Ein Blick auf den Arbeitsmarkt genügt: Die Pflegebranche boomt. Waren 2009 noch knapp 900.000 Beschäftigte in der stationären und ambulanten Krankenpflege tätig, waren es 2015 schon fast 1,1 Millionen. Ein Plus von 22 Prozent in 6 Jahren. Tendenz weiter steigend...

Trotzdem weist der Datenbericht Altenpflege 2018 der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege für das ganze Bundesgebiet einen starken Fachkräftemangel in der Pflege aus. Es könnten also noch viel mehr Menschen in der Pflege arbeiten. Stellen neu zu besetzen dauert in der Branche durchschnittlich ein halbes Jahr. Diese Entwicklung wirft Fragen auf. Warum gibt es nicht genügend Nachwuchs? Meiden die Menschen den Pflegeberuf? Was können Arbeitgeber und Politik tun, um hier eine Trendwende zu schaffen?

Lohnlücke in der Pflege

Mit Blick auf den Fachkräftemangel wird oft zuerst die Lohnhöhe in der Branche als Grund genannt. Und in der Tat, es gibt im Durchschnitt immer noch eine Gehaltslücke von ca. acht Prozent zwischen der Kranken- und der Altenpflege. Aber gerade hier wurde in den letzten Jahren einiges erreicht. Ein wichtiger Schritt wurde zusammen von Gesundheitsminister Hermann Gröhe und dem damaligen Pflegebeauftragten der Bundesregierung Karl-Josef Laumann erzielt: Tariferhöhungen in der Pflege müssen seit 2018 voll von den Kostenträgern finanziert werden. Auch bei privaten Anbietern kommt seither mehr Geld für die Beschäftigten an.

In diesem Herbst hat die große Koalition einen weiteren Vorstoß unternommen, um die Löhne in der Altenpflege an die in der Krankenpflege anzupassen. „Das Pflegelöhneverbesserungsgesetz schafft einen Rahmen für die Sozialpartner, einen allgemeinverbindlichen Tarifvertrag in der Altenpflege herbeizuführen“, betont Peter Weiß, der arbeitspolitische Sprecher der CDU/ CSU-Bundestagsfraktion. Jetzt komme es auf Gewerkschaften und Arbeitgeber an, diese Chance auch zu nutzen. „Ziel der Koalition ist es, die Lohnlücke zwischen Alten- und Krankenpflege zu schließen“, so Weiß weiter.

Zwischen Hilfs- und Fachkräften

Spricht man mit den Betroffenen wird deutlich, dass das Gehalt aktuell nicht die entscheidende Frage ist. Meist wird tariflich bezahlt. In privaten Unternehmen werden neue Fachkräfte zum Teil mit einem eigenen Auto oder einer Einstiegsprämie von bis zu 5.000 Euro angeworben. Hier zeigt sich deutlich, dass der Fachkräftemangel für die Arbeitnehmerschaft Vorteile mit sich bringt. „Bei uns stimmt das Tarifgefüge“ sagt Monika Scheder, die in einem Pflegeheim der Caritas in der Pfalz arbeitet und seit 1978 in der Kranken- und Altenpflege tätig ist. Bei den Hilfskräften sehe es aber anders aus, berichtet Bettina Müller*, die als Quereinsteigerin in der Altenpflege bei einem privaten Anbieter in Brandenburg arbeitet. Hier werde oft Mindestlohn gezahlt, und der reiche bei 30 Wochenstunden, etwa bei Alleinerziehenden, nicht zum Leben. „Das finde ich nicht fair, bei dieser harten Arbeit“, sagt Müller.

Pflege heißt Anpacken

Ein weiteres Argument in der Debatte ist die harte körperliche Arbeit. 78 Prozent der Beschäftigten in der Altenpflege berichtet davon, sehr häufig oder oft körperlich schwer arbeiten zu müssen. Bei allen Beschäftigten in Deutschland sind es dagegen lediglich 30 Prozent. Die Krankschreibungsdauer, wie auch die Häufigkeit von Arbeitsunfähigkeitszeiten sind in der Pflege deutlich höher als beim Durchschnitt der Beschäftigten, stellt der Gesundheitsreport 2019 der Technikerkrankenkasse fest.

Trotz dieser Zahlen und der täglichen Erfahrung beschweren sich die Berufstätigen selten über diese Umstände. Die Älteren berichten eher von den Verbesserungen durch moderne pflegerische Hilfsmittel, etwa bei den Betten oder durch Hebehilfen. Die Verbesserung der Pflegeumgebung, gerade in der häuslichen Pflege, bleibt trotzdem ein wichtiges Anliegen. Monika Bauer, Pflegedienstleiterin eines privaten ambulanten Pflegedienstes beschreibt etwa, wie schwierig es für die betroffenen Familien ist, Pflegehilfsmittel zeitnah zu erhalten, wenn aus wirtschaftlichen Aspekten seitens der Pflegekasse jedes Teil bei unterschiedlichen Anbietern bestellt werden muss. Sie wünscht sich hier eine Vereinfachung.

Zu wenig Zeit für’s Menschliche

Wenn aber weder der Lohn noch die körperliche Belastung aus der Sicht der Beschäftigten die drängendsten Probleme sind, was macht den Pflegeberuf dann unattraktiv? Das Gespräch mit den Betroffenen macht es schnell deutlich. „Wir haben so einen Zeitdruck. Die vorgesehenen Zeiten sind kaum zu schaffen“, findet Bettina Müller. „Gerade mit dementen Menschen können wir nicht einfach loslegen, die sind sonst total verunsichert“, klagt sie. „Wir sind alle eingestiegen, um bedürftigen Menschen zu helfen, das geht im Alltag oft verloren, da die Bürokratie immer mehr Zeit in Anspruch nimmt“, sagt auch Karin Burkey-Wagner, die bei der Diakonie arbeitet.

Das Ausmaß an Bürokratie wird von allen Befragten als größtes Problem angesehen. „Ich habe Pflege gelernt, nicht Sekretärin“, schimpfen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Monika Scheder, die sich auch in der Pflegekammer Rheinland-Pfalz engagiert. Gerade die umfangreiche Dokumentation, die auch mit Blick auf die nächsten Begutachtungen sorgfältig gepflegt werden muss, erhöht den Stress für die Pflegekräfte. „Es fühlt sich schon manchmal so an: Hauptsache die Akten sind rund, das ist auch alles was die Prüfer interessiert“, sagt Bettina Müller „Die Patienten werden viel zu wenig gefragt, ob alles in Ordnung ist“. Wenn sie Überstunden mache, dann wegen dem „Schreibkram“. „Der Pflegeschlüssel ist einfach zu gering bemessen“, findet Müller.

Aus Sicht der Pflegenden kommt mit dem im November gestarteten Pflege-TÜV noch mehr Arbeit auf sie zu. Allerdings ist ihnen auch klar, dass es ein paar schwarze Schafe in der Branche gibt und mehr Transparenz deshalb notwendig ist. Viele Patienten und sehr viel Verwaltung, diese Voraussetzungen schlagen sich auch in den Befragung des DGB-Indexes „Gute Arbeit“ nieder: Mehr als dreiviertel der Beschäftigten in der Altenpflege fühlen sich sehr häufig (39 Prozent) oder oft (30 Prozent) gehetzt.

Mehr Arbeit in kürzerer Zeit

Kommen dann noch Krankheitsfälle bei den Kolleginnen dazu, ist die Arbeit häufig nicht mehr leistbar. Stress entsteht und damit Fehler. Folgerichtig sagen auch 42 Prozent der Pflegenden, dass durch das hohe Arbeitspensum sehr häufig oder oft die Qualität der Pflege leidet und sie Abstriche bei der Qualität ihrer Arbeit machen müssen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendeine Pflegekraft in Deutschland nach Hause geht und sagt, heute habe ich alles so gemacht, wie ich es hätte tun wollen“, ist sich Bettina Müller aufgrund ihrer Praxiserfahrungen sicher. „Der wichtigste Ansatz, diese Umstände zu beheben, ist hier schlicht und ergreifend mehr Personal und günstigere Schlüssel, damit mehr Zeit zur Pflege und Zuwendung bleibt“, sagt Dagmar König, Verdi-Vorständin und stellvertretende CDA-Bundesvorsitzende. Die Bundesregierung hat hier ebenfalls die Initiative ergriffen und bereits 2018 den Rahmen für 13.000 zusätzliche Stellen in der Altenpflege geschaffen. Mehr Personal durch eine Steigerung der Ausbildungszahlen ist ebenfalls ein wichtiger Ansatz mehr Pflegekräfte zu bekommen und damit zumindest dort wo Personalmangel herrscht den Druck auf die Beschäftigten zu verringern.

CDA-Bundesvorsitzender Karl-Josef Laumann, Gesundheitsminister in Nordrhein-Westfalen, will das Thema Ausbildung stärker in den Blick nehmen. „Alle jungen Menschen, die den Pflegeberuf erlernen wollen, müssen eine Ausbildungsgarantie haben“, fordert Laumann. Noch immer müssten Altenpflegeschulen Bewerber ablehnen, da sie nicht ausreichend Plätze anbieten können. Laumann möchte die Kliniken in seinem Bundesland deshalb in die Pflicht nehmen, wieder mehr auszubilden. In den vergangenen Jahren hätten die Krankenhäuser speziell im Pflegebereich die Ausbildung immer stärker zurückgefahren und stattdessen ausländische Fachkräfte eingestellt.

Schichtarbeit gehört dazu

Mehr Personal ist auch für einen festen Schichtplan notwendig, ein weiteres Themengebiet, das den Pflegen¬den schwer im Magen liegt. 69 Prozent der Beschäftigten in der Altenpflege arbeiten laut DGB-Index „Gute Arbeit“ regelmäßig im Schichtbetrieb. Das hat Konsequenzen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die Arbeitsgesundheit. Denn in der Arbeit mit Menschen gibt es keinen Leerlauf. Tag und Nacht, Feiertage und das Wochenende gehören zu den normalen Arbeitszeiten. Besonders belastend wird die Situation da, wo zu wenig Personal immer wieder in die Lücken des Dienstplans springen muss und damit eine Freizeitplanung kaum möglich ist. „Wenn der Dienstplan auf Kante genäht ist und ständig Dienste hin und her fliegen, schreckt das ab“, weiß Monika Bauer.

Beruf als Berufung?

Die beschriebenen Herausforderungen gehen an den Pflegenden nicht spurlos vorüber. Bauer findet aber, trotz aller Hindernisse „es ist immer noch ein wundervoller Beruf“. Trotzdem wünscht sie sich Verbesserungen. Bettina Müller stellt dagegen ernüchtert fest: „Unter den jetzigen Umständen kann ich niemanden empfehlen Pflegekraft zu werden, der Stresspegel ist einfach zu hoch.“ Karin Burkey-Wagner fordert zur Behebung der Personalengpässe trotzig: „Eigentlich müsste da der ganze Soli rein, das muss es uns doch wert sein, in einer Gesellschaft, die immer mehr altert.“ Auch wenn sie weiß, dass dieser Wunsch wohl nicht in Erfüllung geht, zeigt er auf, was den Pflegenden wichtig ist: Endlich mehr Zeit für jeden einzelnen Patienten.

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