COVID-19 hat nicht nur die Gesundheitssysteme und die Wirtschaft weltweit vor riesige Herausforderungen gestellt. Auch die rund acht Millionen Familien mit minderjährigen Kindern in Deutschland sind auf vielfältige Weise betroffen. Sie mussten seit Mitte März unter Druck neue Alltags- und Arbeitsmodelle einführen und ständig anpassen.


Keine Schule, dafür selbständiges Lernen am Küchentisch, Freizeitangebote auf null heruntergefahren, Homeoffice oder Kurzarbeit für viele Eltern. Die Frage der Zukunft der Bildung in einer digitalisierten Welt rückte so mit aller Macht in den Fokus und wird uns auch weiter beschäftigen.

Der Lockdown kam ohne Vorwarnung. Plötzlich findet alles zu Hause statt: Arbeit, Schule, Freizeit. Kinder jeden Alters müssen von einem Tag auf den anderen rund um die Uhr zuhause betreut, beschult, bespaßt werden. Diese Situation belastet seitdem Millionen Familien. Der Wunsch nach Öffnung der Schulen und Kindergärten wurde deshalb bei vielen Eltern immer lauter. Und langsam bewegt sich auch etwas: Seit Ende Mai findet vereinzelter Präsenzunterricht wieder statt. Von Normalität kann dabei aber keine Rede sein.

Regelbetrieb trotz Pandemie?
Einige Bundesländer haben zwar bereits angekündigt, im neuen Schuljahr zum Regelbetrieb zurückkehren zu wollen, wie das trotz Pandemie gelingen soll, bleibt jedoch unklar. Die Vorstellungen für die Wiederöffnung der Schulen gehen weit auseinander. Während die Kultusministerkonferenz eine Schulöffnung ohne Masken und Abstandsregeln in Aussicht gestellt hat, sind Gewerkschaften und Lehrerverbände skeptisch. Sie fordern schlüssige Arbeitsschutzkonzepte für die Beschäftigten im Bildungssystem und konkrete Pläne, falls das Infektionsgeschehen erneute Schulschließungen nötig macht. Wie fragil die Situation ist, hat sich bereits im Frühsommer gezeigt. Wegen lokaler Infektionsausbrüche mussten bereits nach wenigen Wochen vielerorts Schulen temporär wieder geschlossen werden. Eine Lösung könnte im sächsischen Modell liegen. Das Bundesland erprobt bereits den Unterricht in epidemiologischen Gruppen, heißt: Eine strikte Trennung von Klassenverbänden, damit bei einem Infektionsfall in einer Klasse nicht die ganze Schule schließen muss. Für den sächsischen Bundestagsabgeordneten und stellvertretenden CDA-Bundesvorsitzenden Alexander Krauß war das der richtige Weg. „Bildung ist ein wichtiges Grundrecht. Sachsen hat als eines der ersten Bundesländer die Schulen wieder geöffnet. Das war ein mutiger Schritt, rückblickend aber richtig“, betont er.

Chance für Digitalisierungsschub
In den Schulschließungen liegt aber auch die Chance, endlich beim Thema digitales Lernen voranzukommen. Corona hat das Bildungssystem einem Digitalisierungsstresstest unterzogen und die Schwachstellen schonungslos offengelegt. Das Ergebnis, in den allermeisten Schulen hapert es: An der Lernplattform, an der Digitalkompetenz der Lehrer, an den Endgeräten für die Schüler, oder an allem zusammen. Die Folge ist Ungleichheit. Während die Einen echten digitalen Unterricht erleben, per Videokonferenz und integrierten Lernmethoden via App, müssen die Anderen einmal in der Woche in die Schule fahren, um sich Arbeitsblätter zu kopieren. Der Handlungsdruck ist enorm. Verana Pausder, Gründerin des Vereins „Digitale Bildung für Alle“, will ihn nutzen, um endlich digitale Lernkonzepte dauerhaft zu etablieren. Dafür fordert sie, die Mittel des Digitalpaktes vor allem in Hardware wie Endgeräte und WLAN an den Schulen zu investieren, aber auch genügend Geld, um alle Kinder mit Endgeräten zu versorgen.

Ausreichend Hard- und Software ist Voraussetzung
Ohne Tablet, Laptop und Drucker funktioniert zuhause gar nichts. Das weiß auch Frank Rock, schul- und bildungspolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion Nordrhein-Westfalen. „Mehr Chancenungleichheit im Bildungssystem ist eine konkrete Gefahr durch die Pandemie. Mir ist ganz wichtig, dass Schülerinnen und Schülern, die aus finanziellen Gründen keine eigenen Geräte besitzen, eine einfache Ausleihe ermöglicht wird. Ihnen dürfen keine Nachteile entstehen“, führt er aus. Er lobt deshalb den Vorstoß der Bundesregierung und der Länder, die zusammen ein 500 Millionen Euro Zusatzpaket zum Digitalpakt Schule beschlossen haben.

Lehrkräfte müssen die nötigen Weiterbildungen erhalten, um für die digitale Herausforderungen gerüstet zu sein.

Die Mittel sollen dabei nicht nur für digitale Lernplattformen und die Fortbildung der Lehrer eingesetzt werden, sondern auch den Kauf von Endgeräten für sozial benachteiligte Schüler ermöglichen. Frank Rock freut sich über den Rückenwind für Investitionen in Bildung. „Wir haben viel auf den Weg gebracht in den letzten Jahren: Den Digitalpakt, das Landesprogramm Gute Schule und neue Lernplattformen, jetzt müssen die Rädchen ineinandergreifen.“

Auf die Lehrer kommt es an
Die Erfahrungen mit dem Heim-Unterricht zeigen, dass es auf die Wissensvermittler ankommt. Alexander Krauß fordert deshalb: „Lehrkräfte müssen die nötigen Weiterbildungen erhalten, um für die digitale Herausforderungen gerüstet zu sein. Egal ob beim Homeschooling oder beim digitalen Präsenzunterricht.“ Das sieht auch Verana Pausder so. Digitale Weiterbildungsangebote für Lehrkräfte sollten ihrer Meinung nach schnell und unkompliziert offizieller Teil der Lehrerfortbildung werden. Wenn es nach ihr ginge, sofort, damit die Lehrerinnen und Lehrer die Sommerferien nutzen können. Besonders wichtig ist dies, wenn man bedenkt, dass über zwölf Prozent der Lehrer älter als 60 Jahre sind. Sie zählen also grundsätzlich zur Risikogruppe. Hinzukommen Pädagogen mit Vorerkrankungen. Mit bis zu 20 Prozent weniger Lehrpersonal erscheint ein klassischer Schulbetrieb schwierig, eine Mischform aus Präsenz- und Heimunterricht schon eher realistisch.

Vielleicht ist Corona auch der Durchbruch für Bildungsvisionäre, wie den Münchner Gymnasiallehrer Robert Plötz. Er träumt von einer offenen Bildungsplattform, auf der Lerninhalte digital und verständlich aufbereitet nicht nur für deutsche oder europäische Schüler, sondern weltweit frei zur Verfügung gestellt werden. Anfangen sollten die Kultusminister seiner Meinung nach aber mit staatlich finanzierten Expertenteams, die professionelle Lernvideos für alle Lehrer zur Verfügung stellen. Durch diese Unterstützung würde nicht nur die Qualität des Onlineunterrichts steigen, sondern die Pädagogen hätten auch mehr Zeit für die Interaktion mit den Schülern. Das wäre in der Tat eine Aufgabe für die Sommerferien, die auch die Eltern mit mehr Zuversicht aufs nächste Schuljahr schauen lassen würde.

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