Seit gut acht Jahren amtiert Markus Lewe als Oberbürgermeister der Stadt Münster. Zum Jahreswechsel wird der CDAler auch Präsident des Deutschen Städtetages. Im Interview mit der Sozialen Ordnung spricht er über bezahlbaren Wohnraum, das Abschneiden der AfD bei der Bundestagswahl, und über Wilsberg und den Münster-Tatort.

Soziale Ordnung: Zum 1. Januar übernehmen Sie das Amt des Präsidenten des Deutschen Städtetages. Welche Schwerpunkte wollen Sie setzen?

Markus Lewe: Zunächst einmal möchte ich die gute Arbeit meiner Vorgängerin Eva Lohse aus Ludwigshafen fortsetzen. Die Rahmenbedingungen sind so gut wie noch nie. Doch die Kommunen müssen auch Antworten auf neue Herausforderungen wie die Digitalisierung und die wachsende Unsicherheit geben. Und vor dem Hintergrund der jüngsten Wahlergebnisse in vielen Ländern möchte ich Europa auch in den deutschen Städten spürbarer machen. Vor Ort ist Europa noch eher erlebbar als zwischen Staaten.

Und wie gelingt das?

Etwa durch Städtepartnerschaften oder durch die Zusammenarbeit im Rahmen von grenzübergreifenden Städteregionen.

Europa ist ein Friedensprojekt – und Münster ist Friedensstadt. In Münster und Osnabrück wurde der Dreißigjährige Krieg beendet, dessen Beginn sich 2018 zum 400. Mal jährt!

!und wir begehen 2018 weitere Jahrestage. So endete 1918 der Erste Weltkrieg, und die Reichspogromnacht jährt sich im kommenden November zum 80. Mal. All das nehmen wir zum Anlass für einen ganzen Ausstellungsreigen. Stadt, Hochschule, Landschaftsverband, Kirche und andere wirken da zusammen.

Auch der Katholikentag im Mai 2018 in Münster fügt sich da ein. Sein Leitwort lautet: „Suche Frieden“.

Genau. Das Thema „Frieden“ spielt eine besondere Rolle, auch schon bei den Veröffentlichungen im Vorfeld. Münster steht für einige Wendepunkte in der europäischen Geschichte; für die neue moderne Diplomatie; für das Prinzip, Krieg durch Verhandeln zu überwinden. Das hat übrigens auch der Bundespräsident hervorgehoben.

Münster steht auch für Friedfertigkeit im Innern: Die Stadt Münster war bei der Bundestagswahl in ganz Deutschland der einzige Wahlkreis, in dem die AfD an der 5-Prozent-Hürde gescheitert ist.

Das Thema ist nicht dazu geeignet, hochmütig zu werden. Wir sind eine wachsende Stadt, uns geht es wirtschaftlich gut. Und wir haben rund 65.000 Studierende. Hinzu kommt aber etwas anderes: der „Münster-Konsens“. Bei uns wird der Zusammenhalt in den Vordergrund gestellt. Es gibt ein großes liberales bürgerschaftliches Engagement. Auch Kirchen, ökologische Gruppen und Friedensinitiativen betonen das Miteinander. Und bei einem Angriff auf diesen Konsens gibt es eine klare Ansage.

Vor welchen sozialen Problemen stehen die Kommunen?

Wir müssen aufpassen, dass die Grundidee der europäischen Stadt nicht verloren geht: die Vielfalt. Diese Gefahr besteht bei einer wachsenden Kluft zwischen Wohlhabenden und denen, die nicht so viel haben. Dann werden einige an den Rand gedrängt, weil sie es sich nicht mehr leisten können, in der Stadt zu leben. Wir brauchen also bezahlbaren Wohnraum.

Und wie erreicht man das?

Wir haben neue Wohnungen geschaffen. Auch mitten in der Stadt verfügen wir über geförderten Wohnraum. Und wir haben eine soziale Bodennutzungsordnung. Kommunaler Boden wird nicht an denjenigen vergeben, der am meisten zahlt – sondern an denjenigen, der zusagt, die niedrigsten Mieten zu erheben. Das ist ein gutes Steuerungsinstrument.

Städte sind mehr als nur Schlafstädte!

Auf jeden Fall. Sie sind Begegnungs- und Identifkationsorte. Das muss sich auch in der Stadtplanung niederschlagen: Wir brauchen Grün in den Städten, Sportstätten und Orte des kulturellen Austausches. Handel ist wichtig, aber von reinen Kommerzüberlegungen müssen wir Abstand nehmen.

Sehen Sie eine Schere zwischen Städten und ländlichem Raum?

Das Grundgesetz spricht zu Recht von gleichwertigen Lebensverhältnissen. Ich glaube, dass beide - Stadt und Land - dann besonders erfolgreich sind, wenn sie miteinander kooperieren. Das sehen wir bei uns im Münsterland. Wir haben hier eine wirklich spannende Entwicklung – auch wirtschaftlich mit einer großen Vielfalt an kleinen und mittelgroßen Unternehmen und einer Reihe von Start-ups.

Gibt es aus Ihrer Sicht eine besondere christlich-soziale Handschrift in der
Stadt-Politik?

Auf der kommunalen Ebene gilt: Erst die Stadt, dann die Partei. Wir haben ja auch
keine Parlamente in den Kommunen, sondern Selbstverwaltungsorgane. Wir gehen nicht ideologisch oder parteipolitisch an die Dinge. Wenn es Wettbewerb gibt, dann ist es ein Wettbewerb um die besten Ideen. Aber wenn wir die Stadt so gestalten, wie ich es beschrieben habe, dann ist das auch eine Politik im Sinne des Subsidiaritätsprinzips. In diesem Sinne handeln wir aus christlicher Verantwortung.

Münster ist auch Krimi-Stadt. Schauen Sie sich „Wilsberg“ und den Münster Tatort regelmäßig an?

Natürlich. Ich komme eigentlich kaum dazu fernzusehen – aber das lasse ich mir nicht entgehen. Oft bin ich sogar bei der Premiere der Filme in einem Kino dabei, bevor sie im TV gezeigt werden. Das ist immer ein großes Gemeinschafts-erlebnis der Bürgerinnen und Bürger. Da wird viel gelacht. Und ein bisschen stolz sind wir natürlich auch. Aber es wäre falsch, einen Zusammenhang zwischen den Münster-Krimis und der Kriminalitätsrate in unserer Stadt herzustellen.

Worauf ist die zurückzuführen – wenn nicht auf Tote im Aasee, deren Mörder ein Antiquar ausfindig macht?

Das liegt vor allem an den vielen Fahrrädern. Unsere 310.000 Einwohner besitzen etwa 420.000 Fahrräder. Und deshalb werden leider auch viele Räder geklaut.

Münster bleibt aber trotzdem Fahrradstadt?

Auf jeden Fall! Ich bin selbst begeisterter Radfahrer!

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