Gehaltsexzesse bei wenigen Spitzenverdienern – und die breite Masse hat immer weniger im Portemonnaie: So empfinden es viele Menschen. Doch geht die Schere zwischen Arm und Reich tatsächlich auseinander? Gibt es mehr Ungleichheit in unserem Land? Und welche politischen Schlüsse lassen sich aus den Ergebnissen ziehen? Die SO!-Redaktion hat sich auf die Suche nach Antworten gemacht.

Ruth Krüger* weiß, wie es sich anfühlt, arm zu sein. „Du überlegst, ob du dir eine Cola leisten kannst. Du kaufst bei KIK. Und wenn die Freunde ausgehen wollen, sagst du: Ich bin zu müde.“ Ruth Krüger lebt in einer Großstadt in Nordrhein-Westfalen. Die frühere Busfahrerin ist Mitte 50 und steckt mitten in einem Insolvenzverfahren. Damit ist sie nicht allein. „Überschuldung kann alle treffen“, sagt Elke Schumacher von der Schuldnerberatung des Deutschen Famlienverbandes in Berlin-Steglitz: Alleinerziehende, Unternehmer, alte Menschen. Sie hat gerade die Privatinsolvenz einer über achtzigjährigen Rentnerin begleitet. Dabei hat Elke Schumacher ihr eingebläut, zuerst die Miete zu zahlen. „Sonst stünde die alte Dame auf der Straße“, sagt die Beraterin.

Villen in Potsdam

Wer in der Berliner Vorstadt in Potsdam ein Haus sein eigen nennt, hat solche Sorgen nicht. Villa reiht sich an Villa – mit großen Auffahrten, hohen Giebeln und parkähnlichen Gärten. In den Kopfsteinpflaster-Straßen rund um das Schloss Cecilienhof parken Audis, BMW, Mercedes. Hier irgendwo wohnt TV-Star Günther Jauch. Verlegerin Friede Springer lebt nicht weit davon entfernt. SAP-Gründer Hasso Plattner hat in der Nähe gekauft. Und auch Modeschöpfer Wolfgang Joop besitzt Immobilien in Potsdam. Die Beispiele zeigen: In Deutschland leben arme Menschen und einige Reiche – vor allem aber gibt es ganz viele, die sich zwischen den Extremen bewegen.

Einkommens- und Vermögensverteilung: Zwei Paar Schuhe

Welche Zahlen geben aber sichere Auskunft über arm und reich in Deutschland? Die wichtigsten sind die Einkommens- und Vermögensverteilung. Ein Blick auf diese Zahlen bringt ganz unterschiedliche Ergebnisse hervor. Schaut man sich die Einkommen an – also das, was die Menschen in jedem Monat an Löhnen, Zinsen oder Dividenden bekommen – ergibt sich ein anderes Bild als beim Blick auf die Vermögen: also etwa Häuser, Fabriken, Geld auf Sparkonten.

So hat sich die Einkommensverteilung in den vergangenen Jahren stabilisiert. Allerdings war die Schere zwischen hohen und niedrigen Einkommen zwischen 2000 und 2005 deutlich auseinandergegangen. Im internationalen Vergleich weist Deutschland eine gemäßigte Ungleichverteilung bei den Einkommen auf – in vielen anderen Ländern sind die Einkommen also ungleicher verteilt.

Die meisten Menschen haben mehr Geld in der Tasche als noch vor einigen Jahren. Das verfügbare Haushaltseinkommen hat sich im Durchschnitt von 1991 bis 2015 um 15 Prozent erhöht. Am oberen Ende fiel das Plus besonders üppig aus: Das verfügbare Einkommen der zehn Prozent der Haushalte mit dem höchsten Einkommen wuchs um satte 30 Prozent. Beispielsweise stiegen die Bezüge der DAX-Vorstände allein im vergangenen Jahr um rund sieben Prozent, berichtete die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ in diesem März.

Arm trotz Arbeit

Aber nicht alle können mehr kaufen als vor eineinhalb Jahrzehnten. Die untersten 10 Prozent der Haushalte mussten deutliche Verluste hinnehmen, konnten sich 2015 also weniger leisten als 15 Jahre zuvor. Dazu gehören auch Menschen in schlecht bezahlten Jobs. Immerhin wirkt der Mindestlohn, der vor gut drei Jahren – auch aufgrund des jahrelangen Engagements der CDA – in Kraft trat: So sind die Stundenlöhne der zehn Prozent der Beschäftigten mit den niedrigsten Entgelten zwischen 2014 und 2016 um 15 Prozent gestiegen.

Eine Begrenzung von Spitzengehältern steht indes noch aus – und damit schließt sich die Schere zwischen hohen und niedrigen Einkommen nicht wirklich. Der französische Ökonom Thomas Piketty sorgte vor ein paar Jahren mit seinem Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ für Furore. Eine seiner Thesen: Wachsende Ungleichheit sei (auch) auf eine „beispiellose Zunahme von sehr hohen Arbeitseinkommen“ zurückzuführen. Und er beobachtete eine „Abkopplung der Vergütung von Führungskräften in Großunternehmen von den übrigen Einkommen“. Blickt man in Zeitreihen zur Einkommensverteilung, so muss man wissen: Die Menschen in den jeweiligen Gruppen der Statistik sind heute andere als die im Jahre 1991. Viele haben den Aufstieg in bessere Einkommensschichten geschafft. Gerade in den unteren Einkommensschichten sind hingegen viele neue „Geringverdiener“ hinzugekommen. Diese Gruppe besteht zunehmend aus Migranten mit geringem Bildungsabschluss und Sprachbarrieren. Die Flüchtlingswelle der letzten Jahre wird die Effekte noch verstärken. Die Zahlen zeigen also: Nicht für alle sind boomende Wirtschaft und niedrige Arbeitslosigkeit damit verbunden, dass sie mehr Geld im Portemonnaie haben.

Auch für Schuldnerberaterin Schumacher ist die Arbeit während des lang anhaltenden Aufschwungs nicht weniger geworden. Die Ursachen sind unterschiedlich. Viele arme Menschen sind arbeitslos. Ruth Krüger etwa hatte über Jahrzehnte hinweg einen Job, kam gut über die Runden – bis sie krank wurde. Erst Gebärmutterhalskrebs, dann ein Bandscheibenvorfall, schließlich der psychische Zusammenbruch. Sie konnte nicht mehr arbeiten, landete nach kurzer Zeit in „Hartz IV“. Auch Alleinerziehende haben es oft schwer, sich über Wasser zu halten – über 40 Prozent der Alleinerziehenden-Haushalte sind armutsgefährdet. Trotz besserer Kinderbetreuung ist es noch immer schwer, Arbeit und Familie miteinander zu verbinden, und vielfach zahlt der Ex-Partner den Unterhalt nicht.

Tarifbindung wirkt

Wer Arbeit hat, ist deutlich seltener von Armut gefährdet als Erwerbslose. 52 Prozent der Erwerbslosen in den alten Ländern waren 2016 armutsgefährdet, aber nur 15 Prozent aller Menschen. Und es gilt auch: Je besser die Arbeit abgesichert ist, desto besser das Einkommen. Die Hans-Böckler-Stiftung veröffentlicht regelmäßig einen Lohnspiegel. Und der zeigt klar: Beschäftigte, für die ein Tarifvertrag gilt, verdienen deutlich besser als ihre Kolleginnen und Kollegen ohne Tarifvertrag. Für Berufskraftfahrer beträgt der Unterschied 17 Prozent, für KFZ-Mechaniker 23 Prozent und für Industriekaufleute sogar 26 Prozent. Daran wird deutlich: Der Zusammenschluss von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern trägt zum Ausgleich zwischen Kapital und Arbeit bei. Genau dieser Zusammenschluss ist seit der ersten Sozialenzyklia „Rerum novarum“ die Antwort der christlichen Soziallehre auf die Soziale Frage. Umso bedenklicher ist, dass die Tarifbindung zurückgeht: Nur noch knapp jeder zweite Beschäftigte in Westdeutschland und jeder dritte Beschäftigte in den neuen Ländern fällt unter einen Flächentarifvertrag, 1996 waren es noch 70 Prozent im Westen und 56 Prozent im Osten. Auch das ist ein Grund dafür, dass sich die Schere in der Einkommensverteilung trotz boomender Wirtschaft nicht schließt.

Immerhin: Der Sozialstaat trägt deutlich zu einer gleichmäßigeren Einkommensverteilung bei. Berücksichtigt man nur das, was die Menschen durch Arbeit, Zinsen und Dividenden selbst verdienen, beträgt die Armutsrisikoquote 23,4 Prozent. Bezieht man aber Sozialleistungen mit ein, so sinkt der Wert auf gut 15 Prozent. Besonders häufig von Armut betroffen sind Menschen mit Migrationshintergrund. Die wachsende Zahl von Geflüchteten hat zudem zu einer insgesamt höheren Armutsrisikoquote geführt.

Selbständige bilden hohe Vermögen

Einkommen und Vermögen gehören zusammen. Wer viel verdient und viel zur Seite legt, bildet Vermögen. Doch sehr reich wird man allein durch Fleiß und Sparen meist nicht. Da müssen schon eine pfiffige Geschäftsidee, Risikobereitschaft und eine Portion Glück hinzukommen – oder ein reiches Elternhaus. Gute Ideen und Unternehmergeist haben in Deutschland oft über Generationen erfolgreiche und sehr werthaltige Familienunternehmen etabliert. Aber auch durch wachsenden Grund- und Immobilienbesitz entstehen große Vermögen, die weitervererbt werden – und ungleich verteilt sind. Eine Untersuchung des Magazins BILANZ aus dem August diesen Jahres listet für Deutschland 228 Vermögen in Milliardenhöhe auf. An der Spitze der Aufzählung steht der Unternehmer Dieter Schwarz (Lidl und Kaufland) mit 39,5 Milliarden.

Den reichsten zehn Prozent der Haushalte gehören 60 Prozent des Nettovermögens: Haus und Grund, Geld, Aktien, Fabriken. Und das ist eine vorsichtige Schätzung. Verlässliche Zahlen fehlen. Selbst die Bundesregierung schreibt in ihrem 5. Armuts- und Reichtumbericht aus dem April 2017, dass die einschlägigen Daten die Vermögenskonzentration unterschätzten. Nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin dürfte das reichste 1000stel der Bevölkerung allein rund 15 Prozent und das reichste Prozent der Menschen 30 Prozent ihr Eigen nennen. Durch die Finanzkrise hat sich die Vermögensverteilung nicht spürbar verändert. Die Mittelschicht ist gut durch die Turbulenzen der Jahre 2008 und 2009 gekommen. Den Menschen im unteren Viertel der Bevölkerung gehört dagegen nichts oder sie sind verschuldet – so wie Ruth Krüger, die froh ist, wenn sie ihre Schulden abstottern kann. Dagmar König, CDA-Vize und Mitglied im Verdi-Bundesvorstand, hält es für einen Skandal, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich nach dem lang anhaltenden Aufschwung nicht schließt. Für sie stecken dahinter nicht nur Zahlen und Statistiken. „Die Entwicklung führt dazu, dass viele Menschen sich abgehängt fühlen“, sagt sie.

Haus und Grund sind entscheidend

Im Osten verfügen die Haushalte über wesentlich geringere Durchschnittsvermögen als in den alten Bundesländern. Das liegt auch daran, dass in den neuen Bundesländern weniger Menschen in den eigenen vier Wänden leben. Denn für viele Bürger besteht Vermögen in erster Linie aus Grundstücken, Häusern und Wohnungen: 70 Prozent des Bruttovermögens der Mittelschicht ist in Immobilien investiert.
In Deutschland beträgt die Wohneigentumsquote 45 Prozent – in Frankreich 58, in Italien 77 und in Norwegen sogar 80 Prozent. Deutschland ist damit fast Schlusslicht in Europa. Und das ist ein wesentlicher Grund für die im Europa-Vergleich ungleichere Vermögensverteilung.

Reichtum durch Erbschaften

Das Treppenhaus ist mit feinem Holz und Marmor verkleidet, das Wartezimmer ziert eine stilvolle Standuhr, im Besprechungsraum stehen juristische Kommentare. Hier wird darüber beraten, wer nach dem Tod Haus, Bargeld oder Gemälde bekommen soll. Johannes Schulte ist Erbrechtsanwalt an der Berliner Schloßstraße. Er setzt Testamente auf und vertritt Menschen in Erbangelegenheiten. Wenn nichts zum Nachlass geregelt ist, gibt es nicht selten Zoff: „Da sind Geschwister gegenseitig Paten der jeweiligen Kinder, sie fahren zusammen in den Urlaub – aber wenn es ans Erben geht, zerstreiten sie sich“, sagt er. Genau das wollten viele Menschen vermeiden, deshalb wendeten sie sich an ihn.

Für den Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty sind Erbschaften einer der Haupttreiber wachsender Ungleichheit. Seine These: Ererbte Vermögen vergrößerten sich schneller als Produktion und Einkommen der gesamten Volkswirtschaft. Auch in Deutschland nimmt die Bedeutung der Erbschaften zu – und treiben die Ungleichverteilung der Vermögen voran. Die Bundesregierung präsentiert im 5. Armuts- und Reichtumsbericht eine Befragung unter 150 Hochvermögenden. Ergebnis ist, „dass Erbschaften und Schenkungen bei zwei Dritteln der befragten Hochvermögenden ein relevanter Grund für ihren Vermögensreichtum sind“.

Verlässliche Zahlen zu Erbschaften fehlen. Aber selbst vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen 2015 und 2024 jährlich zwischen 100 und 400 Milliarden Euro vererbt werden. Dabei erben viele Menschen nichts oder gar Schulden. Und wenige bekommen viel. So entfällt auf die oberen zwei Prozent der Erbschaften ein Drittel des Wertes aller Hinterlassenschaften. Der Fiskus sieht davon nur einen geringen Anteil. Im Jahr 2016 nahm der Staat knapp 7 Milliarden Euro an Erbschaftsteuer ein. Bei 400 Milliarden Euro wären das 1,75 Prozent des vererbten Vermögens. Das liegt auch an den Freibeträgen: 400.000 Euro kann jeder Elternteil jedem Kind steuerfrei vermachen – und das auch schon zu Lebzeiten, alle zehn Jahre. „Da gibt es dann schon Fälle, dass Eltern ihrem Kind zur Geburt 400.000 Euro schenken und kurz nach dem zehnten Geburtstag die nächsten 400.000 Euro“, sagt Anwalt Johannes Schulte.

Nach Paragraph 13a des Erbschaftsteuergesetzes bleibt zudem ein Großteil der Betriebsvermögen steuerfrei. Die Vermögensteuer wird seit gut 20 Jahren gar nicht mehr erhoben. Dabei sieht das Grundgesetz die Erhebung einer solchen Steuer sogar grundsätzlich vor.

Wirtschaftsrat gegen höhere Steuern

Werner Bahlsen, der Präsident des Wirtschafsrates der CDU, lehnt höhere Erbschaftsteuern ab. Er ist selbst Familienunternehmer. „Da liegt ja nicht irgendwo Geld rum, das man für Luxusgüter ausgeben kann. Es steckt in den Fabriken, in den Anlagen“, sagt er. Und er weist darauf hin, dass vererbtes Vermögen schon einmal besteuert worden sei. Trotz der Spezialregelungen für Betriebsvermögen kennt er Fälle von Unternehmen, die mit der Erbschaftsteuer übergefordert gewesen seien. Er verspüre eine hohe soziale Verantwortung – so wie nach seiner Aussage der ganz überwiegende Anteil der Familienunternehmer. „Soziale Gerechtigkeit heißt für mich, dass möglichst jeder Arbeit hat, dass jeder seine Chance bekommt“, sagt Bahlsen. So argumentieren viele: Chancengleichheit sei wichtiger als Gleichheit der Einkommen oder Vermögen und damit auch als Umverteilung.

Sozialer Arbeitsmarkt

Ruth Krüger, die frühere Busfahrerin aus Nordrhein-Westfalen, hat lange auf ihre Chance gewartet. Und dann geriet sie an eine Rentenberaterin, die Krüger als „Glücksfall für mich“ bezeichnet. Diese Beraterin gab den Anstoß dazu, dass Ruth Krüger noch einmal die Schulbank drückte und SAP-Anwendungen paukte. Sie bewarb sich auf eine Stelle bei ihrem früheren Arbeitgeber – und bekam den Zuschlag. Seit etwa eineinhalb Jahren ist sie wieder in Arbeit. Sie bekam eine Chance – und nutze sie auch.

Bildung und Arbeit – das zeigt das Beispiel – sind entscheidend für Armutsbekämpfung und mehr soziale Gerechtigkeit. Deswegen ist im Koalitionsvertrag ein Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung im Grundschulalter vorgesehen – wie es schon im CDU/ CSU-Wahlprogramm stand. Deswegen will Bildungsministerin Anja Karliczek demnächst eine „Nationale Weiterbildungsstrategie“ auf den Weg bringen. Und deswegen setzte Karl-Josef Laumann, CDA-Bundesvorsitzender, als Verhandlungsführer in den Koalitionsverhandlungen einen „Sozialen Arbeitsmarkt“ durch. Daraus ist das „Teilhabechancengesetz“ entstanden, das derzeit im Bundestag beraten wird. Ziel: Langzeitarbeitslose sollen wieder in Lohn und Brot kommen.

Der Reiche und das Himmelreich

Selbst wenn Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik funktionieren, selbst wenn – was die CDA auch fordert – die Tarifbindung gestärkt wird: Das führt auf absehbare Zeit bestenfalls zu einer gleichmäßigeren Verteilung von Einkommen. Die Schere bei den Vermögen schließt sich dadurch nicht. Wie also damit umgehen? Das berührt sehr grundsätzliche Fragen: Wie viel Ungleichheit ist ethisch vertretbar? Wie ist Reichtum zu bewerten? Und was sagt eigentlich die christliche Gesellschaftslehre zu all dem?

Berühmt ist folgendes Gleichnis Jesu aus dem Neuen Testament: „Denn eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“ Und Papst Benedikt prangerte in seiner „Botschaft zum Welttag der Armen“ im Juni 2017 einen „unverschämten Reichtum“ an, der sich in den Händen „weniger Privilegierter“ ansammele. Doch die christliche Soziallehre gibt andere Antworten als Karl Marx, dessen Schriften angesichts seines 200. Geburtstages im Mai dieses Jahres wieder große Beachtung fanden. Zusammen mit Friedrich Engels beklagte er im „Kommunistischen Manifest“ von 1848 die Anhäufung des Reichtums in den Händen von Privaten – und gab auch eine Antwort darauf: „In diesem Sinn können die Kommunisten ihre Theorie in dem einen Ausdruck: Aufhebung des Privateigentums, zusammenfassen“, heißt es im Manifest.

Eigentum fördern

„Das Recht zum Besitze privaten Eigentums hat der Mensch von der Natur aus erhalten“, heißt es dagegen in „Rerum Novarum“ aus dem Jahr 1891. Und schon der Kirchenlehrer Thomas von Aquin hatte im 13. Jahrhundert geschrieben, es sei erlaubt, dass der Mensch privates Eigentum besitze – und es sei zugleich notwendig für das menschliche Leben. Aber gerade weil die Soziallehre Eigentum für so wichtig hält, will sie eine breite Streuung. Es genüge nicht, nur das naturgebene Recht auf Privateigentum, auch an Produktionsmitteln, zu betonen, schreibt Papst Johannes XXIII. in der Enzyklika „Mater et Magistra“ aus dem Jahr 1962 – und fährt fort: „Mit gleichem Nachdruck muss alles unternommen werden, damit alle Kreise der Bevölkerung in den Genuss dieses Rechtes gelangen.“

Deswegen haben Christlich-Soziale sich immer dafür stark gemacht, die Bildung von Eigentum und Vermögen zu fördern – Wohneigentum, aber auch Produktivvermögen. Die Union hat in den Koalitionsverhandlungen im Bund auch deshalb das „Baukindergeld“ durchgesetzt, das Familien ermöglichen soll, Eigentum zu bilden. Der stellvertretende CDA-Bundesvorsitzende Matthias Zimmer drängt darauf, auch die Mitarbeiterkapitalbeteiligung zu fördern. „Das gilt gerade angesichts der Digitalisierung“, sagt er.

„Eine Theorie der Gerechtigkeit“

Indes: Selbst eine noch so gute Eigentumsförderung kann die Ungleichheit bei den Vermögen von heute auf morgen nicht beseitigen. Und damit bleibt die Frage, welches Maß an Verteilungsgerechtigkeit akzeptabel ist – und wo die Schmerzgrenze liegt. Eine genaue Hausnummer nennt die christliche Soziallehre nicht. Aber der Moralphilosoph John Rawls hat sich in seiner „Theorie der Gerechtigkeit“ genau mit dieser Frage befasst. Sein Ergebnis: Soziale und ökonomische Ungleichheiten sind zulässig, wenn sie „zum größten zu erwartenden Vorteil für die am wenigsten Begünstigten“ sind. Klingt kompliziert, hat aber einen einfachen Kern. Konkret: Wenn Ungleichheit etwa dazu führt, dass Vermögende investieren und so Arbeitsplätze schaffen, die Armen ein Einkommen bescheren, ist das vertretbar. Bloßes Anhäufen von Geld und Besitz oder gar Luxuskonsum ist es dagegen nicht. Und so spricht einiges dafür, dass die Rawlsche Grenze inzwischen überschritten ist.

Erbschafts- und Vermögensteuer

Und das hieße, dass auch die Steuerpolitik zu einer gleichmäßigeren Verteilung beitragen muss. Für Thomas Piketty steht ohnehin außer Frage, dass hohe Einkommen und Vermögen stärker besteuert werden müssen. Die Zunahme der Ungleichheit seit den 1970er Jahren ist nach seiner Einschätzung „zu einem großen Teil den steuer- und finanzpolitischen Kurswechseln der letzten Jahrzehnte geschuldet“. Das gilt auch für Deutschland: Der Spitzensteuersatz bei der Einkommensteuer liegt heute deutlich niedriger als zu Helmut Kohls Zeiten.

Und so wird auch in der CDA über die Vermögen- und Erbschaftsteuer diskutiert. Matthias Zimmer hält es für sinnvoll, die Vermögensteuer wieder zu erheben. „Das hätte auch den Vorteil, dass wir mal wieder verlässliche Daten über die Vermögensverteilung in Deutschland bekommen“, meint er. Für Ruth Krüger müssen höhere Steuereinnahmen vor allem denen zugutekommen, die wenig haben – etwa denen, die von Grundsicherung leben. Sie selbst indes hat ein anderes Ziel vor Augen: endlich schuldenfrei zu sein. In einem knappen halben Jahr ist es aller Voraussicht nach so weit. „Dann fängt für mich ein neues Leben an.“

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