Verlässliche Regeln für das Arbeiten im Homeoffice

Arbeiten im Homeoffice gehört seit der Corona-Pandemie für Millionen Beschäftigte zum neuen Arbeitsalltag. Gut jeder dritte Beschäftigte arbeitet derzeit regelmäßig in den eigenen vier Wänden. Das ist grundsätzlich richtig und politisch gewollt, denn so können Arbeitswege und Begegnungen am Arbeitsort reduziert, Kontakte so weit wie sinnvoll und möglich reduziert und die Ausbreitung des Virus verlangsamt werden.
Bis zu 35 Prozent der Beschäftigten leisteten im April 2020 ihre Arbeit überwiegend oder teilweise von Zuhause aus. Diese Erfahrungen haben die Potenziale des mobilen Arbeitens, aber auch die damit verbundenen Herausforderungen und Risiken besonders deutlich gemacht. So ist mobiles Arbeiten inklusive Homeoffice bei weit mehr Tätigkeiten möglich, als noch vor einigen Monaten vielfach von Arbeitgebern oder Dienstherren behauptet.
Homeoffice wird von vielen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern gewollt. Der überwiegende Teil der Beschäftigten arbeitet nach eigenen Angaben zu Hause produktiver, schätzt den Zeitgewinn durch den Wegfall des Arbeitswegs und die Möglichkeit, die Arbeit besser über den Tag verteilen zu können. Eltern schätzen es, wenn gute Homeoffice-Regelungen die flexible Vereinbarkeit von Familie und Beruf unterstützen. Die Erfahrungen des Lock-Downs haben jedoch deutlich gemacht, dass sich das Arbeiten im Homeoffice mit der zeitgleichen Betreuung von Kindern sowie der Unterstützung im Homeschooling nicht vereinbaren lassen. Gerade für Frauen hat dies zu einer großen Doppelbelastung geführt. Wir wollen verhindern, dass Homeoffice dazu beiträgt, bestehende Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen zu verstärken.
Durch die Pandemie wurde Homeoffice für viele Menschen von einem unregelmäßigen, oft anlassbezogenen Privileg, das ausgewählten Beschäftigten durch den Vorgesetzen gestattet wurde, zum Normalfall. Viele Beschäftigte arbeiten derzeit regelmäßig oder sogar ausschließlich im Homeoffice. Homeoffice wurde im zurückliegenden Jahr zur vielfach gelebten Praxis, wobei viele arbeitsrechtliche Fragen ungeklärt sind. Das wollen wir ändern. Wir wollen Klarheit über Rechte und Pflichten für Beschäftigte und Arbeitgeber und über die Verteilung von Kosten und Verantwortung. Wir wollen Homeoffice im Sinne der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gestalten.
Das Arbeitsrecht kennt derzeit nur „Telearbeit“ und „mobiles Arbeiten“. Dabei bezeichnet Telearbeit Arbeitsformen, bei denen Beschäftigte jedenfalls einen Teil ihrer Arbeit mithilfe eines vom Arbeitgeber fest eingerichteten Bildschirmarbeitsplatzes außerhalb des Betriebes erbringen. Dabei gelten die Arbeitsplatzvorgaben der Arbeitsstättenverordnung und der Arbeitgeber muss eine Gefährdungsbeurteilung des Arbeitsplatzes sowie eine Unterweisung durchführen. Beim mobilen Arbeiten gelten diese strengen Arbeitsschutzregeln nicht. Diese Arbeitsform zeichnet sich dadurch aus, dass sie weder an das Büro noch an den häuslichen Arbeitsplatz gebunden ist. Klassischerweise trifft dies auf Dienstfahrten oder externe Termine zu, jedoch zunehmend auch auf das gelegentliche Arbeiten zu Hause und das Homeoffice während der Coronakrise.
Homeoffice galt bisher im Sinne des Arbeitsschutzes als Telearbeit. Die besondere Corona-Situation hat dies geändert und Homeoffice wurde in den Arbeitsschutzregeln des Infektionsschutzgesetzes als mobiles Arbeiten eingestuft. Die Arbeitsstättenverordnung sowie eine Gefährdungsbeurteilung müssen deshalb vom Arbeitgeber aktuell nicht beachtet werden. Diese Zuordnung war pragmatisch und ermöglichte, dass Millionen Beschäftigte von heute auf morgen Homeoffice machen konnten. Doch eine langfristige Lösung ist es nicht.
Für die Zeit nach der Pandemie bedarf es verlässlicher Regeln für Beschäftigte und Arbeitgeber. Es muss geklärt werden, wann Homeoffice als mobiles Arbeiten und wann als Telearbeit einzustufen ist. Wir wollen, dass dies per Gesetz, in einem Tarifvertrag oder aufgrund eines Tarifvertrags in einer Betriebs- oder Dienstvereinbarung festgelegt wird. Für alle nichttarifgebundenen Unternehmen fordern wir eine gesetzliche Schwellenwertregelung: Arbeitet ein Arbeitnehmer regelmäßig an wiederkehrenden Tagen von zuhause aus, ist die Arbeit als Telearbeit einzustufen. Wird dagegen sporadisch daheim oder unterwegs gearbeitet, handelt es sich um mobiles Arbeiten.
Wie die Arbeit im Büro, soll auch die Arbeit von daheim oder unterwegs durch Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mitgestaltet werden können. Die Rechtsposition der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer muss dafür gestärkt werden. Wir fordern, dass Betriebs- und Personalräte das Recht bekommen, mobile Arbeit und Telearbeit mitzugestalten.
Wir wollen, dass möglichst vielen Menschen mobiles Arbeiten ermöglicht wird. Gleichzeitig darf kein Arbeitnehmer darf dazu gezwungen werden im Homeoffice zu arbeiten. Mobiles Arbeiten darf keinesfalls zur Pflicht werden. Dabei ist uns wichtig, dass den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern weder aus der Inanspruchnahme noch aus der Nichtinanspruchnahme mobilen Arbeitens ein Nachteil entsteht.
Auch beim Arbeiten von zu Hause oder von unterwegs brauchen Menschen regelmäßige Erholungspausen. Wir wollen verhindern, dass durch Ausbeutung sowie interessierte Selbstgefährdung die Gesundheit der Menschen beeinträchtigt wird. Deshalb fordern wir, dass die geleistete Arbeitszeit auch beim mobilen Arbeiten oder bei der Telearbeit erfasst, dokumentiert und grundsätzlich vollumfänglich vergütet wird. (Gemäß Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) vom 14. Mai 2019 (C-55/18). Höchstarbeits- und Mindestruhezeiten sind im Arbeitszeitgesetz geregelt und müssen auch zu Hause eingehalten werden. Uns ist wichtig, dass eine Verlängerung der täglichen Arbeitszeit bzw. die Verkürzung von Ruhezeiten nur über einen Tarifvertrag oder aufgrund eines Tarifvertrags in einer Betriebs- oder Dienstvereinbarung ermöglicht wird. Gerade beim mobilen Arbeiten droht die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit schnell zu verschwimmen. Wir fordern ein Recht auf Abschalten und Nichterreichbarkeit.
Für Telearbeitsplätze wollen wir eine Kostenbeteiligung des Arbeitgebers für die regelmäßige Bereitstellung der Räumlichkeiten durch den Arbeitnehmer oder die Arbeitnehmerin sowie die ergonomische Arbeitsplatzausstattung. Regelmäßig entstehende Kosten wie z.B. Miete, Wasser und Strom sollen den Beschäftigten durch z.B. eine monatliche Pauschale erstattet werden. Diese sollen nicht als geldwerter Vorteil gelten. Das ist uns wichtig, weil einige Unternehmen bereits ankündigen, Büroarbeitsplätze dauerhaft einsparen und durch die Arbeit im Homeoffice ersetzen zu wollen. Wir wollen eine dauerhafte Überwälzung der Kosten für einen Arbeitsplatz vom Unternehmen auf die einzelnen Beschäftigten oder die Gemeinschaft der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler verhindern.
Wir wollen die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von den Kosten des Homeoffice entlasten. Deshalb fordern wir die bessere steuerliche Absetzbarkeit des häuslichen Arbeitsplatzes. Da gerade in Ballungsgebieten Wohnungen oft kleiner sind und kein abschließbares Arbeitszimmer haben, fordern wir, dass ab dem Jahr 2020 auch eine Arbeitsecke steuerlich absetzbar ist. Wir schlagen dazu ein Modell analog zur Pendlerpauschale für jeden Tag im Homeoffice vor.
Wir wollen mehr Sicherheit für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Homeoffice. Deshalb fordern wir, dass sie im Falle eines Unfalls während ihrer Arbeitszeit zu Hause genauso gut abgesichert sind, als hätten sie im Büro gearbeitet. Dazu müssen die gesetzliche Unfallversicherung sowie die Haftungsprivilegierung bei Sach- und Personenschäden gewährleistet werden. Die Ausgestaltung des Unfallversicherungsschutzes wollen wir mit der DGUV, den GKV sowie den PKV rückkoppeln.
Wenn immer mehr Menschen eines Betriebes im Homeoffice arbeiten, brauchen wir auch neue Wege zum Austausch zwischen den Beschäftigten. Die regelmäßige Begegnung im Betrieb, in der Mittagspause und beim Betriebsausflug ist nicht nur wichtiger Anker für sozialen Austausch. Es ist auch die Grundlage dafür, dass sich Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer organisieren. Deshalb fordern wir die Unternehmen sowie die Sozialpartner auf, Formate zu finden, die allen Mitarbeitern (virtuell und real) die Mitbestimmung über gemeinsame Betriebsräte ermöglichen. Denkbar sind z.B. Coworking-Spaces im ländlichen Raum.
Neben diesen Regelungsbedarfen sind Arbeitgeber auch gefordert, ihre Beschäftigten zur Arbeit im Homeoffice zu befähigen und Führungs- und Teamstrukturen dementsprechend anzupassen. Homeoffice im Sinne der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer steht und fällt vor allem mit gut geschulten Führungskräften. Das Führen auf Distanz muss gelernt werden. Ohne kompetente Führungskräfte kann aus regelmäßigem oder dauerhaftem Homeoffice schnell Vereinsamung oder Überarbeitung werden. Zugleich müssen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer geschult werden. Deshalb fordern wir die Arbeitgeber auf, gezielt in die Fort- und Weiterbildung ihrer Führungskräfte zu investieren. Aber auch die Beschäftigten müssen geschult werden. Wir wollen, dass die Nutzung digitaler Arbeitsmittel, die Selbstorganisation und der Gesundheitsschutz im Homeoffice in Fort- und Weiterbildungen thematisiert wird. Für neue Mitarbeiter und Auszubildende halten wir eine ausführliche Einweisung für wichtig. Durch Homeoffice darf zudem der Erfolg von betrieblicher Ausbildung nicht gefährdet werden.

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