Vom Pflegeroboter bis zur „vorausschauenden Maschinenwartung“: Künstliche Intelligenz ist in aller Munde. Die Bundesregierung bereitet eine Strategie zum Thema vor. Eine Enquete-Kommission des Bundestages soll Lösungen für ethische Probleme finden – und eine Antwort auf die Frage geben, was KI für die Arbeitswelt bedeutet.

Ende April in Hannover: An einer Tischtennisplatte schlägt ein Mann einen Ball ins gegnerische Feld – und ihm gegenüber haut kein Spieler den Ball zurück, sondern ein Konstrukt aus einem Kopf, das einem Ufo gleicht, mit mehreren Metallbeinen. Die Maschine trifft fast jeden Ball, den der Mann auf der anderen Seite der Platte in ihr Feld schlägt. Mensch gegen Roboter: Das war nicht bei einem Sportwettbewerb, sondern auf der Hannover-Messe, der größten Industriemesse der Welt, wo der Technologiehersteller Omron den Tischtennis-Roboter präsentierte.

Wie funktioniert dieses Ping-Pong? Mehrere Kameras filmen den Ball – und der Roboter berechnet, wo der Ball landen wird, so dass er weiß, wie er seinen Schläger ausrichten muss. Möglich ist das dank Künstlicher Intelligenz. Zwei Wochen später in Berlin: In der Amerika-Gedenkbibliothek begrüßt der etwa 120 Zentimeter große Robbie den Besucher. Robbie trägt ein Tablet auf dem Bauch – und er kann tanzen, musizieren, Menschen zu Gymnastik anregen. Robbie ist ein „sozial-interaktiver“ Pflegeroboter vom Typ „Pepper“.

Und mit seinen Augen und Armen ist er einem Menschen deutlich ähnlicher als der Tischtennisroboter. Wissenschaftler aus Kiel und Siegen stellen ihn in unterschiedlichen Städten vor. Ihre Tournee ist Teil des vom Bundesforschungs-ministerium angestoßenen Wissenschaftsjahres 2018 „Arbeitswelten der Zukunft“. Auch Pepper macht sich Künstliche Intelligenz zunutze.

Am Berliner Südkreuz sind es nicht moderne Roboter, die mit künstlicher Intelligenz arbeiten, sondern Kameras. Denn der frühere Bundesinnenminister Thomas de Maizière startete dort seinen Versuch für automatische Gesichtserkennung. Ziel: Gefährder sollen frühzeitig entdeckt und dingfest gemacht werden.

Maschinelles Lernen nutzt Big Data

Ob auf der Hannover-Messe oder im Berliner Bahnhof: Künstliche Intelligenz ist allgegenwärtig. Man könnte die Liste beliebig erweitern. KI steckt sogar in jedem Smartphones mit Spracherkennung. Das Thema ist in aller Munde – und dabei handelt es sich um mehr als einen kurzfristigen Hype. Doch was bedeutet „Künstliche Intelligenz“ überhaupt? Die Bundesregierung beantwortete diese Frage Anfang Mai auf Antrag der Grünen. Bei der Künstlichen Intelligenz gehe es darum, „technische Systeme so zu konzipieren, dass sie Probleme eigenständig bearbeiten und sich dabei selbst auf veränderte Rahmenbedingungen einstellen können“.

Maschinen, die auf KI basieren, werden also nicht mehr klassisch für jeden einzelnen Schritt programmiert. Sondern sie bringen sich selbst bei, was sie zu tun haben. Maschinelles Lernen ist denn auch die dynamischste Teildisziplin der Künstlichen Intelligenz. Dabei untersucht die Maschine viele vorhandene Daten, erkennt darin Muster – und wendet das, was sie dabei lernt, auf neue Situationen an. „Big Data“, also riesige Datenmengen, und verbesserte Rechnerleistungen machen das möglich. Die Einsatzbereiche sind vielfältig: „Predictive Maintenance“ „Vorausschauende Wartung“ der Maschinen, war ein Top-Thema auf der diesjährigen Hannover-Messe. Klingt etwas sperrig, hat für die Industrie aber eine große Bedeutung. Demnach wird eine Maschine nicht erst dann repariert, wenn sie kaputt ist. Sie wird auch nicht einfach in regelmäßigen Abstände gewartet. Stattdessen werden laufend Daten ausgewertet auch solche, die mit Sensoren erfasst werden ,so dass die Maschine voraussagen kann, wann einzelne Teile ihren Geist aufgeben. So kann die Maschine rechtzeitig Instand gesetzt werden. Lange Ausfallzeiten werden vermieden, Kosten gespart.

KI ermöglicht bessere Krebserkennung
Im Gesundheitswesen verspricht man sich von der künstlichen Intelligenz bessere Diagnose- und Therapiemöglichkeiten, zum Beispiel bei der Krebserkennung und –behandlung. Die Physikalisch-Technische Bundesanstalt beschäftigt sich laut Aussage der Bundesregierung schon seit Jahren mit maschinellem Lernen. Ein Anwendungsgebiet: die Klassifikation von Mammographie-Daten. Beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wird KI beim Auslesen von Schriftstücken erprobt. Auch autonomes Fahren – also Autofahren, ohne dass ein Mensch am Lenkrad sitzt – nutzt KI.

Dabei ist KI nichts Neues. Der Begriff – im Englischen „Artificial Intelligence“(AI) – ist sogar schon über 60 Jahre alt. 1956 trafen sich Wissenschaftler in Dartmouth in Hanover (New Hampshire, USA) zu einer Konferenz unter der Überschrift „Dartmouth Summer Research Project on Artificial Intelligence“.Damit fiel der Startschuss für diese Disziplin der Wissenschaft.

Auch deutsche Experten arbeiten schon lange auf dem Feld. Bereits vor 30 Jahren wurde das „Deutsche Zentrum für Künstliche Intelligenz“ ins Leben gerufen. Es ist das größte derartige Institut auf der Welt. Trotzdem gibt es die Befürchtung, dass Deutschland und Europa beim Top-Thema KI nicht mithalten können. Ende April wandten sich europäische Wissenschaftler mit einem Brand-Brief an die Öffentlichkeit. Sie fordern ein „European Lab for Learning and Intelligence Systems“. Ihr Argument: China und die Vereinigten Staaten investierten viel Geld in die KI; Konzerne wie Google lockten Forscher mit tollen Angeboten zu sich. Das von ihnen angeregte „Lab“ solle exzellente Forschung und zugleich die Anwendung von KI ermöglichen.

Auch die Koalition hat sich das Thema „Künstliche Intelligenz“ auf ihre Fahnen geschrieben. Sie will bald eine Strategie zum Thema vorlegen und plant ein gemeinsames Institut mit Frankreich, Die neue Forschungsministerin Anja Karliczek reiste zwei Wochen nach ihrer Amtseinführung nach Paris, als dort die französische KI-Strategie vorgestellt wurde.

Enquete-Kommission im Bundestag

Und die Bundestagsfraktionen von Union und SPD haben sich auf die Einsetzung einer Enquete-Kommission zur KI verständigt. Nach der Sommerpause soll die Arbeit starten: Dann werden sich Abgeordnete und Experten gemeinsam mit grundsätzlichen Fragen rund um die Künstliche Intelligenz befassen – etwa mit ethischen Problemen: Wie ist es zu bewerten, wenn Maschinen menschenähnliche Entscheidungen treffen? Auch das Thema Arbeit soll neine Rolle spielen. „Wie wird sich die Arbeitswelt durch Künstliche Intelligenz verändern und welche Auswirkungen hat der technologische Wandel auf die Rolle der Sozialen Marktwirtschaft, Tarifbindung und Mitbestimmung?“ Das ist eine der Fragen, auf die die Kommission nach dem Willen der Fraktionsvorstände Antworten finden sollen.

Auch mit der Weiterentwicklung der KI bleibt der Grundsatz bestehen: Der Mensch ist wichtiger als die Sache. Politik und Öffentlichkeit müssen deshalb in einer breiten gesellschaftlichen Diskussion die ethischen Grenzen der Digitalisierung definieren. Welche Aufgaben sollen Maschinen und Programme bewusst nicht übernehmen? Was ist möglich, aber nicht gewollt? Hier steckt die breite Debatte noch in den Kinderschuhen.

Befürchtungen, dass die Maschinen den Menschen die Arbeit wegnehmen, tritt die Bundesregierung übrigens entgegen. In ihrer Antwort auf die Kleine Anfrage der Grünen verweist sie auf eine Arbeitsmarktprognose, nach der Beschäftigungsgewinn durch die Digitalisierung einschließlich KI eine Viertelmillion beträgt. Allerdings werden die neuen Jobs andere sein als die alten. Viele Beschäftigte müssen umsatteln, Neues lernen, sich qualifizieren. Und da ist dann auch die Politik gefragt – nicht zuletzt die CDA.

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