Bei der Bundestagswahl hat die CDU insgesamt 3,3 Millionen Stimmen verloren. Davon 2,5 Millionen an SPD und Grüne, 80.000 konnte sie von der AfD zurückgewinnen. Welche Themen muss die CDU Ihrer Meinung nach künftig besetzen, um wieder stärkste Kraft zu werden?

Helge Braun: Für die CDU muss immer die hart arbeitende Bevölkerung mit kleinen und mittleren Einkommen mit ihren Alltagssorgen im Mittelpunkt der Politik stehen. Sie sind die Leistungsträger unserer Gesellschaft. Für Ihre Bedürfnisse nach Sicherheit ihres zukünftigen Wohlstandes muss die CDU die beste Antwort haben. Und ihre Aufstiegschancen sowie die Vereinbarkeit von Familie oder Pflege und Beruf sind für mich Herzensanliegen, die wir als bodenständige CDU mit klaren Konzepten und mit Zuneigung aufgreifen müssen. Die CDU ist ihr zu Hause. Das haben wir aber nicht glaubwürdig vertreten können und da müssen wir unsere Argumente schärfen.

Für uns sind eine starke Sozialpartnerschaft und flächendeckende Tarifverträge die tragende Säule der Sozialen Marktwirtschaft. Auch die CDU bezieht sich seit Jahren auf die Tarifpartner, wenn es um die Gestaltung der Arbeitsbedingungen und die Aushandlung von Löhnen geht. Gleichzeitig haben wir stillschweigend zugesehen, wie die Tarifbindung immer weiter zurückgeht. Welche Rolle sollen ihrer Meinung nach Sozialpartnerschaft und Tarifverträge in der künftigen Programmatik der CDU spielen?

Helge Braun: Tarifbindung und Sozialpartnerschaft sind zwei Seiten derselben Medaille. Nur die CDU kann es als Volkspartei leisten gesamtgesellschaftliche Lösungen für Gerechtigkeit- und Wettbewerbsfähigkeitsfragen zu finden. Wie damals mit unserem Konzept für eine Lohnuntergrenze, aus der die deutsche Mindestlohnregelung geworden ist, die weil sie auf der Sozialpartnerschaft basiert, eben keine Arbeitsplätze gekostet hat.

Die Frage nach der Generationengerechtigkeit stellt sich auch mit Blick auf die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Gerade hier leiden junge Menschen unter unsicheren Beschäftigungsverhältnissen. Befristungen, viele Überstunden bei gleichzeitig geringer Bezahlung sind für viele die Regel. Wie möchten Sie den Missbrauch von Werkverträgen und befristeten Arbeitsverträgen verhindern?

Helge Braun: Die Maßnahmen gegen die „Generation Praktikum“ mit einschränkenden Rahmenbedingungen insbesondere für Absolventenpraktika war ein wichtiger Schritt. Als nächstes muss noch energischer gegen sachgrundlose Kettenbefristungen vorgegangen werden.

Die Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme leidet unter dem demographischen Wandel. Gleichzeitig ist ihr Versprechen eine verlässliche Absicherung. Wie kann Ihrer Meinung nach ein Gleichgewicht zwischen Finanzierung und Leistungen gelingen?

Helge Braun: Unsere sozialen Sicherungssystem müssen schnell zukunftssicher gemacht werden. Kranken- und Rentenversicherung müssen den Beitragszahlern gute Leistungen bieten können. Als Arzt weiß ich, die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit erreichen wir vielfach schon heute, zum Beispiel, wenn die Wartezeiten für einen Facharzttermin unzumutbar werden.

Auch deshalb werden wir in den kommenden Jahren Fachkräfteeinwanderung benötigen, gerade auch in Pflegeberufen. Fachkräfte, die sich in unserer Gesellschaft in vielen Bereichen der Wirtschaft für alle gewinnbringend einbringen und deshalb auch erfolgreich integrieren werden. Der Belastung mit immer neuen versicherungsfremden Leistungen und einer Einwanderung in unsere Sozialsysteme müssen wir uns entgegenstellen. Im Gegenteil, wir brauchen noch mehr als bisher eine aktivierende Arbeitsvermittlung, denn Arbeit stiftet Sinn, schafft Gemeinschaft, macht stolz und ermöglicht Aufstieg.

Bezahlbarer Wohnraum ist die soziale Frage der Gegenwart. Ob man sich noch Eigentum leisten kann, hängt heute kaum noch vom Einkommen ab, sondern vom elterlichen Hintergrund. Ohne Erbe oder Schenkung können sich junge Familien heute kaum noch Eigentum leisten. Gleichzeitig führen die galoppierenden Mieten in den Städten dazu, dass gerade Menschen mit kleineren Einkommen - Bäcker, Krankenschwestern, Polizisten - und Familien mit mehreren Kindern an den Rand gedrängt werden. Wir möchten wissen: Wie schätzen Sie diese soziale Frage auf dem Wohnungsmarkt ein und welche Antworten können Sie sich vorstellen?

Helge Braun: Eine sich beschleunigende Inflation ist eine realer werdende Gefahr und bedroht den Wert der Ersparnisse und der Altersvorsorge. Die absehbar ausgabenorientierte Politik der Ampelkoalition wird dieses Problem verstärken. Die gestiegenen Vermögenspreise erschweren den Kauf von Wohneigentum für junge Familien und führen zu steigenden Mieten. Das ist nicht zu leugnen und beunruhigt mich sehr. Nur mit Solidität bei den staatlichen Finanzen in Deutschland und Europa werden wir zu Geldwertstabilität zurückkehren können.

Wir müssen jungen Familien, gerade in Berufen, die unsere Gesellschaft am Laufen halten aber auch direkt unterstützen. Ich war ein großer Freund der Idee, den Erwerb einer selbstgenutzten Immobilie von der Grunderwerbssteuer freizustellen. Unser Baukindergeld war ein Riesenerfolg. Aber grundsätzlich muss es in Deutschland möglich sein, mit harter Arbeit und Sparsamkeit sich ein Stück Wohlstand und Unabhängigkeit in Form von Wohneigentum zu sichern.

Volkspartei lebt von Meinungsvielfalt, Debatte und Kompromissen. Wie wollen von Ihnen wissen: Wie gehen Sie damit um, wenn jemand anderer Meinungen ist als Sie? Und wie planen Sie die Vereinigungen mit der ganzen Vielfalt, die sie mitbringen, - aber ganz besonders die CDA - inhaltlich einzubinden und öffentlich sichtbar zu machen?

Helge Braun: Der gesunde Menschenverstand, der Geist der Aufklärung und das christliche Menschenbild leiten uns bei den Antworten, die wir als CDU auf diese und andere Herausforderungen unserer Zeit finden. Wir bilden als Volkspartei ein weites Spektrum von Strömungen und Interessen ab und finden damit gemeinsame Positionen. Nur wir können so Ökonomie und Ökologie, Sicherheit und Freiheit, Tradition und Digitalisierung in Einklang bringen, damit daraus neue Chancen erwachsen können. Dafür brauchen wir die Vereinigungen und einen Führungsstil, der integrativ und moderierend ist. Denn wenn wir nach 16 Jahren in der Regierung oft unsere Position im Kompromiss nicht mehr erkennen und erklären konnten, ist auch die Opposition eine Chance für uns als Partei. Ich möchte unserer Partei ihre Stärke wiedergeben, ihr dienen und sie zusammenführen. Wie ich es in meinen fast 18 Jahren als Vorsitzender eines Kreisverbandes bereits getan habe. Denn auch wenn man nicht einer Meinung ist, ist es die Aufgabe unserer Partei und ihrer Führung eine klare gemeinsame Position zu finden, die man auch gemeinsam vertreten kann. Unsere verschiedenen Vereinigungen und Wurzeln können neben einem teamfähigen Vorsitzenden auch selber strahlen.

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