In Deutschland gibt es alarmierend wenig Organspender. Seit Jahren ist die Anzahl der Spender rückläufig. Eine Debatte über eine Widerspruchslösung soll dem Thema mehr Aufschwung geben.

Der Organspendeausweis – er kann Leben retten und verlangt zugleich ein hohes Maß an Überzeugung. Die eigenen Organe nach dem Tod an einen anderen Menschen zu vermachen, ist ein unvergleichlicher Akt der christlichen Solidarität und Nächstenliebe. Etwas, das es in Deutschland immer weniger gibt. Die Anzahl der Organspender ist auf einem Tiefstand.

Karl-Josef Laumann, CDA Bundesvorsitzender und Sozialminister in NRW, ist sichtlich besorgt: „In Nordrhein-Westfalen haben letztes Jahr nur 246 Menschen Organe gespendet. Das war der niedrigste Wert der vergangenen zehn Jahre. Wir haben einen echten Missstand!“

Alle acht Stunden könnte eine Organspende ein Leben retten

In ganz Deutschland müssen Ärzte und Pflegekräfte regelmäßig mit ansehen, wie Patienten und deren Angehörige vergebens auf eine Organspende hoffen. Die Zeit des Wartens ist mit unsäglichem Leid verbunden. Allein in Deutschland stehen zurzeit mehr als 10.000 Menschen auf der Warteliste. Spenderorgane sind aber nicht in ausreichender Zahl vorhanden. Alle acht Stunden verstirbt ein Mensch in Deutschland, der mit einem Spenderorgan hätte weiterleben können.

Im europäischen Vergleich ist Deutschland bei der Organspende Schlusslicht. Mit einer Spenderquote von 9,7 Prozent liegen wir weit hinter Ländern wie Kroatien mit 31,8 Prozent, Belgien mit 30,6 Prozent oder Österreich mit 23,5 Prozent. Längst ist Deutschland im europäischen Organspende-Netzwerk eins der großen Nehmerländer. „Die Bereitschaft zur Organspende ist zu niedrig in Deutschland. Wir würden Stand heute nicht mehr in das Spender-Netzwerk aufgenommen werden“, mahnt Karl-Josef Laumann.

Warum ist die Spendebereitschaft zurückgegangen?

Die gute Nachricht ist: Rund 84 Prozent Menschen in Deutschland stehen dem Thema Organspende grundsätzlich sehr positiv gegenüber. Das ergab jüngst eine Umfrage im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Und dennoch besitzen nur rund ein Drittel der Befragten einen Organspendeausweis. Warum wagen viele überzeugte Menschen nicht den entscheidenden Schritt zum Organspendeausweis? Die Ursachen sind vermutlich vielfältig. Zum einen führte der Organspendeskandal im Jahr 2012, in den mehrere deutschen Kliniken verwickelt waren, zu Verunsicherung und Skepsis in der Bevölkerung. Zum anderen haben viele Menschen die unbegründete Sorge, dass ein Patient zu früh für tot erklärt wird, wenn er einen Organspendeausweis hat.

Eine Schlüsselrolle zur Erhöhung der Organspenden in Deutschland spielen die Krankenhäuser. Gut funktionierende Abläufe bei der Erkennung möglicher Organspender, mehr Zeit und eine gute Finanzierung können dazu beitragen, mehr Menschenleben zu retten. Die Bundesregierung hat nun einen Gesetzentwurf verabschiedet, der den Transplantationsbeauftragten in den Krankenhäusern mehr Arbeitszeit für ihre wichtige Aufgabe verschaffen soll.

Widerspruch oder Zustimmung?

Für Karl-Josef Laumann ist eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema dringend notwendig: „Jeder muss seine ganz persönliche Entscheidung treffen, ob er Organspender sein möchte oder nicht. Was wir jetzt brauchen, ist ein neuer Diskurs über die Organspende. Sprecht mit euren Angehörigen darüber!“, appelliert er. Die Debatte über die sogenannte Widerspruchslösung könne dafür ein guter Anlass sein.

Die Widerspruchslösung dreht das bisherige System um. Aktuell basiert die Organspende in Deutschland auf der erweiterten Zustimmungsregelung. Eine Organentnahme ist nur bei Menschen erlaubt, die zu Lebzeiten einer Organentnahme ausdrücklich zugestimmt haben. Deshalb werden alle Bürgerinnen und Bürger ab 16 Jahren regelmäßig von ihren Krankenkassen gebeten, eine Entscheidung für oder gegen eine Organspende zu treffen. Wer keine Entscheidung getroffen hat, ist demnach auch kein Organspender.

Die Widerspruchslösung, für die sich Gesundheitsminister Jens Spahn einsetzt, würde dieses Prinzip umdrehen. Jedem, der einer Organspende zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen hat, könnten im Todesfall Organe zur Transplantation entnommen werden. Diese Regelung wird bereits in über 20 EU-Ländern angewendet.

Aus Sicht von Karl-Josef Laumann ist die Regelung aber allein nicht entscheidend: „Vielmehr ist die Haltung in der Gesellschaft erheblich, ob wir einer Organspende zustimmen oder nicht. Wir brauchen diesen Diskurs, damit sich jeder aktiv mit der Organspende beschäftigt. Wir müssen die Menschen erreichen, die Ja zur Organspende sagen, aber keinen Organspendeausweis besitzen.“

Mehr über Organspende diskutieren, für sich selbst entscheiden und diese Entscheidung auch kundtun, das wäre wichtig. Ein weiterer Anlass dafür, könnte die Beilage in dieser Sozialen Ordnung sein: Ein Organspendeausweis.

Vorheriger Beitrag Nächster Beitrag