Im Jahr 1890 – vor 125 Jahren – wurde der „Volksverein für das katholische Deutschland“ gegründet. Egbert Biermann, Gewerkschaftssekretär und Mitglied des CDA-Bundesvorstands, erinnert in der Sozialen Ordnung daran.

Sicher, die eine oder andere „Gedenkveranstaltung“ zu Ehren der Einrichtung fand statt. Doch wer in Politik und Gesellschaft ist noch wirklich berührt vom Wirken des „Massenvereins“ der katholischen Sozialbewegung, der kirchliche Vereine und Christliche Gewerkschaften unterstützte sowie Bildungsangebote gestaltete, Schriften mit praktischen Hilfen oder zur geistigen Orientierung verbreitete, mit Rat seinen Mitgliedern zur Seite stand und wissenschaftliche Arbeiten förderte sowie eine umfangreiche wissenschaftliche Bibliothek pflegte?

Ein einheitliches Umfeld

Nun war die Lage für den Volksverein auch eine völlig andere als die heutige für die Christlich-Sozialen. Katholische Vereine, Christliche Gewerkschaften und die Partei „Zentrum“ bildeten für die sozial im umfassendsten Sinne denkenden Führungskräfte und Mitglieder ein weitgehend einheitliches soziales sowie katholisches Umfeld für gemeinsames Nachdenken, die Entwicklung politischer Konzepte sowie für gemeinschaftliche Aktionen. Auch der ideologische Kampf zum Beispiel zwischen Katholizismus und Kommunismus wurde anders als heute ausgetragen. Denn damals gab es weniger gesellschaftliche, konfessionelle oder parteipolitische Grenzen überschreitende
Organisationen.

Beachtlich war die Breitenwirkung des Volksvereins, denn immerhin hatte er in der Spitze – die 1914 erreicht war – 800.000 Mitglieder. Damals waren davon fünf Prozent Frauen. Die Mitgliederzahl wurde bis 1933 nicht wieder erreicht. Im Jahr der nationalsozialistischen Machtergreifung wurden am 1. Juli 1933 die Gebäude des Volksvereins besetzt und die Führung verhaftet. Nach der Zerschlagung durch die Nationalsozialisten wirkten die Führungskräfte im Widerstand, zogen sich ins Privatleben zurück oder gingen ins Ausland.

Die CDA ist heute die Speerspitze

Nach dem 2. Weltkrieg lebte diese Institution nicht wieder auf. Volkspartei und Einheitsgewerkschaft trugen sicherlich mit dazu bei, dass ein neuer Weg eingeschlagen wurde, der aus heutiger Sicht mit dazu beigetragen hat, dass heute die Verbindungen zwischen Christlich-Sozialen in Parteien, Gewerkschaften und kirchlichen Verbänden teilweise nicht so intensiv sind wie in der Zeit des Volksvereins.

Die CDA war und ist die Speerspitze der Christlich-Sozialen in der Parteienlandschaft. Dennoch haben sich manche Ansätze der verschiedenen Organisationen auseinanderentwickelt. Sicherlich auch, weil sich eine zusammenführende Institution bis heute nicht mehr herausgebildet hat. Aber eine solche Einrichtung fehlt.

Eine neue Einrichtung?

Dies ist heute stärker spürbar als in den ersten fünfzig Jahren der Bundesrepublik. Sicherlich wird es keinen „Massenverein“ mehr geben. Doch eine christlich- soziale Einrichtung, die Vision und Gesetzgebung sowie Ideenschmiede (neudeutsch „think tank“) und Bildung für jedermann zusammenführt, wäre wünschenswert. Wer nur Vision kann, der schafft keine reale Verbesserung der Welt. Doch wer nur das Machbare im Auge hat, wird die Zukunft auch nicht gewinnen können. Vorfahrt für christlich-sozial – daran müssen alle der christlich-sozialen Bewegung Zugehörigen arbeiten, damit beim 150. Jubiläum des Volksvereins noch Menschen gegenwärtig sind, die dieses Fest begehen.

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