Wie geht es weiter mit der Rente in Deutschland? - Viele blicken bei den Antworten auf unseren Nachbarn im Süden. Denn in Österreich sind die gesetzlichen Durchschnittsrenten höher. Doch bei genauerem Hinsehen merkt man: Die Systeme sind nicht vergleichbar.

In diesen Wochen haben viele Beschäftigte beim Blick auf ihren Lohnzettel einen besonderen Grund zur Freude: Immerhin 55 Prozent der deutschen Arbeitnehmer bekommen Weihnachtsgeld. Rentner erhalten nur ihre "normale" Rente. Anders in Österreich: Da werden die Renten 14 Mal pro Jahr gezahlt. Regelungen wie diese erklären, warum die österreichische Rente in Deutschland so viel Aufmerksamkeit genießt.

Kurz vor der Bundestagswahl war das österreichische Rentensystem wieder in aller Munde. In einer Fernsehsendung beklagte sich eine Raumpflegerin über ihre geringen Rentenanwartschaften und verwies darauf, dass sie in Österreich eine deutlich höhere Rente erhielte.

Und sie lag damit gar nicht falsch: Ein Rentner bekommt tatsächlich im Durchschnitt ein paar Hundert Euro mehr im Monat - und das eben 14 mal im Jahr. Alleinstehende bekommen ihre Rente auf 890 Euro aufgestockt, sofern ihre Anwartschaften darunter liegen. Auch Selbständige sind pflichtversichert. Und das Renteneintrittsalter liegt für Männer bei 65 Jahren, für Frauen sogar nur bei 60 Jahren; allerdings wird es für sie schrittweise auf 65 Jahre steigen.

Wartezeit ist dreimal so hoch

In Vergessenheit geraten bei diesen Vergleichen manche Kehrseiten. So beträgt die Mindestwartezeit in Österreich 15 Jahre, in Deutschland nur fünf Jahre. Viele bekommen also in Österreich gar nicht erst eine Rente.

Gerade die potentiell kleinen Renten fallen damit aus der Statistik. Das erklärt einen Teil des Unterschieds bei den Durchschnittsrenten. Zudem müssen unsere südlichen Nachbarinnen und Nachbarn ihre Renten voll versteuern. In Deutschland unterliegen derzeit nur rund drei Viertel der Steuer; erst im Jahr 2040 sind Renten komplett steuerpflichtig.

Wer vorzeitig in Rente geht, muss in Österreich höhere prozentuale Abschläge in Kauf nehmen als in Deutschland. Und eine eigene Pflegeversicherung gibt es nicht.

Für ihre höheren Renten müssen die Österreicher übrigens einen höheren Beitrag zahlen: 22,8 Prozent des Lohns fließen in die "Pensionsversicherung", wie die Rentenkasse in Österreich heißt. Die Arbeitnehmer tragen davon 10,25 Prozent, die Arbeitgeber 12,55 Prozent. Auch der Staat schießt mit einem Bundeszuschuss kräftig zu.

Wenig Betriebsrenten, kaum private Vorsorge

Über eine untere Haltelinie bei den Renten verfügt indirekt übrigens auch Deutschland: mit der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung. Wie viel jemand bekommt, hängt auch von der jeweiligen Miethöhe ab. Deshalb gibt es nicht die eine Zahl, die mit der österreichischen Mindestrente vergleichbar ist.

Betriebsrenten spielen in Österreich eine untergeordnete Rolle, private Vorsorge fristet ein Schattendasein. Anders als in Deutschland: Hier haben rund 60 Prozent der Beschäftigten einen Anspruch auf betriebliche Altersversorgung. Und der Gesetzgeber hat gerade neue Zuschüsse für den Aufbau von Betriebsrenten beschlossen.

Das heißt nicht, dass nicht einige Aspekte des österreichischen Rentensystems nachahmenswert sind - zum Beispiel die automatische Aufstockung von kleinen Renten. Längst hat sich auch in Deutschland die Erkenntnis durchgesetzt, dass auch Selbständige eine Pflicht-Vorsorge brauchen, nur an der Umsetzung hapert es noch, Und natürlich hat die Idee einen gewissen Charme, vor allem die erste Säule der Alterssicherung zu stärken, anstatt mit Zulagen und Prämien für die private Vorsorge die Versicherungswirtschaft aufzupäppeln. Ein genauerer Blick aber zeigt: Das österreichische System einfach auf Deutschland zu übertragen, würde die deutschen Probleme nicht lösen.

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