifft alle Lebensbereiche, auch die Industrie. Kann dieses Ziel auch bei CO2-intensiven Branchen wie der Stahlerzeugung erreicht werden?


Die Stahlproduktion war Motor des deutschen Wiederaufbaus und Grundlage des Wirtschaftswunders und ist auch heute noch wichtiger Grundpfeiler der deutschen Industrie. Aber sie ist mittlerweile in zweifelhaften Ruf geraten. Für viele Menschen klingt Stahl nach Kohleschlotten und unstillbarem Energiehunger. Die Stahlproduktion ist tatsächlich weltweit laut Schätzungen für zehn Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich und damit ein wesentlicher Faktor für die Erderwärmung.

Deutschland hat sich verpflichtet, bis 2045 klimaneutral zu werden. Das betrifft natürlich auch die Industrie. Gerade für die Stahlbranche, für 30 Prozent aller industriellen Emissionen im Land verantwortlich, ist das eine enorme Herausforderung. Denn es kostet Milliarden auf neue klimaneutrale Verfahren umzustellen und das in einer Situation, in der die Branche weltweit mit Überkapazitäten und enormem Preisdruck ohnehin in schweren Fahrwassern ist. Die Befürchtungen an der Saar und im Ruhrgebiet sind entsprechend groß, dass nach der Kohle auch der Stahl und damit weitere Arbeitsplätze und Zukunftsoptionen für ganze Regionen wegbrechen. CDA-Vize Dennis Radtke macht deshalb nicht nur im Europaparlament immer wieder deutlich: „Beim Klimaschutz muss die Industrie Teil der Lösung sein. Wir müssen daher Innovation und technischen Fortschritt fördern. Die CDU steht für den Erhalt von tariflich gut bezahlten Industriearbeitsplätzen und für einen Wandel ohne Strukturbrüche mit Arbeitsplatzverlusten. Wir dürfen die sozialen Belange der Beschäftigten in den energieintensiven Industrien nicht aus dem Auge verlieren.“ Das sieht man im Bundeswirtschaftsministerium ähnlich, immerhin geht es um 86.000 Arbeitsplätze in den Stahlwerken und fast 4 Millionen Beschäftigte in stahlintensiven Branchen. „Wir wollen Industriestandort bleiben, auch bei der Stahlproduktion. Die Bundesregierung hat deshalb im Sommer 2020 ein umfangreiches Konzept erstellt, wie unsere Stahlindustrie nicht nur klimaneutral werden, sondern auch wettbewerbsfähig bleiben kann“, sagt die zuständige Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium und CDAlerin Elisabeth Winkelmeier-Becker.

Doch wie kann das trotz der Abhängigkeit von der Kohle als Energielieferant gelingen? Die Strategie der Unternehmen und der Politik lautet: Grüner Wasserstoff.

Wir sind mitten im technologischen Wandel, in dem Kohle und Erdgas durch klimaneutralen Wasserstoff ersetzt werden“,

beschreibt Winkelmeier-Becker den Ansatz in der Industrie. Auch der größte deutsche Stahlproduzent Thyssen-Krupp hat sich am Standort Duisburg auf diesen Weg begeben. Er bringt in den nächsten Jahren ein Verfahren in die industrielle Produktion, bei dem Wasserstoff statt Koks für die Reduktion von Eisenerz eingesetzt wird. Die Hochöfen sollen durch Direktreduktionsanlagen ersetzt werden, deren Abgas nicht mehr CO2 sondern Wasserdampf sein soll. Der so gewonnene Eisenschwamm soll dann durch mit grünem Strom betriebene Einschmelzer zu flüssigem Roheisen werden. Dieses grüne Roheisen kann dann in bewährten Produktionsanlagen weiterverarbeitet werden. Das Unternehmen ist überzeugt, dass es mit dieser Technologie bis 2050 komplett CO2-neutral produzieren kann. Andere Stahlhersteller arbeiten mit vergleichbaren Technologien. Bei dieser Firmenpolitik werden sie auch von den Arbeitnehmern unterstützt. „Die Beschäftigten bei Thyssen-Krupp stehen hinter dem Ziel, klimaneutral zu produzieren“, sagt Dzenan Kurspahic Pressesprecher des Gesamtbetriebsrates der thyssenkrupp Steel Europe AG. „Wir kochen seit 200 Jahren Stahl und werden auch diese Transformation bewältigen.“ Er macht auch deutlich, wo die Betriebsräte Unterstützung von der Politik wünschen:

Wir brauchen realistische Zeiträume und verbindliche Zielvorgaben. Kein Unternehmen kann erfolgreich planen, wenn alle zwei Jahre neue Vorgaben gemacht werden.“

Das Nadelöhr für den Erfolg ist dabei, das wissen Unternehmen, Beschäftigte und Politik, die Verfügbarkeit von grünem Wasserstoff. Der wird mittels Elektrolyse – also der chemischen Aufspaltung von Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff – gewonnen. Der dafür benötigte Strom soll aus erneuerbaren Energien kommen. Der Wasserstoffbedarf wird aber gewaltig werden, denn nicht nur bei der Stahlerzeugung, sondern auch in der Chemischen Industrie, im Verkehr und als Ersatz für Erdgas in Kraftwerken wird das Gas benötigt. Kurspahic zeigt anhand einer Rechnung die Dimension: „Stand heute – 2020 wurden 131 Terrawattstunden Strom aus der Windkraft erzeugt – müsste die Leistung aller Windparks in Deutschland genutzt werden, um die Stahlindustrie mit grünem Wasserstoff versorgen zu können. Um schnell ausreichend Kapazitäten zu erstellen, hat Bundesminister Altmaier zusammen mit anderen Mitgliedsstaaten ein EU-Projekt gestartet. Es erlaubt Deutschland, mehr als acht Milliarden Euro für die Gewinnung von grünem Wasserstoff und den Ausbau einer Versorgungsinfrastruktur auszugeben. Für die Stahlindustrie als industrielle Leitbranche ist dabei ein Viertel des Budgets, also zwei Milliarden Euro, vorgesehen. Allein bis 2030 sollen dadurch nahezu elf Millionen Tonnen CO2-Emissionen pro Jahr eingespart werden.

So sehr die Unternehmen von einem Erfolg der neuen Technologie überzeugt sind, es warten noch weitere Herausforderungen auf die Industrie. Denn unstreitig ist, dass CO2-frei erzeugter Stahl teurer wird als herkömmlich erzeugter. Viele Milliarden Euro Förderung könnten ins Leere laufen, wenn der grüne Stahl aus Kostengründen nicht abgenommen wird. Unternehmen und Bundesregierung sehen das Risiko und setzen auf einen eigenen Markt für grünen Stahl in Europa. Ankerkunden wie die Automobilindustrie werden wohl mitziehen. Die EU-Kommission will zum Schutz der Branche zudem einen Grenzausgleichsmechanismus etablieren. Bedeutet, CO2-intensiver Stahl soll beim Import in die EU mit einer Abgabe belegt werden, während grüner Stahl beim Export eine Erstattung bekommen soll, damit er auf dem außereuropäischen Weltmarkt günstiger angeboten werden kann. Ob dieses Konzept trägt oder in einen massiven Handelsstreit mit Großproduzenten wie China führt, bleibt abzuwarten. Es ist eine Achillesferse des Konzepts. Winkelmeier-Becker ist zuversichtlich: Wir werden gemeinsam einen Weg finden, der die europäische Produktion von grünem Stahl ermöglicht. Und wenn die Umstellung beim Stahl gelingt, wird sie auch in anderen Bereichen der Industrie erfolgreich sein.“

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