Immer mehr Menschen sind wohnungslos. Sie kommen bei Familie oder Freunden unter. Wenn alles schief geht, bleibt nur noch das Leben auf der Straße und als einziges Dach: Sammelunterkünfte. Deren Schwachstelle hat die Pandemie nun schonungslos offengelegt – und damit die Diskussion um neue Wege in der Obdachlosenpolitik befeuert.

Die Anzahl an Wohnungssuchenden ohne festen Wohnsitz steigt seit Jahren. Die BAG Wohnungslosenhilfe e. V. ging bei ihrer letzten Schätzung 2018 von rund 678.000 Menschen aus – rund 340.000 Menschen mehr als fünf Jahre zuvor. Der Hauptgrund für diesen Anstieg wird im Mangel an bezahlbarem Wohnraum gesehen. Alleine die Anzahl der Sozialwohnungen in Deutschland hat sich seit dem Jahr 2007 fast halbiert. Gerade Menschen im Niedriglohnbereich, Transferempfänger und Geflüchtete haben auf dem Wohnungsmarkt oft das Nachsehen.

Ist die Wohnungslosigkeit erst da, ist es besonders schwer den Betroffenen zu helfen. Und die Pandemie hat die schwierige Lage der Obdachlosen in Deutschland noch einmal dramatisch verschlechtert. Einerseits, weil mit dem Lock-Down für sie wichtige Einnahmequellen weggebrochen sind: Kleingeld, das in Fußgängerzonen erbettelt werden konnte, Pfandflaschen oder der Erlös aus dem Verkauf von Obdachlosenzeitungen. Aber vor allem, weil die Pandemie grundsätzliche Schwachstelle von Notunterkünften deutlich gemacht hat.

Die städtischen Sammelunterbringungen, die in der Not ein Dach über dem Kopf bieten sollen, werden auch in nicht Pandemie-Zeiten oft gemieden: Aus Angst vor Gewalt und Diebstahl. Im vergangenen Winter kam noch die Angst vor einer Corona-Infektion dazu. Die meisten Obdachlosen haben Vorerkrankungen und gehören zur Hochrisikogruppe. Die Folge: Trotz Kältewelle blieben viele Plätze leer und 23 Menschen sind auf der Straße erfroren, so viele wie seit fast 30 Jahren nicht mehr.

Um die Situation der Obdachlosen zu verbessern, braucht es mehr als ein Dach für eine Nacht. Das betont auch CDA-Bundesvorsitzender Karl-Josef Laumann: „Der Mensch braucht Wärme und ein Zuhause, das bedeutet auch: einen privaten Rückzugsraum. Dass es Menschen gibt, die nicht wissen, wo sie bleiben sollen, ist eine Katastrophe. Es kann nicht sein, dass in unserem Wohlfahrtsstaat Menschen auf der Straße leben“. Vieles spricht dafür, den Fokus bei der Bekämpfung von Obdachlosigkeit zu ändern. Weg vom System von Notunterkünften und vorübergehender Unterbringung und hin zur Vermittlung von Wohnraum.

Bisher haben Obdachlose zwar Anspruch auf eine Unterbringung. Die Sozialämter der Kommunen sind sogar verpflichtet, Unterkünfte in ausreichender Zahl für wohnungslose Menschen vorzuhalten. In der Praxis ist der Weg bis zur eigenen Wohnung jedoch oft weit. Vielfach müssen Obdachlose zunächst ihre „Wohnfähigkeit“ in Trainingswohnungen unter Beweis stellen. Und dieser meist zeitlich befristete Wohnraum ist an die Erfüllung von Auflagen und Wohlverhalten geknüpft. „Das deutsche System ist oft vergleichbar mit einer Leiter, die man Stufe für Stufe erklimmen muss. Die Gefahr, abzurutschen und wieder ganz unten zu landen, ist dabei sehr hoch“ fasst es Sozialforscher Volker Busch-Geertsema zusammen.

In NRW ist Sozialminister Laumann deshalb genau in diesem Punkt neue Wege gegangen. Im Rahmen der Initiative „Endlich ein Zuhause!“ wurden in 20 Kreisen Sozialarbeiter, Immobilienfachleute und die Wohnungsunternehmen an einen Tisch geholt.

Wir konnten fast 1.500 Menschen aus der Wohnungslosigkeit holen oder davor bewahren. Und das trotz der schwierigen Bedingungen in der Pandemie. Das ist schon ein toller Erfolg.

Eine eigene Wohnung bietet einen ganz entscheidenden Vorteil, findet Laumann: „Wenn Menschen, die einen großen Teil ihres Lebens auf der Straße verbracht haben, endlich wieder eine Wohnung haben, die ihnen nicht mehr genommen werden kann, dann erhalten sie dadurch auch die Sicherheit, die sie brauchen, um ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen.“

Die heilsame Kraft eines eigenen Zuhauses, das ist die Maxime moderner Ansätze zur Bekämpfung von Obdachlosigkeit. Wie erfolgreich diese sogenannte „Housing-first“-Politik ist, zeigt auch der Blick ins Ausland. In Finnland konnte die Zahl der Langzeitobdachlosen durch eine konsequente Vermittlung von Wohnungen bereits um mehr als ein Drittel gesenkt werden. Zwei Erfahrungen haben die Finnen gemacht: Für viele Menschen auf der Straße sind Heime keine Option, eine eigene Wohnung aber sehr wohl. Und: Wer einmal eine eigene Wohnung hat, der behält sie oft dauerhaft und sein Leben stabilisiert sich. Alkoholkonsum und Kriminalitätsraten sinken, und die Bereitschaft Therapieangebote anzunehmen steigt. Für Kommunen kann das eine lohnende Investition sein. Der Rückgang von Inhaftierungen sowie die sinkende Nutzung von Rettungsdiensten und anderen medizinischen Versorgungsleistungen spart ihnen viel Geld. Die Finnen haben darauf reagiert und mittlerweile mehrere Heime zu Wohnungen umgebaut.

In München ist man einen ähnlichen Weg gegangen. Mit Erfolg: Dort wurde 2011 das ausgediente Hotel Avella von der Heilsarmee, einer christlichen Freikirche, zum Männerwohnheim William-Both-Zentrum ausgebaut – mit 21 Einzelzimmern und einer sehr zufriedenen Belegschaft. Doch auch ein Männerwohnheim kann nur eine Teillösung sein. „Unsere Erfahrungen zeigen uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind“, sagt Laumann. Doch was es dringend braucht, ist geeigneter Wohnraum, also kleine, bezahlbare Wohnungen.

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